Der Endgegner des Schlendrians
Stefan Evers will Berlin vom Schludrigen erlösen. Doch die Plakate, mit denen der CDU-Spitzenkandidat in den Wahlkampf zieht, lassen ausgerechnet dort sprachliche Sorgfalt vermissen, wo sie den Kampf gegen den Schlendrian verkünden – und die Bilanz, gegen die er antritt, trägt seine eigene Unterschrift. Eine Besichtigung der Versprechen.
Es hängt jetzt in der ganzen Stadt, und wo es nicht hängt, findet man es auf seiner Website: das Gesicht von Stefan Evers, gerahmt vom Brandenburger Tor, darunter ein Satz in fetten weißen Lettern auf schwarzem Grund. Finanzsenator ist er, seit diesem Jahr auch Senator für Kultur, seit Juli 2026 – nach dem Rückzug von Kai Wegner – kommissarischer Landesvorsitzender der Berliner CDU und ihr Spitzenkandidat für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September.
Ein Mann, der es eilig hat, gesehen zu werden. Man kann ihm den Wunsch nicht verdenken. Bis vor wenigen Wochen kannten ihn außerhalb seines Wahlkreises Treptow-Köpenick vor allem jene, die Haushaltspläne lesen, weil ihr Beruf es verlangt.
Mit vier Motiven wirbt die Kampagne unter dem Signet „berlin-wird.de“. Sie sind sorgfältig gestaltet, professionell fotografiert, und sie haben ein gemeinsames Problem: Kaum eines hält, was es behauptet. Wer die Slogans nebeneinander legt, hält am Ende keine Wahlkampagne in der Hand, sondern eine Sammlung von Selbstwidersprüchen. Nehmen wir sie beim Wort.

Ein geliehenes Bekenntnis
„Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so.“ So blickt Evers, 320 Quadratmeter groß, vom Konrad-Adenauer-Haus im Tiergarten herab, dort, wo die Bundes-CDU ihre Geschäftsstelle unterhält. Der Satz ist nicht seiner. Er gehört Klaus Wowereit (SPD), der vor einem Vierteljahrhundert auf einem Parteitag erklärte: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Damit outete sich erstmals ein deutscher Spitzenpolitiker öffentlich als schwul; der Satz wurde zu einem der wenigen der Berliner Nachkriegsgeschichte, die man auswendig kennt. Nun trägt ihn ein anderer schwuler Politiker vor sich her, diesmal von rechts, und ersetzt das eine Bekenntnis durch ein anderes. Aus dem Mut wird ein Zitat, aus dem Original eine Kopie.
Wowereit selbst nahm es mit der Gelassenheit dessen, dem der Satz ohnehin gehört. „Dass Stefan Evers konservativ ist, das wissen wir“, sagte er dem Tagesspiegel, „ob das auch gut ist, sei dahingestellt.“ Ein Copyright gebe es darauf nicht, fügte er hinzu, außerdem sei Wahlkampf. Er frage sich nur, wen Evers damit eigentlich erreichen wolle. Eine gute Frage, auf die das Plakat keine Antwort gibt. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach lieferte sie stellvertretend, stellte sich neben Wowereit und konterte im Stil desselben Plakats: „Berlin ist nicht konservativ. Und das ist auch gut so.“ Man muss die Pointe nicht teilen, um zu erkennen, was hier geschah: Evers hat sich seine erste Wahlkampfwoche von zwei Sozialdemokraten diktieren lassen – mit einem Satz, den er sich bei ihnen ausgeliehen hatte.
„Einer muss vernünftig sein“ – die Anmaßung im Kasten
Das zweite Motiv trägt die Aufschrift „Einer muss vernünftig sein.“ Es ist der Satz eines Mannes, der sich selbst zur letzten Instanz erklärt: einer – nämlich er. Die Formulierung schmeichelt dem Absender und beleidigt die halbe Stadt, denn sie unterstellt, dass die anderen es nicht sind. Das ist die klassische Rhetorik der Alternativlosigkeit, vorgetragen mit dem ruhigen Lächeln dessen, der glaubt, die Vernunft habe in Berlin nur eine Adresse. Wer so plakatiert, hat sich über den Streit erhoben, noch bevor er begonnen hat.

