WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Für immer 27
Ein Interview mit dem Sänger und dem Bassisten der Berliner Ska-Band Blechreiz
MUSIK
Karl-Heinz Hüning
3/22/20265 min read


In Holland bin ich weltberühmt, hat der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch mal gesagt und ganz ähnlich geht es der Berliner Ska-Band Blechreiz. In ihrer Szene kennen alle die neun Musiker. Ohne große Hits und Subventionen reichen die Gagen oft nur fürs Fahrgeld. Entscheidend aber ist die Bühnenpräsenz. Seit mehr als vierzig Jahren. Gemeinsam sind Fans und Musiker alt geworden. Auch wenn immer noch neue Fans nachwachsen. Der Musik ist es ergangen wie einer guten Tomatensoße, die stundenlang vor sich hin köchelt - der Sound ist immer dicker geworden.
Christian Prüfer ist der Sänger, Matthias Bonjer spielt Bass bei Blechreiz.


Wagner: Blechreiz, toller Name. So gut, dass es gleich drei Bands gibt, die so heißen. Habt ihr den anderen schon eure Anwälte auf den Hals gehetzt?
Bonjer: Ich habe denen mal geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Das Problem ist, dass bei Spotify Songs von anderen Bands in unserem Account auftauchen.
Prüfer: Also, ich glaube, es gibt nicht nur zwei ausser uns, die so heißen, es gab sogar mal vier. Die aus Österreich nennen sich inzwischen Blechreiz-Pop. Dann gibt es noch ein Roller-Treffen in Süddeutschland, das heißt auch Blechreiz. Einfach ein schöner Name.
Bonjer: Das Problem sind die Konzertankündigungen, das ist ein bisschen nervig.
Wagner: Was ist Blechreiz für eine Band?
Prüfer: Blechreiz ist eine Ska-Band aus West-Berlin, gegründet unter anderem von unserem Bassisten Bonjer, damals noch als Schülerband.
Bonjer: Im November 1983 war das. Damals hatte ich einen Bass geschenkt bekommen.
Prüfer: Dann hat Bonjer mich 1987 dazu geholt, dann kam JB und Blechreiz wuchs zu einer mehrköpfigen Band. Und das war dann auch der Zeitpunkt, wo es so richtig losging mit Konzerten. Die Band hatte bestimmt schon mal zehn Konzerte gemacht, aber seit ich dann dabei war, ging das richtig ab. Wir sind dann auch nach Westdeutschland gefahren.
Bonjer: Wir haben 1988 sogar einen Antrag gestellt für eine DDR-Tour. Das hat sich dann aber von selbst erledigt. Die Band gibt es noch heute und wir klingen besser denn je. Wir haben Professoren an Bord, Leitungskräfte aus der Pflege machen mit, LKW-Fahrer, ein Spezialist für Farbmanagement bei der Bundesdruckerei - ein großes Potpourri kluger Menschen.
Wagner: Wie viele Leute seid ihr?
Prüfer: Ein Kern von neun Musikern. Hinzu kommen sogenannte Ersatzspieler, die einspringen wenn andere nicht können. Seit unserer Reunion 2008 versuchen wir, bis zu zwölf Mal im Jahr aufzutreten. Und das schaffen wir eigentlich auch, trotz der ganzen unterschiedlichen Zeitpläne und familiären Verpflichtungen.
Wagner: Ihr macht das natürlich alles nur wegen des Geldes?
Bonjer: Ja, wir kriegen unglaublich große Gagen. Wir kriegen hohe Gagen! Früher haben wir ja immer gesagt, für einen Schlafplatz und eine Kiste Bier kommen wir. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.
Wagner: Ska, eine Art von Musik, die heute wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wie war das damals?
Prüfer: Anfang der 80er, das war in England gerade die Hochzeit von Two Tone. Und alle drei, die die Band gegründet haben, Bonjer, Joisy Großkopf und Hanni Wagemann, waren total beeinflusst von den Specials, von Madness aber auch von Modsachen wie The Jam, oder auch von Punk, The Clash oder so. Und diese ganzen Einflüsse sind bei Blechreiz zusammengeschmolzen und prägen den Sound bis heute.
Wagner: Besonders live merkt man, dass ihr schon seit Jahrzehnten zusammenspielt, soviel Wucht und soviel Kraft, im Konzert entsteht eine fette Klangwand.
Prüfer: Du kannst mit neun Leuten auch einfach richtig was los machen. Mit drei Bläsern und zwei Gitarren, Keyboards, Bass und Schlagzeug kannst du halt auch so eine Wand aufbauen. Außerdem spielen mehrere Profimusiker mit. Lorenz Allacher, der später bei Rosenstolz mitgemacht hat, ist bereits vor 12 Jahren gestorben. Unser Bariton-Saxophonist ist Berufsmusiker, unser Trompeter ist ebenfalls Profi, unser Drummer war mal Berufsschlagzeuger, alles Studiomusiker. Unser Ersatzgitarrist ist festes Ensemble-Mitglied von Dieter Bohlen gewesen.
