Tibet: Dem Himmel ganz nah – zwischen Sehnsucht und Wahrhaftigkeit
Auf dieser Reise habe ich nicht nach dem perfekten Cocktail gesucht, sondern nach einem Ort, an dem der Himmel näher ist als jeder Tresen. Es ist eine Reise zu mir selbst, und ich will wissen, ob Tibet, das mich seit Jahrzehnten aus der Ferne fasziniert, in der Realität noch existiert oder längst zu einer Hollywood-Illusion geworden ist.
Dass seit der chinesischen Invasion, der Besetzung und der anschließenden Kulturrevolution Ende der 1950er-Jahre und der damit verbundenen dramatischen Flucht des 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, nach Indien vieles anders ist als im Hollywood-Kino, ist mir klar.
Das Dach der Welt beginnt im Zug
Als ich mich Tibet mit dem Zug von Chengdu auf einer 36-stündigen Fahrt nähere, suche ich vergeblich nach malerischen Postkartenszenerien wie kürzlich im Doğu Express durch das türkische Hochland. Der Blick aus dem Fenster zeigt immer wieder dasselbe: trostlose Trabantenstädte, Industrieanlagen, Kraftwerke, Bagger, Qualm. Tiefe Eingriffe in die Natur. Das Land wird kompromisslos erschlossen, die Erde dient gnadenlos dem wirtschaftlichen Fortschritt und dem Kommerz.
Die große Aufregung im Abteil gilt deshalb der Angst vor der Höhenkrankheit – das Hauptgesprächsthema unter uns Passagieren. Wir fiebern dem höchsten Punkt der Fahrt entgegen: nachts, nach rund 28 Stunden, überqueren wir auf über 5.000 Metern den Tanggula-Pass.

Die chinesischen Zugbetreuerinnen instruieren uns professionell, wo man Hilfe findet; Sauerstoff und Tabletten sind für einiges Geld vorrätig. Ich bleibe verschont, doch die Atmung begleitet mich fortan auf Schritt und Tritt. Kleinste Anstrengungen bringen mich in den nächsten Tagen an meine Grenzen. Tibet beginnt also nicht mit Erleuchtung, sondern mit heftigem Schnaufen.
Acht Fremde, ein gemeinsamer Traum
In Lhasa, der Hauptstadt Tibets, angekommen – auf 3.600 Metern Höhe – fallen zuerst wieder die modernen chinesischen Wolkenkratzer, riesige Wohnkomplexe und breite Straßen ins Auge. Viele Tibeter nennen die neuen Viertel schlicht „Chinatown“. Seit den 50er-Jahren hat sich die Bevölkerung Lhasas und seiner Region massiv vergrößert – Schätzungen zufolge auf heute deutlich über eine halbe Million Menschen im urbanen Raum und seinen Vororten. Der Fortschritt bringt den Tibetern eine deutlich höhere Lebenserwartung, es gibt neben Yak-Fleisch auch Obst und Gemüse, Medikamente und eine moderne Infrastruktur. Diese Errungenschaften haben ihren Preis.

Wir sammeln uns in der Hotellobby: acht Menschen aus Italien, Singapur, Japan und Deutschland, die sich einen lang gehegten Traum erfüllen und mit denen ich die nächsten sechs Tage verbringen werde. Denn Individualreisen sind in Tibet nicht gestattet. Von der ersten Minute an sind wir eine eingeschworene Truppe zwischen 30 und 80 Jahren im ständigen, fürsorglichen Austausch. Das ist eine erste schöne Überraschung meiner Reise: Man fährt allein nach Tibet – und findet sich in bester Gesellschaft wieder. Als Willkommensgetränk gibt es einen Tee, von dem wir noch viele angeboten bekommen werden auf unserer Kulturreise. Wir üben „Tashi Delek“, den gebräuchlichen tibetischen Gruß, und wenn wir es unterwegs sagen, ist uns ein Lächeln der Tibeter sicher.

Doch die behördlichen Auflagen sind streng: Über Politik wird während unserer sechstägigen Kulturreise nicht gesprochen, und Fotos von Polizeistationen oder Regierungsgebäuden sind strengstens tabu. In diesem Moment schätze ich unsere manchmal anstrengende, aber freie Debattenkultur zu Hause mehr denn je.
Der Potala-Palast: 450 Stufen und zweimal atemlos zum Himmel
Immer um Luft ringend geht es los. Wir besuchen die bedeutenden Klöster in und um Lhasa und natürlich den Potala-Palast. Schon im Drepung-Kloster bekomme ich eine Ahnung von der Pracht des tibetischen Erbes. Fotografieren im Inneren der tibetischen Heiligtümer ist streng verboten – und manchmal hat der Rummel etwas von einem Zirkus: Wenn die Mönche im Sera-Kloster debattieren, ist das Gedränge der Touristen unbeschreiblich. Denn Foto- und Videoaufnahmen sind hier ausnahmsweise erlaubt.

