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Zwei Jahre in Afghanistan

Die Botschaft: “You have the watches. We have the time.” Ein Satz, der während des Afghanistan-Krieges den Taliban zugeschrieben wurde. Unser Autor war von 2012 bis 2014 dort, um beim Neubau der kanadischen Botschaft mitzuwirken.

Lesezeit: 14 Minuten

Im August 2021 sah ich Kabul auf einem Bildschirm. Menschen drängten sich vor dem Flughafen, Flugzeuge starteten aus einer Stadt, in der eine politische Ordnung innerhalb weniger Tage ihre sichtbare Form verlor. Ich kannte diesen Flughafen, die Straßen dorthin, die Checkpoints, die Mauern und jene eigentümliche Mischung aus Routine und Gefahr, die irgendwann zum Alltag geworden war. Von April 2012 bis Mai 2014 hatte ich in Kabul gearbeitet, nicht als Soldat, Diplomat oder Entwicklungshelfer, sondern als Kaufmann, als Commercial Manager von M+W HTP GmbH bei einem außergewöhnlichen Bauvorhaben: dem Projekt für die neue kanadische Botschaft in Kabul. Was ich neun Jahre später auf dem Bildschirm sah, schien zunächst weit entfernt von Verträgen, Kosten, Leistungen und Rechnungen. Heute glaube ich, dass gerade diese kaufmännische Perspektive einen Zugang zu Fragen eröffnet, die weit über ein Bauprojekt hinausreichen.

Eine Botschaft ist kein gewöhnliches Gebäude. Sie verkörpert die dauerhafte Präsenz eines Staates in einem anderen Staat und muss sich zugleich gegen einen Teil jener Wirklichkeit schützen, in der diese Beziehung stattfinden soll. In Kabul wurde dieser Widerspruch aus Beton sichtbar. Wir arbeiteten zunächst an der Sicherheitsarchitektur und am Perimeter, an jener Grenze, die das Innere vom Äußeren trennen sollte. Damals betrachtete ich die Mauer vor allem technisch und vertraglich. Heute erscheint sie mir wie die physische Darstellung eines politischen Problems: Wie viel Offenheit benötigt Diplomatie, und wie viel Distanz benötigt sie, um überhaupt stattfinden zu können?

Ein Vertrag versucht, eine zukünftige Wirklichkeit zu beschreiben, bevor sie existiert

Meine Arbeit begann am 1. April 2012 nicht mit einer Explosion oder einer dramatischen Fahrt durch Kabul, sondern mit Verträgen, Vollmachten, Anforderungen und Terminen. Das erscheint für eine Geschichte über Afghanistan unspektakulär, führt aber näher an die Frage, die mich heute beschäftigt. Ein Vertrag versucht, eine zukünftige Wirklichkeit zu beschreiben, bevor sie existiert. Er definiert Leistungen, verteilt Risiken, formuliert Voraussetzungen und legt fest, was geschehen soll, wenn Erwartungen nicht eintreten. Im Bauwesen ist diese Vorstellung notwendig. Ohne sie könnte kein komplexes Projekt organisiert werden. In Afghanistan begann ich allerdings zu verstehen, dass die Fähigkeit, Zukunft zu beschreiben, nicht mit der Fähigkeit verwechselt werden darf, sie zu beherrschen.

©Oskar Lehner 2011-2014

John Postleswaith führte mir später vor Augen, wie lange der Weg war, bevor aus einer politischen Absicht überhaupt unser Projekt werden konnte. Ein Staat beschließt nicht einfach, irgendwo eine Botschaft zu bauen. Zunächst müssen diplomatische und strategische Ziele formuliert, Anforderungen untersucht und daraus ein Statement of Requirement entwickelt werden. Über den Business Case werden politische Notwendigkeit, Finanzierung, Beschaffung und Realisierbarkeit miteinander verbunden. Erst am Ende einer langen Übersetzungskette erreichen diese Entscheidungen Planer, Ingenieure, Bauunternehmen und schließlich einen Kaufmann, der aus ihnen Vertragspositionen und Kosten macht.

