Solo-Reisen mit 60: Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben
Solo-Reisen ist kompliziert, teuer und riskant? Das Gegenteil ist der Fall. Mit Smartphone, Übersetzungs-App und Buchungsplattformen war es noch nie so unkompliziert und sicher, die Welt zu erkunden. Wenn plötzlich nichts mehr funktioniert – und genau das gut ist
Der Tag vor meiner Abreise aus Zentralasien zurück nach Deutschland war wieder einmal ein absoluter Knaller. Meine Technik versagte den Dienst, meine Kreditkarte ist irgendwo zwischen Bischkek und Almaty verloren gegangen, die SIM-Karte streikt und am Busbahnhof gibt es weder WLAN noch eine Wechselstube für meinen allerletzten 50-Euro-Schein. Der Akku meines unentbehrlichen Reisebegleiters – dem Smartphone – zeigt nur noch wenige Prozent, aber ich schaffe es, eine KI zu fragen, was zu tun ist: In Großbuchstaben beordert sie mich zum Flughafen, um dort alle Probleme kompakt lösen zu können.
Bei sengender Hitze und beladen wie ein Esel – mein Rucksack wiegt nach drei Monaten nicht mehr 8, sondern 13 Kilo – setzen mich ein paar Studenten an der Busstation lachend in einen Bus zum Flughafen. Glücklicherweise kann ich bar zahlen.
Irgendwo in meinen Taschen krame ich noch umgerechnet einen Euro in kasachischer Währung hervor und zahle für den jungen Australier hinter mir gleich mit. Ein verträumter Backpacker um die zwanzig, der ebenfalls komplett blank ist. „Ist das dein Sohn?“, fragt der Busfahrer trocken. Ich lache kurz laut „Nein!“, gebe dem Fahrer das Geld und winke den Jungen einfach mit durch. Erleichtert lasse ich mich auf einen Sitz fallen, der mir netterweise sofort freigeräumt wird, und bekomme prompt heftiges Nasenbluten. Eine Kasachin steckt mir fürsorglich ein Tempo zu, während wir im Schneckentempo stop und go durch die Stadt Richtung Flughafen kriechen.

In diesem Chaos muss ich plötzlich laut lachen. Hinter mir liegt eine dreimonatige Reise von Berlin nach Zentralasien mit mehr als 11.000 Kilometern, die ich hauptsächlich mit Bus und Bahn zurückgelegt habe. Und ich fühlte mich in diesem Moment so frei, energiegeladen und lebendig wie seit meinen Studientagen nicht mehr.
Wer in Deutschland auf die 60 zusteuert, sieht sich meist einem fest geschriebenen gesellschaftlichen Drehbuch gegenüber: unauffällig werden und über das Älterwerden klagen. Jammern auf hohem Niveau ist bei uns schließlich Volkssport. Wir stecken in unseren Alltagsroutinen fest, verteilen kluge Ratschläge, schaffen aber bei uns selbst den Perspektivwechsel nicht mehr. Kommen dann noch Debatten über Rentenreformen dazu, schlägt die Skepsis schnell in Zukunftsangst um.
Dabei vergessen wir eine einfache Wahrheit: Wir können das Leben nicht ewig aufschieben. Wir Boomer haben unser Leben lang geklotzt, wir kennen Anpacken, Frust und Durchhaltevermögen. Ich habe mit 14 Jahren neben der Schule im Akkord Fahrradbremsen zusammengeschraubt. Wer so aufgewachsen ist, weiß, wie sich Arbeit anfühlt – aber auch, dass die Zeit endlich ist. Solange die Gesundheit mitspielt, gibt es keinen Grund zu warten. Wir haben so viele Leben in uns – wir müssen uns nur entscheiden, welches wir leben wollen.
Die Welt ist anders, als man denkt
Auf den Straßen von Mexiko-Stadt ruft mir jemand beim Überqueren der Fahrbahn ein respektvolles „Pasa, Madre“ („Gehen Sie vor, Mutter“) zu. In dem Moment wird mir klar: Egal wie sportlich oder aktiv ich durch die Welt ziehe, von außen bin ich eine Frau von 60 Jahren – und die bleiben auch. Aber warum dagegen ankämpfen? Ich nehme die Privilegien des Alters mittlerweile lächelnd mit: Wo ich auftauche, gilt der Vortritt ganz selbstverständlich mir, begleitet von echter, warmer Herzlichkeit.