Am nächsten Tag erklimme ich mit vielen Pilgern und Touristen die rund 450 Stufen zum Potala-Palast. Der schweißtreibende Aufstieg in der stechenden Sonne lohnt sich tausendfach. Der Palast thront 100 Meter über der Stadt. Im Inneren geht es über unzählige steile Holzstufen hoch und runter. Was sich im Inneren dieses Palastes verbirgt, nimmt mir noch einmal den Atem – im wörtlichen Sinne. Selten habe ich eine solche Pracht und Schönheit gesehen – tief eingebettet in einer allgegenwärtigen tibetischen Spiritualität. In den mehr als 1.000 Räumen offenbaren sich jahrhundertealte Wandmalereien, kostbare Reliquien und die prunkvollen Grabstupas von acht früheren Dalai-Lamas.
Allein die gut 15 Meter hohe Stupa des 5. Dalai Lama Lobsang Gyatso soll mit 3,7 Tonnen reinem Gold bedeckt sein. Er ließ den Palast erbauen – wie so viele Visionäre vor ihm, erlebte er seine Vollendung nicht mehr – und er erhob die Dalai-Lamas neben religiösen auch zu den politischen Führern Tibets. Wir versuchen auszurechnen, was das Gold in US-Dollar wert ist – ich scheitere an den vielen Nullen. Es ist mit Zahlen schlicht nicht zu fassen.
Die Magie des Verborgenen oder der harte Weg zum Karma
Die einstige Winterresidenz des 14. Dalai Lama dient seit der Übernahme Tibets 1959 als Museum. Heute bringt die Vermarktung der tibetischen Kulturstätten viel Geld ein. Überhaupt agiert der chinesische Staat in diesen Dingen kompromisslos effizient: Was Erträge bringt, wird gepflegt, restauriert und professionell organisiert. Überall gibt es viel Personal und ausgefeilte Technik. Als Besucherin empfinde ich diese reibungslose Organisation als angenehm – zu Hause in Deutschland scheitert die Technik ja oft schon an Kleinigkeiten, und Ansprechpartner sucht man meist vergeblich.

Später klettern wir durch den Jokhang-Tempel im Herzen Lhasas und schlendern über die Barkhor-Straße. Das Umrunden des Tempels soll gutes Karma bringen. Ich gehe die Runde gleich zweimal und laufe an tiefgläubigen Buddhisten vorbei, die sich mühevoll und voller Hingabe auf den harten Asphalt werfen, beten, für einen Atemzug liegen bleiben, aufstehen und sich nach einem Schritt erneut niederwerfen. Ein körperlicher Kraftakt für den Glauben. Da haben wir es als Christen beim wöchentlichen Gang in die Kirche doch ungleich bequemer. Hier sieht Glaube deutlich anstrengender aus.
Die Route 318: Die Berge werden immer größer
Auf der Weiterfahrt entlang der legendären Route 318 fahren wir von Lhasa nach Shigatse rund 360 km. Ich bin benommen von der Schönheit der Landschaft. Unser Kleinbus klettert auf über 5.000 Meter. Wir halten am Yamdrok-See auf 4.400 Metern – einer von drei großen heiligen Seen Tibets, glasklar und unberührt, denn die Tibeter greifen die heilige Natur nicht an.

Überall flattern Gebetsfahnen im Wind. Ihre fünf Farben stehen für die fünf Elemente: Blau für den Raum, Weiß für die Luft, Rot für das Feuer, Grün für das Wasser und Gelb für die Erde. Für die Tibeter greift bei jedem Windstoß der Himmel die aufgedruckten Mantras auf und trägt die Segenswünsche hinaus in die Welt. Wenn die Fahnen durch Wind und Wetter langsam verblassen, löst sich das Gebet auf und wird Teil des Universums. Zu Tausenden hängen sie auch am Karola-Pass, der Höhepunkt unserer Fahrt, und später am Simila-Pass mit dem malerischen Manal-Stausee. Wir Menschen halten uns im Alltag für oft ungeheuer wichtig. Hier oben auf dem Dach der Welt sind wir vor allem eines: winzig.
Die Panoramaroute – zurück von Shigatse werden wir die kürzere Fahrt auf der Autobahn nehmen – ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Sie ist mit ihren 5.476 Kilometern die längste Nationalstraße Chinas – eine gewaltige Achse von Shanghai bis an die nepalesische Grenze. Für die moderne Asphaltstraße, die Lhasa und Shigatse heute verbindet und über Pässe bis auf 5.000 m führt, brauchten die Chinesen nur wenige Jahre. Ich überlege kurz, wie lange so ein Projekt in Deutschland andauern würde.