John bezeichnete die politischen Anforderungen einmal als a movable feast. Dieser Ausdruck blieb mir im Gedächtnis, weil er einen fundamentalen Widerspruch bezeichnet. Ein Bauwerk benötigt möglichst stabile Voraussetzungen, während Politik von Veränderungen lebt. Regierungen wechseln, Sicherheitslagen verändern sich, Budgets werden überprüft und strategische Prioritäten verschoben. Zwischen einer politischen Entscheidung und der Fertigstellung eines komplexen Gebäudes können Jahre liegen. Der Beton, der schließlich gegossen wird, muss dennoch auf Annahmen beruhen, die irgendwann zuvor getroffen wurden. Der Vertrag versucht, die Beweglichkeit der politischen Welt mit der Unbeweglichkeit des Gebauten zu versöhnen.

Die Addition vernünftiger Ziele erzeugt noch keine funktionierende Ordnung

Vielleicht hätte darin bereits eine Warnung für das größere Afghanistan gelegen. Auch dort wurden politische Vorstellungen in Programme, Budgets, Organisationen und messbare Ziele übersetzt. Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung, Ausbildung und staatliche Handlungsfähigkeit waren für sich nachvollziehbare Ziele. Doch die Addition vernünftiger Ziele erzeugt noch keine funktionierende Ordnung. Ein Projekt wird nicht dadurch eindeutiger, dass seine Leistungsbeschreibung immer umfangreicher wird. Irgendwann stellt sich die Frage, welches Ergebnis am Ende eigentlich beweisen soll, dass der ursprüngliche Zweck erreicht wurde.

çOskar Lehner 2011-2014

Eine zweite Perspektive erhielt ich durch Oskar Lehner, der nicht an unserem Botschaftsprojekt beteiligt war und gerade deshalb für meine spätere Betrachtung wichtig wurde. Während wir an der Sicherheitsarchitektur einer diplomatischen Vertretung arbeiteten, war er im Umfeld eines UNDP-Wahlprojekts tätig. In verschiedenen Provinzen ging es um Einrichtungen der Wahladministration, um afghanische und internationale Fachleute und um die Zusammenarbeit mit Wahlbehörden sowie Sicherheitsstrukturen. Auch dort spielte die physische Absicherung eine wesentliche Rolle. Die Vorstellung, dass demokratische Verfahren Orte benötigten, die gegen Gewalt geschützt werden mussten, führte mich Jahre später zu einer einfachen, aber schwierigen Frage: Was schützt man eigentlich, wenn man eine demokratische Institution schützt?

Man kann ein Gebäude befestigen, Menschen bewachen, Wahlmaterial sichern und Zugänge kontrollieren. Die entscheidende Voraussetzung einer Wahl lässt sich jedoch nicht aus Beton herstellen. Ihre politische Bedeutung entsteht erst, wenn genügend Menschen das Verfahren und letztlich auch Ergebnisse akzeptieren, die ihren eigenen Interessen widersprechen können. An diesem Punkt endet die Reichweite der Sicherheitsarchitektur. Man kann den Ort schützen, an dem Demokratie stattfindet; das Vertrauen, auf dem ihre Legitimität beruht, muss außerhalb dieser Mauern entstehen.

Institutionen bestehen aus Erwartungen darüber, was andere Menschen morgen tun werden

Als Kaufmann hätte mir diese Logik vertraut sein müssen. Auch ein Vertrag besitzt seine Macht nicht durch das Papier, auf dem er geschrieben steht. Eine Unterschrift erhält wirtschaftliche Bedeutung nur deshalb, weil die Beteiligten erwarten, dass eine Verpflichtung anerkannt, eine Forderung durchgesetzt und die Institution, die darüber entscheidet, morgen noch existieren wird. Ähnliches gilt für Geld, Gesetze und staatliche Autorität. Institutionen bestehen deshalb nicht nur aus Gebäuden, Organisationsplänen und Menschen. Sie bestehen aus Erwartungen darüber, was andere Menschen morgen tun werden.