Braucht es für den ersten Schritt noch ein bisschen Schubhilfe, hilft eine vertraute Brücke: Ich reise zuerst nach Rom zu Gloria – einer Reisefreundin, die ich in den 80ern als 23-Jährige in Brasilien kennengelernt habe. Von dort aus fällt der Sprung hinüber auf den Balkan plötzlich leicht.
Ich erlebte, wie heilsam es ist, die eigenen Vorurteile über Bord zu werfen. Als ich in Bari auf die Fähre nach Albanien steige, habe ich noch ein graues Bild im Kopf: Beton, verschlossene Gesichter, Isolation. Ich liege komplett falsch. Albanien empfängt mich mit einer Herzlichkeit, die mich im Sturm erobert. Die Hauptstadt Tirana sprüht vor Energie und erinnerte mich mit ihren unzähligen, stets gefüllten Cafés an das Berlin meiner Jugend mit seinen lebendigen Eckkneipen.
Seit fast vier Jahrzehnten lebe ich in der Hauptstadt, immer direkt neben der türkischen Community. Doch ehrlich gesagt: Mein Wissen endete bisher an der Kebab-Theke, auf dem Kreuzberger Türkenmarkt oder beim Friseur. In meinem Kopf hingen noch viele verstaubte Gastarbeiter-Bilder. Erst auf meiner Zugreise quer durch die Türkei und durch das weite Anatolien wird mir klar, wie unvollständig mein Bild ist.
Unterwegs treffe ich Gastgeberinnen wie Nino im georgischen Kutaissi. Sie sagt einen Satz, der mir bleibt „Ich reise nicht, aber die Welt kommt zu mir.“ Das Aufbrechen weckt diesen natürlichen Durst nach Wissen und Begegnung auf beiden Seiten.
In Batumi lande ich bei einem georgischen Supra mit Touristinnen aus der Ukraine, Polen, Litauen und Russland. Obwohl der Schatten des Ukraine-Kriegs schwer über dem Tisch liegt und ich als Einzige kein Russisch spreche, liegen wir uns nach zahllosen Trinksprüchen auf Frieden und Freiheit schließlich tanzend in den Armen.
Mut ist kein Talent – er ist Übungssache
Oft werde ich unterwegs gefragt: „Reisen Sie diese Strecke wirklich ganz allein? Sind Sie aber mutig!“ Mut wird gerne behandelt wie eine besondere Charaktereigenschaft. Das ist ein Irrtum. Mut ist erlernbar wie jedes andere Handwerk auch. Als ich während der Pandemie beschloss, an der Barschule in München das professionelle Mixen von Cocktails zu lernen, war ich auch keine Bartenderin. Man fängt einfach an, zerlegt das Problem in kleine Schritte und wächst daran.

Als ich mit 10 Jahren im Schwimmbad auf dem Drei-Meter-Turm stehe, war ich diejenige, die ganz schnell wieder die Leiter hinunterkletterte, als ich an der Reihe war. Es sollte noch einige Zeit dauern in jenem Sommer, bis ich den Mut fand zu springen – aber ich entschied mich dann doch, es zu tun. Und es war nicht das große Eis, das mir mein Vater dafür versprochen hatte: Etwas Entscheidendes hätte mir gefehlt, wenn ich es nicht ausprobiert hätte.
Dasselbe ist es mit dem Reisen: Es ist keine Geheimwissenschaft, sondern schlicht die Überwindung von Hürden. Dass eine Taxifahrt per App in Taschkent umgerechnet 35 Cent kosten kann oder zwei Rucksäcke auf holprigen Straßen praktischer sind als jeder Trolley-Koffer, ist kein „Abenteuer-Wissen“, sondern Ausprobieren und Umdenken.
Auf einer georgischen Wein Tour in Tiflis nimmt mich Olena aus der Ukraine ins Schlepptau und stellt mir ihre neuen Freunde vor: vier türkische Physiotherapeuten in den Vierzigern – allesamt Hostel-Bekanntschaften. Als ich Olena fragte, ob man in unserem Alter dort nicht auffällt, lachte sie laut auf: „Das dachte ich auch! Aber ich habe dort niemanden unter 40 getroffen. Die jungen Leute gehen doch alle ins Hotel, denen ist es im Hostel viel zu laut!“
Auch das Sitzen am Bar-Tresen erfordert am Anfang Disziplin. Seit „Sex and the City“ wissen wir Frauen zwar theoretisch, dass das geht – aber ganz ehrlich: Auch mich kostet es immer wieder ein kleines Stück Überwindung. Doch genau darin liegt der Schlüssel. Jedes Mal, wenn ich diese Schwelle übertreten habe, belohnt mich das Leben. Am Tresen, egal in welchem Land dieser Welt, entstehen die ehrlichsten Gespräche. Hier begegnen wir uns auf Augenhöhe. Seine eigenen Grenzen zu versetzen ist kein Ausnahmezustand, sondern ein Muskel, den man trainieren kann.