Bonjer: Noch eine schöne Geschichte ist, dass wir bei einer der letzten Plattenproduktionen Unterstützung aus Bogota in Kolumbien hatten. Die Bläsersätze wurden von der Ska-Band Memoria Insuficiente aufgenommen und dann über das Internet zugespielt. Die haben schon vor zehn Jahren Songs von uns gecovert.
Wagner: Wenn man ins Internet guckt, dann bekommt man den Eindruck, ihr seid weltberühmt.
Bonjer: Nein, wir sind weltberühmt und deswegen sind wir im Internet!
Prüfer: Das Genre Ska ist weltweit verbreitet, die Szene bleibt trotzdem überschaubar, gleichzeitig ist sie aber größer als je zuvor. Japan war vor ein paar Jahren ein Riesen-Ska-Land und es gab ganz viele Bands in Indonesien. Das Hauptland für Ska ist merkwürdigerweise inzwischen Mexiko. Es gibt dort 250 Ska-Bands und riesige Festivals mit 50 Tausend Leuten.
Bonjer: Und es entstehen weltweit viele unterschiedliche Kombinationen. Sehr viel mit der lateinamerikanischen Musik, teilweise aber auch wieder mit Punkrock gemischt oder mit Metal.
Wagner: Was ist Erfolg?
Prüfer: Erfolg ist, wenn wir das schaffen, dass die Leute, die zum Konzert kommen, ab Song drei, vier anfangen, richtig mitzumachen. Wenn wir die kriegen, wenn wir merken, der Funke springt über, wir haben sie im Griff und sie tun das, was wir wollen. Größter Erfolg bei Spotify ist der Song Bumble Bee mit inzwischen knapp 400 Tausend Aufrufen.
Wagner: Ihr seid ja schon gesetztere Herren. Wie lange macht ihr das noch?
Prüfer: Passt irgendwie zu keinem von uns so richtig der Begriff. Liegt ja nahe, wenn man nur aufs Geburtsdatum guckt, dann könnte man das sagen. Aber ich glaube, keiner von uns ist so ein Typ zu dem die Bezeichnung wirklich passt. Nichtsdestotrotz ist es natürlich so, dass wir alle nicht mehr so mobil, so fit und so belastbar sind, wie wir es noch mit 25 waren. Aber das Phänomen ist ja, dass sobald wir gemeinsam in den Bandbus steigen, alle wieder 27 sind.
Bonjer: Naja, sagen wir 39.
Prüfer: Es ist für alle toll, aus dem Alltag auszubrechen und das eben so machen zu können. Das, glaube ich, möchte keiner aufgeben.
Bonjer: Eine der größten Ska-Bands der 60er Jahre, die Skatalites, ist immer noch auf Tour. Also, wir spielen auf Festivals, wo als Hauptband meistens ein schwarzer 90-Jähriger auftritt, der von seiner Enkeltochter auf die Bühne geführt wird, damit er drei Songs singen kann. Man kann mit Ska altern.
Prüfer: Das hast du ganz schön gesagt, Ska ist im Alter kein Handicap. Das war schon immer so. Und die Bands, die Blechreiz beeinflusst haben, also die Specials oder Madness und so weiter, die gibt es ja auch noch alle. Madness treten jetzt im Juni wieder in Berlin auf. Und die sind ja fünf, sechs, sieben, acht Jahre älter als wir.
Wagner: Letzte Frage, wie haltet ihr euch unangenehme Verehrer vom Hals? Also Skinheads, die die Band mit ihrem Nazi-Kram vereinnahmen wollen.
Prüfer: Ska war schon immer auch eine Musik für Skinheads. Und die Skinhead-Bewegung ist von ihrer Tradition her erst mal unpolitisch und schon gar nicht irgendwie rassistisch. Das waren keine Nazis. Das kam alles erst später, das hat sich alles erst entwickelt. Und in Deutschland haben wir das dann sozusagen so gelernt, der Mainstream hat das so gelernt. Natürlich kommen auch Skins zu unseren Konzerten, aber das sind keine Rechten. Also es sind keine Nazis. Nazis kommen schon lange nicht mehr zu unseren Konzerten. Das war vielleicht in den 90ern noch so, als wir ganz viel auch im Osten getourt sind, damals als die Baseballschlägerjahre waren. Da hatten wir öfter Probleme. Das gibt es heute alles nicht mehr. Die Nazis haben ihren Dreck, haben ihre Klamotten, haben ihre Kackbands, machen ihre beschissenen Konzerte und Festivals. Die ganzen Fascho-Idioten, die treffen wir gar nicht mehr. Faschisten treten heute gestriegelt und gebügelt auf. Die, die früher die Molotow-Cocktails gebastelt haben und mit Baseballschlägern durch die Straßen gezogen sind, die sitzen heute in den Parlamenten.
Bonjer: Und was wir noch unbedingt loswerden möchten: wir spielen am 20. Juni in Berlin-Köpenick. Ich empfehle außerdem unsere neue Live-Platte, die gerade rausgekommen ist.


















