©Oskar Lehner 2011-2014

Je länger ich in Kabul arbeitete, desto weniger glaubte ich daher, ein Land allein durch seine formellen Organisationen verstehen zu können. Man musste seine Beziehungen verstehen: Wer vertraute wem, wer schuldete wem etwas, welche Verpflichtung war älter als ein Vertrag, welche Familie bot Sicherheit und welche persönliche Verbindung konnte eine formelle Institution ersetzen? Was aus europäischer Perspektive als institutionelles Defizit erscheinen konnte, war für den Einzelnen möglicherweise rational. Wenn Gerichte unberechenbar sind, gewinnt die persönliche Beziehung an Wert. Wenn Regierungen wechseln, bleibt Familie. Wenn Institutionen keine Dauer versprechen, investiert ein Mensch sein Vertrauen dort, wo seine Erfahrung Kontinuität vermuten lässt.

Damit wird gesellschaftliche Veränderung komplizierter als jedes technische Projekt. Reform bedeutet nicht lediglich, eine vermeintlich bessere Institution einzuführen. Sie verlangt von Menschen, bekannte Sicherheiten gegen das Versprechen einer neuen Ordnung einzutauschen, deren Zuverlässigkeit sich erst beweisen muss. Wer erlebt hat, dass Regierungen, Ideologien, Armeen und ausländische Mächte kommen und wieder gehen, bewertet ein Versprechen auf Dauer anders als jemand, dessen Institutionen seit Generationen bestehen. Vertrauen lässt sich politisch verlangen und institutionell voraussetzen, aber entstehen muss es über Zeit.

You have the watches. We have the time.

Vielleicht erhält deshalb jener Satz, der den Taliban zugeschrieben wurde, seine eigentliche Tiefe: You have the watches. We have the time. Der Westen verfügte tatsächlich über Uhren in einem sehr konkreten Sinn. Haushaltsjahre, Wahlperioden, militärische Rotationen, Projekttermine, Visa, Vertragslaufzeiten und politische Mandate bestimmten seinen Zeithorizont. Diese Begrenzungen sind nicht einfach Schwächen westlicher Demokratien; sie entstehen auch aus Rechenschaftspflicht. Parlamente bewilligen Geld für bestimmte Zeiträume, Regierungen müssen sich Wahlen stellen, Soldaten können nicht unbegrenzt entsandt und Projekte nicht endlos finanziert werden. Ein Gegner mit einem anderen Zeithorizont kann jedoch genau diese Rationalität in eine strategische Asymmetrie verwandeln. Er muss nicht stärker sein, wenn er länger warten kann.

©Oskar Lehner 2011-2014

Afghanistan wurde während dieser Jahre mit enormen äußeren Ressourcen unterstützt: Kapital, militärischer Macht, Beratung, Technologie, Ausbildung, Logistik und politischer Aufmerksamkeit. Daraus entstanden reale Leistungen. Straßen wurden gebaut, Menschen ausgebildet, Institutionen geschaffen und Infrastruktur errichtet. Es wäre unredlich, diese Leistungen im Rückblick pauschal für bedeutungslos zu erklären. Ebenso unredlich wäre es, aus ihrer Größenordnung automatisch auf die Stabilität des Gesamtsystems zu schließen. Ein Kaufmann kennt den Unterschied zwischen Leistung und Tragfähigkeit. Ein Unternehmen kann beeindruckende Umsätze, moderne Anlagen und ausgezeichnete Kennzahlen besitzen und dennoch davon abhängig bleiben, dass ihm fortlaufend Kapital von außen zugeführt wird. Seine eigentliche Belastungsprobe beginnt in dem Augenblick, in dem dieser Zufluss endet.