Zurückkommen – und trotzdem nicht mehr dieselbe sein
Und genau hier passiert die eigentliche Verwandlung. Man reist nicht nur durch fremde Länder, man wächst mit jedem Tag ein Stückchen über sich selbst hinaus. Reisen schafft einen Horizont, den kein Buch und kein Seminar jemals vermitteln können. Es schärft den Blick, wäscht den Denkstaub aus dem Gehirn und schenkt einem eine wohltuende Gelassenheit. Man lernt, vertrauen zu können – der Welt, den Fremden und vor allem den eigenen Fähigkeiten.
Das Reduzieren auf das Wesentliche befreit ungemein. Als ich nach drei Monaten nach Hause komme und in meinem überfüllten Keller stehe, bin ich völlig erschlagen von all den Kisten. An diesem Punkt meiner Reise habe ich schlicht keine Lust mehr, wieder in mein altes Leben zurückzukehren und all diesen Ballast wieder um mich herum auszubreiten.
Vor meiner Reise konnte ich mir nicht vorstellen, meine Wohnung aufzugeben. Als ich zurückkomme, habe ich sie konsequent für ein Jahr untervermietet – um nicht sofort wieder in alte Denkmuster zurückzufallen.
Mit großem Rucksack auf dem Rücken und einem kleinen vor der Brust, zwei Smartphones, Miniventilator, E-Reader, Ohrstöpseln und Ray-Ban-Sonnenbrille durch die Welt zu ziehen – gibt es etwas Cooleres? Im Hamsterrad denken wir bei der 60: „Oh Gott, jetzt bist du alt.“ Nach 11.000 Kilometern weiß ich: Es ist wunderbar, 60 zu sein. Reisen lädt die innere Batterie mit so viel Zuversicht, Schlauheit und Erlebnissen auf, dass man wieder von innen heraus strahlt.
Zu Hause hatte ich das Gefühl, mit dieser Reiselust allein auf weiter Flur zu sein. Doch kaum bin ich unterwegs in der Welt da draußen, wimmelt es nur so von Solo-Reisenden jeden Alters und aus allen möglichen Ländern. Und es zeigt sich ein faszinierendes Phänomen: Soloreisen macht süchtig. Wer einmal diese absolute Freiheit gekostet hat, morgens ohne Absprache zu entscheiden, wo der Tag endet, bekommt den Geist nicht mehr so leicht zurück in die Flasche.
Das Geheimnis des Soloreisens ist denkbar einfach: Ich muss nur anfangen. Wer es aus der Komfortzone hinausschafft, wird dabei nicht vorsichtiger, sondern offener und glücklicher. Zurück in Deutschland ist mir klar: Meine Reise war vor allem ein Aufbruch aus meinem eigenen Tunnelblick. Manchmal muss man 11.000 Kilometer mit Bus und Bahn über den Balkan nach Zentralasien reisen, um die Nachbarn zu Hause wirklich zu sehen.
Dafür braucht es keineswegs die Kündigung des Jobs oder das Aufgeben der Wohnung. Es reicht, klein anzufangen: ein paar Tage allein an einen Ort, der noch völlig neu ist. Für meinen eigenen Start wählte ich Anfang des Jahres meinen persönlichen Sehnsuchtsort: Mexiko – einen Traum, den ich jahrelang auch aus Angst vor den Schlagzeilen über Gewalt und Unsicherheit vor mir hergeschoben hatte. Am Ende siegte die Neugier über die Bedenken und belohnt wurde ich mit drei wunderschönen Wochen.
Wer diesen ersten Schritt wagt, merkt schnell: Die Welt ist freundlicher als gedacht – und das eigene Ich mutiger als geglaubt. Das Alter spielt dabei eine erstaunlich kleine Rolle. Es ist, genau wie beim Cocktail-Mixen, schlicht eine Frage der Übung.
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