WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Er spielte Tennis

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hat der längste Stromausfall in der Hauptstadt seit dem Zweiten Weltkrieg möglicherweise gravierende Folgen. Er mußte jetzt zugeben, dass er Tennis spielen ging, als der Strom ausfiel. Schon vorher hat er viel falsch gemacht. Das schreibt der Medientrainer Tom Buschardt. Wir übernehmen einen Artikel aus "politik & kommunikation".

MEINUNGPOLITIK

1/7/20265 min read

Der kommunikative Ahrtal-Moment des

Kai Wegner

Der Regierende Bürgermeister demonstriert während des Stromausfalls in Berlin, wie Krisenkommunikation nicht funktioniert, schreibt Medientrainer Tom Buschardt.

Egal was Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) noch macht: Sein fester Platz als Negativ-Beispiel in Fachliteratur und Kommunikations-Vorlesungen ist ihm die nächsten Jahre sicher. Er erlebt im Stromausfall-Berlin seinen persönlichen Ahrtal-Moment. Doch dazu später.

Der tagelange Stromausfall in Teilen von Berlin ist nicht die Folge eines sogenannten Baggerangriffs (Bagger trifft Leitung), wo im Normalfall nach wenigen Stunden alles wieder läuft, sondern es handelt sich um einen Terroranschlag. Das erfordert eine klare und engagierte Kommunikation – nicht nur in Bildern, sondern auch verbal. Alles andere führt sehr schnell dazu, dass in der Bevölkerung erhebliche Verunsicherung, Zweifel und auch Wut auf die politisch Verantwortlichen entsteht.

Schauen wir uns seine Zitate genau an. Wegner redete sich ohne Not um Kopf und Kragen. Sein Satz, der das Kommunikationsdesaster einleitet: „Die Krisenstäbe haben immer wieder getagt und ich habe mich informieren lassen.“

Wie soll man diesen Satz anders verstehen als: „Die anderen haben operative Verantwortung übernommen und ich bin informiert worden.“ Ein Regierender Bürgermeister, stabil angekommen in Passivität. Und in der Live-Situation vor der Presse: „Wir werden heute zu einem Krisenstab einladen.“ Und seine Innensenatorin korrigiert: „Ist bereits eingeladen.“ Sie meint es vermutlich nur gut und möchte hier dem Regierenden unter die Arme greifen, weil sie ihn vermutlich auch als zu reaktiv empfindet.

Grundregel: Sagen, was ist

Doch eine Korrektur des Chefs trägt man nicht vor laufenden Kameras vor, sondern unmittelbar nach dem Gespräch Wegners mit der Presse. Vor Ort, aber im unmittelbaren Anschluss. Kein Wunder, dass die Presse vor Ort Witterung aufnimmt. Wegner bemüht sich redlich, jeden Fettnapf mitzunehmen: „Aber ich habe mich gestern weder gelangweilt, noch die Füße hochgelegt. Sondern ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht zu koordinieren und mich bestmöglich zu informieren, weil ich glaube, das hilft den Menschen noch mehr.“

Eine der Grundregeln der Kommunikation lautet: „Erzähle niemals den Menschen, was gerade nicht ist.“ Im Zweifel hilft uns das historische Zitat von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein weiter: „Sagen, was ist.“

Unser Gehirn kann nicht „nicht“ denken. Denken Sie jetzt bitte nicht an einen Strand am Meer – und genau das Gegenteil trifft ein. Wegner vermittelt ohne Not das Bild, wie der Regierende die Füße hochlegt und sich langweilt.

Er hat „versucht zu koordinieren“. Das ist ein erbärmliches Arbeitszeugnis: Er hat sich bemüht, den Anforderungen an das Alltagsgeschäft eines Politikers im Range eines Ministerpräsidenten gerecht zu werden. Im Zeugniscode der HR-Abteilungen ist das eine satte 5! Niemand kann hier ernsthaft den Eindruck gewinnen, dass der Mann an der Spitze weiß, wie das Geschäft geht. Was hat er am Telefon gemacht? Entscheidungen getroffen? Geld- und Sachmittel freigegeben? Er sagt es uns: Er hat sich informiert. Und jetzt?

„Ich war zu Hause und habe mich in meinem Büro zu Hause eingeschlossen, im wahrsten Sinne, und habe dann koordiniert.“

Wie mag es bei Kai Wegner zu Hause zugehen? Nach einem Terroranschlag muss er sich „im wahrsten Sinne“ einschließen? Man soll von sich nicht automatisch auf andere schließen, jedoch kenne ich bei mir zu Hause keine Situation, wo ich mich „im wahrsten Sinne“ einschließen müsste, wenn ich mal Ruhe zum Arbeiten benötige. Das versteht meine Familie auch ohne, dass ich im Arbeitszimmer den Schlüssel von innen herumdrehe.