Damit entstand für mich eine Frage, die weit über die Finanzierung Afghanistans hinausgeht. Welche Strukturen waren tatsächlich selbsttragend, und welche erschienen stabil, weil jene Kräfte noch vorhanden waren, die ihre Stabilität ermöglichten? Die internationalen Systeme verfügten über zahllose Kennzahlen, Berichte, Lagebilder, Strategien und Risikoanalysen. Das Problem bestand nicht zwingend in einem Mangel an Information. Vielleicht bestand es teilweise in der Versuchung, aus der Menge verfügbarer Informationen auf ein entsprechendes Maß an Verständnis zu schließen.

Die Grenze zwischen Risiko und wirklicher Ungewissheit

In Kabul begegnete mir täglich die Grenze zwischen Risiko und wirklicher Ungewissheit. Ein Risiko lässt sich zumindest gedanklich erfassen, weil die möglichen Ereignisse bekannt erscheinen. Ungewissheit beginnt dort, wo man nicht einmal sicher weiß, welche Möglichkeit in der Betrachtung fehlt. Eine Information konnte richtig und ihre Interpretation dennoch falsch sein. Ein Gerücht konnte falsch sein und trotzdem reale Folgen erzeugen, wenn Menschen danach handelten. Der Mensch erträgt solche Lücken schlecht. Er verbindet Fragmente, ergänzt Ursachen und konstruiert aus einzelnen Beobachtungen eine zusammenhängende Wirklichkeit. Organisationen tun im Grunde dasselbe, nur mit professionelleren Instrumenten.

©Oskar Lehner 2011-2014

So existierten in Afghanistan zahlreiche Wirklichkeiten nebeneinander. Diplomaten, Soldaten, Entwicklungsorganisationen, internationale Unternehmen, die Regierung in Kabul, regionale Mächte, die Taliban und die afghanische Bevölkerung konnten denselben geografischen Raum betrachten und dennoch etwas anderes sehen. Für meinen Fahrer Kamal war eine Straße etwas anderes als für einen Sicherheitsberater, einen Händler oder einen Aufständischen. Der Asphalt änderte sich nicht, seine Bedeutung sehr wohl. Vielleicht lag eine unserer größten Schwierigkeiten darin, dass wir diese unterschiedlichen Wahrnehmungen zu oft für unterschiedliche Beschreibungen derselben Wirklichkeit hielten, obwohl sie für die handelnden Menschen selbst Wirklichkeit waren.

John, Oskar und meine eigene Arbeit erscheinen mir heute deshalb wie verschiedene Stellen einer langen Übersetzungskette. Politische Absichten wurden zu Anforderungen, Anforderungen zu Programmen und Planungen, Planungen zu Verträgen, Verträge zu Leistungen und Leistungen zu messbaren Ergebnissen. Jede Übersetzung war notwendig und konnte fachlich vollkommen richtig sein. Dennoch verliert jede Übersetzung etwas. Es braucht deshalb keinen einzigen großen Irrtum, um am Ende zu einem Ergebnis zu gelangen, das von den ursprünglichen Vorstellungen abweicht. Vielleicht genügt eine lange Folge vernünftiger Entscheidungen, von denen jede einen Teil jener Wirklichkeit reduziert, die nicht in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich passt.

Die Suche nach einer einzigen Ursache besitzt eine gefährliche Verführungskraft

An diesem Punkt wird die Frage nach Verantwortung unvermeidlich. Es wäre jedoch zu einfach, nach einem einzelnen Täter zu suchen. Die Taliban, die afghanischen Regierungen, regionale Staaten, westliche Regierungen, militärische Strategien, internationale Organisationen, wirtschaftliche Interessen und informelle Machtstrukturen beeinflussten den Verlauf in unterschiedlicher Weise. Für vieles davon lassen sich konkrete Verantwortlichkeiten untersuchen. Aber die Suche nach einer einzigen Ursache besitzt eine gefährliche Verführungskraft: Sobald der Täter gefunden scheint, erhält die Geschichte Ordnung und die Untersuchung kann beendet werden.

