Sarajevo: Mörderische Touristen

Sarajevo, Bosnien-Krieg. Die „Menschen-Safari“ gab es möglicherweise wirklich. Die Beweise häufen sich. Auch in Österreich ermitteln jetzt Staatsanwälte. Die Preise für die Wochenend-Mörder sollen pervers gestaffelt gewesen sein: Frauen und Kinder kosteten extra.

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Eine Meldung im Deutschlandfunk hat mich heute förmlich elektrisiert: Nach Berichten über reiche Ausländer, die im Bosnien-Krieg vor 30 Jahren Geld gezahlt haben sollen, um Zivilisten zu erschießen, sind nun auch in Österreich Ermittlungen aufgenommen worden. Wie das Justizministerium in Wien mitteilte, richten sie sich gegen einen Österreicher und einen weiteren bislang nicht identifizierten Verdächtigen. In Italien und Bosnien-Herzegowina laufen bereits Ermittlungen.

Als sogenannte Scharfschützen-Touristen haben zahlreiche Menschen, Zeugen zufolge, aus sicherer Entfernung Jagd auf Zivilisten in den Straßen der damals belagerten Hauptstadt Sarajevo gemacht. Sie sollen bosnisch-serbischen Streitkräften hohe Summen gezahlt haben, damit diese ihnen die Kriegsverbrechen ermöglichten.

Verbrechen, die mich erschüttern, obwohl ich jahrzehntelang als Nachrichtenredakteur gearbeitet habe und wirklich nicht zart besaitet bin. Bisher gab es immer noch begründete Zweifel und Anhaltspunkte, dass es sich bei der Geschichte um einen Gruselmythos, um eine „Urban Legend“, handelt. Neue Rechercheergebnisse haben aber offensichtlich dafür gesorgt, dass auch die Staatsanwälte in Österreich das anders sehen.

Die mutmaßlichen Täter stammen demnach aus Österreich, Italien, Frankreich, Belgien, der Schweiz und aus Russland. Vier Jahre lang ist die bosnische Hauptstadt von bosnischen Serben belagert worden, von April 1992 bis November 1995. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie auf den umliegenden Hügeln wurden, in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt, etwa 11.500 Männer, Frauen und Kinder getötet. Mehr als 50.000 Menschen wurden verletzt.

Schon seit den 1990er-Jahren gab es in Bosnien Gerüchte, dass der Beschuss von den Bergen rund um die belagerte Stadt an Wochenenden merkwürdig zunahm und dass dort Menschen schossen, die keine Uniformen trugen. Konkrete Belege lieferte 2022 der Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič. Darin sagten erstmals Zeugen aus – darunter ein ehemaliger Mitarbeiter eines jugoslawischen Geheimdienstes, der angab, die Logistik dieser Reisen beobachtet zu haben.

„I cecchini del weekend“ – Die Wochenendscharfschützen“ – das Buch des italienischen Investigativ-Journalisten Ezio Gavazzeni brachte 2026 weitere konkrete Details und Zeugenaussagen an die Öffentlichkeit.

Demnach liefen die Safaris wie folgt ab: Organisiert wurden die Reisen mutmaßlich von kriminellen Netzwerken und einer Agentur in Belgien (mit Ablegern in London und Mailand). Die Kunden – oft wohlhabende Männer, teils aus rechtsextremen Kreisen oder Waffensammler-Milieus – reisten über Mailand und Triest nach Belgrad und wurden von dort an die Frontlinien geschmuggelt. Man nutzte teilweise als Ambulanzen getarnte Fahrzeuge, um Kontrollen zu umgehen.

Allein aus Italien sollen sich schätzungsweise 230 Personen an den Menschenjagden beteiligt haben. Um sich nicht zu verraten, wurden Codewörter benutzt, der Schütze war beispielsweise der „Archer“, also der Bogenschütze, die Opfer wurden „Deer“, Rotwild, genannt. Die Preise, die die Safari-Touristen zahlten, waren nach Perversität gestaffelt: Schüsse auf Männer waren am „günstigsten“, während das gezielte Töten von Kindern am teuersten war. Die Rede ist von bis zu 90.000 US-Dollar.

Die Staatsanwaltschaft in Mailand sowie bosnische Behörden führen mittlerweile formelle Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen gegen mehrere namentlich bekannte Verdächtige. Auch ehemalige Diplomaten (wie der damalige Vize-Chef der italienischen Mission in Sarajevo, Michael Giffoni) bestätigten inzwischen öffentlich, dass diese „Menschen-Safaris“ Realität waren und der damalige italienische Militärnachrichtendienst SISMI ab 1994 versuchte, die Anreisen zu unterbinden.

Die Jagd auf wehrlose Menschen ist historisch kein Einzelfall. Ein Beispiel: Deutsch-Ostafrika im ersten Weltkrieg. Während des sogenannten Buschfeldzugs der deutschen „Schutztruppe“ unter Kommandeur Paul von Lettow-Vorbeck reisten wohlhabende europäische Abenteurer teils mit privater Safari-Ausrüstung an, um sich als „Freiwillige“ an der Jagd auf gegnerische Späher und eingeborene Truppen, sogenannte Askaris, zu beteiligen.

Auch bei der Niederschlagung von Aufständen in Nordafrika oder im Nahen Osten luden Militärs vereinzelt reiche Gönner oder Jagdgesellschaften ein, um aus sicherer Entfernung an Strafexpeditionen gegen Einheimische teilzunehmen.  Im Vietnamkrieg soll es ebenfalls vorgekommen sein, dass wohlhabende US-Bürger eingeladen wurden, an Bord von Militärhubschraubern im Tiefflug mit automatischen Waffen auf flüchtende Vietcong oder fälschlicherweise dafür gehaltene Bauern zu schießen.

In den Kriegen im Irak und in Afghanistan gab es immer wieder Videos und Berichte über sogenannten „Kriegstourismus“. Reiche Privatleute kauften sich in den Schutz von Sicherheitsfirmen ein, um den „Nervenkitzel“ an vorderster Front zu erleben, wobei die Grenze zum aktiven Schießen fließend war.

Die belgische Autorin und Journalistin Gaea Schoeters hat die, vor allem koloniale, Menschenjagd in ihrem Roman „Trophäe“ literarisch verarbeitet.

Sniper-Tourismus, Menschenjagden, Morden aus sicherer Distanz. Warum machen manche sowas? Und es waren offenbar Hunderte! Offenbar sind Suff und Juwelen, Jachten und Sportwagen, Drogen und Nutten irgendwann nicht mehr genug.

Psychologen sprechen von absoluter Dehumanisierung: Die Opfer im Tal (wie in Sarajevo) werden von den Tätern nicht mehr als Menschen, sondern als bloße Zielscheiben in einem makabren Real-Life-Videospiel wahrgenommen.

Und es geht um das Gefühl der Omnipotenz: Wohlhabende Menschen, die im Alltag alles kaufen können, suchen den ultimativen, verbotenen Nervenkitzel – Gott spielen aus einer absolut geschützten, privilegierten Position heraus.

Möglich wird das fast nur im Krieg, wenn Gesetze nichts mehr gelten und korrupte Militärs sich mit dem Geld der mörderischen Touristen ihre eigenen Taschen füllen.

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