Körpersprache ungenügend

Hierfür gibt es nur eine plausible Erklärung: Vergleicht man den Auftritt von Wegner im Video, dann kann man erkennen, wie oft er sich gegen die Rede- und Bildachse zu seinen eigenen Mitarbeitern umdreht, während er im Grunde genommen die Fragen des Reporters beantwortet, der ihm direkt gegenüber steht. Er schafft die einfachsten Dinge nicht: Fester Blick, Standhaftigkeit und Substanz vermitteln. Körpersprache-Test: Durchgefallen. Im Medientraining lernt man das in den ersten Minuten. Da das gesprochene Wort Zeit benötigt, merkt er vermutlich bereits bei der Formulierung, wie dünn er hier unterwegs ist. Es mag ihm dämmern, welches schlechte Bild er abgibt, wenn der Regierende Bürgermeister bei einem Terroranschlag aus dem Home-Office heraus ein paar Überstunden absolviert. Nur so kann das „im wahrsten Sinne“ in die Sprache hereingerutscht sein. Wenn schon nichts mit Nachdruck zu kommunizieren ist – dann doch wenigstens, indem man sich sogar (sic!) einschließt zu Hause. Maximale Entschlossenheit: Schlüssel umgedreht.

Man mag über Spitzenpolitiker in Krisenstäben durchaus geteilter Meinung sein. Zuweilen läuft es besser, wenn Experten unter sich agieren können. Ein Spitzenpolitiker gehört jedoch zum System dazu. Es entstehen natürlich Bilder in Gesprächen mit Einsatzkräften (Wegner hat hier auf Social Media nachgeliefert – wenn auch bildlich schwach gelöst). Diese Bilder suggerieren Entschlossenheit, Verantwortungsbewusstsein und Handlungsbereitschaft. Es sind Bilder, die in einer Krise unverzichtbar sind. In neun Monaten wählt Berlin einen neuen Senat. Und der regierende Spitzenkandidat der CDU lässt eine solche Gelegenheit im Home-Office verstreichen? Ein Desaster für jeden Wahlkampf.

Die emotionale Macht der Bilder

In der Notunterkunft passieren natürlich Pannen. So geschehen mit einer 97- oder 98-jährigen Frau (die Medienberichte weichen hier geringfügig voneinander ab), welche die Nacht – trotz Pflegestufe – auf einem Feldbett mit Pritschen-Komfort verbringen musste. Was Wegner richtig macht: Er geht in die Hocke, um mit der älteren Dame auf Augenhöhe zu sein. Eine medial schwierige Situation: Er muss dieses Gespräch im Beisein der Presse führen. Nachteil: Eine leidende ältere Dame wirkt emotional immer stärker in den Medien als ein Regierender Bürgermeister. Und für Wegner ist der nächste Fettnapf nicht weit: Das Gespräch mit dem verärgerten Sohn der Dame führt er, während er direkt am Kopfende stehen bleibt. Somit ist die Dame immer im Bild und Wegner wirkt, als spräche er über den Kopf der Seniorin hinweg und würde sich nicht für sie interessieren. Mit einem „Lassen Sie uns doch etwas auf die Seite gehen, dann hat Ihre Mutter auch etwas mehr Ruhe in dieser schwierigen Situation“ hätte er sich leicht aus der Lage herausmanövriert.

Menschen mit politischem Langzeitgedächtnis werden Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner künftig in einem Atemzug mit Anne Spiegel nennen. Jene Grünen-Politikern, die 2021 bei der Ahrtal-Flut auch Umweltministerin in Rheinland-Pfalz war und kurz bevor die Flut über 180 Menschen tötete, sich mit der SMS „Bitte noch gendern, ansonsten Freigabe“ aus dem Krisenmodus verabschiedete. Als sie Familien-Bundesministerin unter der Kurzzeit-Regierung von Olaf Scholz war, holten sie die Ereignisse wieder ein: Vier Monate Bundesministerin bis zum Rücktritt. In der Krisenanalyse unverzichtbar ist Spiegels Entschuldigungs-Pressekonferenz, in der sie völlig überfordert nach hinten fragte: „Muss ich das jetzt noch irgendwie abbinden?“.

Anne Spiegel war nicht mehr haltbar – trat zurück. Armin Laschet machte Faxen hinter dem Rücken von Frank-Walter Steinmeiner. Die Kurzgeschichte seiner Kanzlerkandidatur endete mit dem Wahltag.

Kai Wegner hat noch neun Monate bis zum Urnengang. Aber hat er die Weichen nicht schon längst gestellt? Zu Hause. Im Homeoffice. „Im wahrsten Sinne des Wortes“.