©Oskar Lehner 2011-2014

Mich interessiert inzwischen eine andere Frage. Was wäre eigentlich geschehen, wenn das Konzept erfolgreich gewesen wäre? Nimmt man die öffentlich formulierten Ziele ernst, hätte am Ende ein Afghanistan stehen müssen, das seine Sicherheit zunehmend selbst gewährleistet, staatliche Institutionen trägt, politische Macht durch akzeptierte Verfahren ordnet und seine Abhängigkeit von internationaler Unterstützung verringert. Ein solches Afghanistan hätte nicht nur für seine Bevölkerung etwas verändert. Es hätte auch die Interessenlage nahezu aller Akteure verändert, die innerhalb und außerhalb des Landes tätig waren. Internationale militärische Strukturen wären irgendwann nicht mehr erforderlich gewesen, Hilfs- und Beratungsorganisationen hätten Aufgaben abgeben können, Sicherheitsaufträge wären entfallen, informelle Machtstrukturen wären durch funktionierende Institutionen unter Druck geraten und regionale Einflussmöglichkeiten hätten sich verändert. Erfolg wäre damit nicht nur die Erfüllung eines politischen Programms gewesen. Erfolg hätte bestehende Macht- und Interessenverhältnisse verändert.

Daraus folgt kein Beweis für eine verborgene Absicht. Interessen sind keine Verschwörung, und der Nutzen aus einem bestehenden Zustand beweist nicht, dass jemand diesen Zustand absichtlich herbeigeführt hat. Aber Interessen beeinflussen Entscheidungen. Ein Akteur kann Stabilität wünschen und dennoch eine bestimmte Form dieser Stabilität bevorzugen. Eine Organisation kann ein Problem ernsthaft lösen wollen und gleichzeitig Strukturen entwickeln, deren Fortbestand an die weitere Existenz ihrer Aufgabe gebunden ist. Lokale Eliten können einen stärkeren Staat unterstützen und zugleich Positionen besitzen, die durch genau diesen Staat eingeschränkt würden. Regionale Mächte können Sicherheit in Afghanistan wünschen, ohne dieselbe Vorstellung davon zu besitzen, welche außenpolitische Orientierung und Macht ein stabiler afghanischer Staat haben sollte. Vielleicht bestand die entscheidende Differenz deshalb nicht darin, dass einige Erfolg wollten und andere Scheitern. Vielleicht verstanden sie unter Erfolg schlicht nicht dasselbe.

Erst im Gesamtbild wird sichtbar, dass etwas entstanden ist, das so niemand bestellt hatte

Das macht die Geschichte schwieriger, aber auch interessanter. Eine Verschwörung würde einen Plan voraussetzen und damit letztlich Ordnung schaffen. Wesentlich beunruhigender wäre ein System, in dem zahlreiche Akteure innerhalb ihrer jeweiligen Interessen rational handeln und die Summe dieser Rationalitäten ein Ergebnis hervorbringt, das niemand als gemeinsames Ziel formuliert hat. Aus großen Projekten kenne ich dieses Phänomen. Jede Abteilung optimiert ihren Bereich, jeder Vertragspartner schützt seine Position, jede Änderung besitzt eine nachvollziehbare Begründung und jede einzelne Entscheidung kann richtig erscheinen. Erst im Gesamtbild wird sichtbar, dass etwas entstanden ist, das so niemand bestellt hatte.