Ein kurzer Stopp des Weges hinterlässt bei mir allerdings Unbehagen: Wo Yaks, tibetische Hirtenhunde und kleine Ziegen für Touristenfotos hergerichtet werden und man für 20 RMB, umgerechnet etwa 2,50 Euro, mit ihnen posieren kann, weiche ich aus. Was meine westlichen Augen als Kitsch empfinden, lieben viele der inländischen Touristen, die den Großteil der Besuchenden stellen.
Doch das tut der Faszination der Reise keinen Abbruch. Im Tashilhunpo-Kloster in Shigatse erleben wir schließlich unseren letzten gemeinsamen Höhepunkt. Zwischen der gigantischen, 26 Meter hohen vergoldeten Buddha-Statue, den prunkvollen Grab-Stupas der Panchen Lamas, den historischen Malereien und die tiefrote große Sutrahalle, die Versammlungen dient, spürt man die lebendige Seele dieses Ortes in jedem Winkel. Präsent ist hier das Portrait von Gyaltsen Norbu, dem heute 36-jährigen 11. Panchen Lama, der in Tibet lebt– übersetzt der „Große Gelehrte“, die zweithöchste geistliche Autorität Tibets und traditioneller Stellvertreter des Dalai Lama.
Eine Lektion für das Leben
Das Fotografierverbot empfinde ich als eine besondere Erfahrung. Wir können nicht vorher alles googeln, keinen perfekten Instagram-Moment planen. Weil man keine Bilder machen darf, bleibt unsere Vorstellung der eigenen Fantasie überlassen und das Erlebte exklusiv. Denn echtes Reisen lebt schließlich auch davon, überrascht zu werden.

In den Klöstern leben heute zwar deutlich weniger Mönche, aber die Religiosität der tibetischen Bevölkerung ist überall greifbar. Bepackt mit Krügen voller Yak-Butter, Essenskörbe, Getränkeflaschen, Süßigkeiten und kleinen Geldscheinen ziehen die Menschen durch ihre Tempel und Klöster, beten und bringen ihre Gaben dar. Die Butterkerzen leuchten für die Seelen der Verstorbenen.
Unser Guide erzählt uns, dass die Tibeter den Tod ihrer Angehörigen nicht beweinen – aus Sorge, die Seelen der Verstorbenen könnten die Tränen sehen und denken, sie seien wirklich fort. Die tibetische Philosophie ist so einfach wie schön: Wir sind auf der Welt, um Gutes zu tun. Jeden Morgen die Augen aufzuschlagen und am Leben zu sein, ist ein Geschenk – und der Auftrag ist, jeden Tag aufs Neue sein Bestes zu geben und diesem Geschenk in Demut zu begegnen. Das Konzept der Reinkarnation – die Wiedergeburt der Seele in einem neuen Körper und der ewige Kreislauf des Lebens – macht aus vielen Buddhisten diese bemerkenswert geduldigen, lächelnden Menschen.

Kein Cocktail, aber dem Himmel ganz nah
Mit Tibet ist es für mich wie mit den Pandas oder dem legendären Schneeleoparden: Wenn wir sie nach langem Warten endlich zu Gesicht bekommen, zaubern sie uns ein Lächeln ins Gesicht. Wir erkennen uns in diesen scheuen Wesen wieder und fühlen uns in diesem Moment ganz verbunden. Das rührt zu Tränen des Glücks. Tibet hat mir kein Cocktailrezept gegeben – aber eine Zutat, die viel länger nachwirkt: Demut, Herzenswärme und die Erinnerung daran, wie kostbar jeder Atemzug ist.
Die Magie, auf die ich hoffte, ist da: in den religiösen Heiligtümern und Bauwerken, den vergoldeten Stupas und vor allem in der tiefen und lebendigen Spiritualität der Menschen. Das kulturelle Erbe Tibets glitzert und schimmert überall – man muss nur hinsehen.
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