©Oskar Lehner 2011-214

Im Februar 2020 erhielt diese Frage für mich eine weitere Dimension. In Doha unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Taliban ein Abkommen, das Bedingungen und einen Zeitrahmen für den Abzug ausländischer Streitkräfte mit weiteren politischen Schritten verband. Ich möchte dieses Abkommen nicht nachträglich zur einfachen Ursache dessen erklären, was im August 2021 geschah. Für einen Kaufmann besitzt der Vorgang dennoch eine eigentümliche Symbolik. Nach fast zwei Jahrzehnten eines Konflikts, in dem militärische Macht, politische Ziele, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Veränderungen miteinander verbunden waren, wurde ein Teil der Zukunft wieder in die Sprache eines Vertrages übersetzt. Parteien, Verpflichtungen, Bedingungen und Zeit wurden auf Papier festgehalten.

Ein Vertrag kann jedoch nur bestimmen, was seine Parteien vereinbaren. Er kann nicht gewährleisten, dass sie unter denselben Worten dieselbe Zukunft verstehen. Vielleicht führt genau diese Grenze zurück zu der Frage, die mich seit Kabul beschäftigt. Was bedeutete Frieden für Washington, was für die Taliban, was für die Regierung in Kabul, was für die regionalen Mächte und vor allem was für die Menschen in Afghanistan selbst? Die Begriffe konnten dieselben sein, während die damit verbundenen Erwartungen verschieden blieben.

Was wäre geschehen, wenn es funktioniert hätte?

Als ich im März 2014 mit dem Close-out meiner Arbeit begann, war die Logik noch vertraut. Offene Punkte wurden geschlossen, Forderungen geklärt, Dokumente übergeben, Vollmachten zurückgegeben und Verträge beendet. Ein Projekt besitzt einen Augenblick, an dem man versucht, eine Akte zu schließen. Afghanistan verweigert mir diesen Augenblick bis heute. Je länger ich mich mit den Dokumenten, Erinnerungen und Aussagen jener Menschen beschäftige, die andere Ausschnitte desselben Landes erlebt haben, desto weniger interessiert mich eine Schlussrechnung, in der Gewinner und Verlierer gegeneinander aufgerechnet werden.

Vielleicht habe ich zu lange die falsche Frage gestellt. Ich wollte verstehen, warum ein politisches Konzept, in das so viel Kapital, Wissen, militärische Macht und menschliche Arbeit investiert worden war, nicht jene Dauer entwickelte, die man von ihm erwartete. Heute interessiert mich die Gegenprobe stärker: Was wäre geschehen, wenn es funktioniert hätte? Wer hätte dadurch Sicherheit und Möglichkeiten gewonnen, wer Einfluss verloren, welche Institutionen wären überflüssig geworden, welche wirtschaftlichen Strukturen verschwunden und welche regionalen Machtverhältnisse verändert worden? Erst wenn man diese Fragen für die verschiedenen Beteiligten beantwortet, lässt sich untersuchen, ob das offiziell gemeinsame Ziel jemals auch ein gemeinsames Interesse war.

Damit kehre ich zu dem Gebäude zurück, wegen dessen ich 2012 überhaupt nach Kabul gekommen war. Wir arbeiteten an der neuen kanadischen Botschaft und versuchten, einen politischen Willen in etwas Dauerhaftes zu übersetzen. Die Anforderungen konnten beschrieben, die Leistungen vergeben, der Beton geprüft und die Kosten festgestellt werden. Hinter den Mauern sollte Kanada langfristig diplomatisch präsent sein. Das Gebäude war deshalb mehr als ein Bauwerk; es war eine materielle Behauptung über Zukunft.

©Oskar Lehner 2011-2014

Neun Jahre später sah ich dieselbe Stadt auf meinem Bildschirm und begann mich zu fragen, ob nicht gerade darin die zweite Bedeutung des Wortes Botschaft liegt. Vielleicht war das Entscheidende nicht nur, was wir in Kabul errichteten, sondern was dieses Projekt über unsere Vorstellung von Afghanistan erzählte: dass Zukunft geplant, finanziert, geschützt und schließlich in eine dauerhafte Ordnung überführt werden könne. Diese Vorstellung war weder naiv noch sinnlos. Aber sie setzte etwas voraus, das in keinem meiner Verträge stand, nämlich dass diejenigen, die an dieser Zukunft beteiligt waren, unter ihrem Erfolg hinreichend Ähnliches verstanden.

Verstanden alle Beteiligten unter Sicherheit, Stabilität, Frieden und Erfolg tatsächlich dasselbe?

Als Kaufmann suche ich normalerweise nach dem Auftrag, wenn ich wissen will, ob eine Leistung erfüllt wurde. In Afghanistan führt mich diese Gewohnheit heute zu einer Frage, für die ich keine Position in einem Leistungsverzeichnis finde. Wenn jenes Afghanistan tatsächlich entstanden wäre, das in Strategien, Programmen und politischen Erklärungen beschrieben wurde, wer hätte dadurch gewonnen, wer hätte etwas verloren und wer hätte seine bisherige Aufgabe, seinen Einfluss oder seine Stellung nicht mehr gebraucht? Das beweist keine Absicht und benennt keinen Täter. Es verändert jedoch die Untersuchung, weil es nicht mehr nur danach fragt, warum etwas scheiterte, sondern welches Interesse die Beteiligten an seinem Gelingen tatsächlich haben konnten.

©Oskar Lehner 2022-2014

Nach mehr als einem Jahrzehnt kann ich diese Frage nicht abschließend beantworten, und vielleicht wäre gerade der Anspruch auf eine abschließende Antwort bereits Teil jenes Irrtums, den es zu untersuchen gilt. Denn bevor wir erklären, warum Afghanistan nicht zu jener Ordnung wurde, die Strategien, Programme und Verträge voraussetzten, müssten wir wissen, ob die Beteiligten unter Sicherheit, Stabilität, Frieden und Erfolg tatsächlich dasselbe verstanden oder lediglich dieselben Begriffe verwendeten. Vielleicht liegt die entscheidende Frage deshalb noch eine Ebene tiefer: Was wäre geschehen, wenn das erklärte Ziel tatsächlich erreicht worden wäre, welche Interessen hätte ein selbständiges und dauerhaft handlungsfähiges Afghanistan gestärkt, welche geschwächt und welche Strukturen hätte sein Erfolg überflüssig gemacht? Daraus folgt weder ein Täter noch eine verborgene Absicht. Es bleibt jedoch der Zweifel, ob ein Vorhaben allein deshalb ein gemeinsames Ziel besitzt, weil alle Beteiligten es mit denselben Worten beschreiben.

Ich war nach Kabul gekommen, um an einer Botschaft zu arbeiten, und glaubte zu wissen, was damit gemeint war. Heute erscheint mir ausgerechnet dieses Wort weniger eindeutig als damals. Vielleicht besteht die eigentliche Botschaft Afghanistans deshalb nicht in einer Antwort auf die Frage, warum es anders kam, sondern in einer wesentlich unbequemeren Frage: Haben wir das Scheitern eines gemeinsamen Vorhabens erlebt – oder erst an seinem Ende erkannt, dass die Vorstellungen von seinem Erfolg niemals dieselben gewesen waren?

Hermann Ebner plant ein Buch über seine Zeit in Afghanistan. Anhand einiger konkreter Situationen aus Kabul und rund um den Bau der kanadischen Botschaft geht er der Frage nach, wie Menschen unter Unsicherheit entscheiden und Verantwortung übernehmen, wenn verlässliche Informationen fehlen. 

Bei einem Anschlag auf Sicherheitskräfte der kanadischen Botschaft in Kabul am 20. Juni 2016 wurden 14 Menschen getötet, als ein Selbstmordattentäter einen Minibus im Distrikt 9 der afghanischen Hauptstadt rammte.

Hermann Ebner befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Afghanistan. Seit dem 15. August 2021 und der erneuten Machtübernahme durch die Taliban ist die kanadische Botschaft geschlossen.

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