Nur passt die Pose schlecht zur Faktenlage. Vernunft, das hieße zuallererst, die eigenen Erfolge nicht mit fremden Federn zu schmücken und die erste Woche des Wahlkampfs nicht von der Konkurrenz gestalten zu lassen. Ein Kandidat, der sich seinen Leitsatz bei Wowereit borgt und die Antwort darauf von Krach serviert bekommt, hat den Beweis seiner überlegenen Vernunft noch zu führen. „Einer muss vernünftig sein“ ist kein Argument, es ist eine Behauptung – und die unbescheidenste der ganzen Serie.
Der Endgegner und der Genitiv
Das dritte Motiv verrät mehr über den Kandidaten, als ihm lieb sein kann. „Der Endgegner vom Schlendrian“, steht darauf – der Mann also, der aufräumt, der dem Schludrigen, dem Trägen, dem Berliner Amtsschimmel den Kampf ansagt. Eine schöne Pose. Sie hätte nur eine Bedingung: dass der Satz selbst der Ordnung genügt, die er verspricht.
Grammatikalisch falsch ist „vom Schlendrian“ nicht. „Von“ mit Dativ kann im Deutschen durchaus an die Stelle eines Genitivs treten. Nur klingt die Konstruktion ausgerechnet hier bemerkenswert salopp. „Der Endgegner des Schlendrians“ wäre nicht zwingend gewesen – aber präziser, eleganter und vor allem jener sprachlichen Sorgfalt angemessener, die das Plakat selbst zum politischen Programm erhebt. Ausgerechnet der Kämpfer gegen den Schlendrian entscheidet sich also für die bequemere Form.
Das ist kein Grammatikfehler. Es ist schöner: eine Stilfrage, die zur politischen Pointe wird. Wer dem Schlendrian den Kampf ansagt, hätte gerade auf der eigenen Pappe Gelegenheit gehabt, sprachlich ein wenig weniger schludrig aufzutreten. Der Genitiv wäre hier kein Muss gewesen. Aber er hätte Stil bewiesen.

Und es kommt schlimmer, denn hier wird aus der Sprachglosse ein politisches Argument. Der Schlendrian, gegen den Evers so entschlossen zu Felde zieht, ist nicht der Schlendrian eines Fremden. Es ist sein eigener. Seit April 2023 sitzt Evers als Finanzsenator an der Kasse des Landes; er entscheidet mit, wo gebaut, saniert, digitalisiert und wo gespart wird. Der Zustand der Verwaltung – die langen Wege, die liegen gebliebenen Vorgänge, die Ämter, in denen ein Termin zur Geduldsprobe gerät – fällt in die Regierungszeit, für die er mitverantwortlich zeichnet. Der Endgegner des Schlendrians bekämpft, genau besehen, sich selbst. Es ist die seltene Konstellation, in der ein Amtsinhaber gegen die eigene Bilanz plakatiert und darauf hofft, dass niemand den Absender liest.
„Berlin wird besser“ – unter wem eigentlich?
Über allem steht der Leitclaim der Kampagne: „Berlin wird besser.“ Ein Versprechen im Futur, ausgestellt vom amtierenden Finanz- und Kultursenator. Man lese den Satz zweimal. Wenn Berlin erst noch besser wird, dann ist es das heute offenbar nicht – und die Frage, wer für diesen Zustand die Verantwortung trägt, beantwortet der Absender selbst. Seit April 2023 regiert in Berlin eine Koalition aus CDU und SPD; Evers gehört ihr an, von Beginn an, an einer ihrer mächtigsten Stellen. Wer nach mehr als drei Jahren im Amt verspricht, dass die Stadt nun besser werde, stellt der eigenen Regierung ein Zeugnis aus, das er lieber niemandem zeigen sollte.
Das ist der wunde Punkt der ganzen Inszenierung. Evers tritt auf, als käme er von außen, als Herausforderer eines Missstands, den andere zu verantworten hätten. Tatsächlich ist er Teil der Verhältnisse, die er anprangert. Der Oppositionelle im eigenen Senat – das ist eine originelle Rolle, aber keine glaubwürdige. „Berlin wird besser“ ist, aus dem Mund eines Regierenden, kein Versprechen. Es ist ein Eingeständnis.
„Freiheit statt“ – ein Anklang an alte Zeiten
Das lauteste Motiv lautet: „Freiheit statt Islamismus.“ Der Satz will Härte zeigen, und er zeigt vor allem, aus welchem Fundus die Werbestrategen schöpfen. Die Konstruktion ist geborgt bei Helmut Kohl, der 1976 mit „Freiheit statt Sozialismus“ in den Bundestagswahlkampf zog. Ein halbes Jahrhundert später wird das Muster recycelt, das Feindbild ausgetauscht, die Grammatik der Angst bleibt dieselbe. Man ersetzt ein Wort und nennt es Haltung.

Schon 1976 leistete das kleine Wörtchen »statt« Schwerstarbeit. »Statt« behauptet eine Wahl zwischen zwei Dingen, die einander ausschließen. Entweder — oder. Kohl unterstellte den Sozialdemokraten, sie schafften die Freiheit ab; Evers stellt die eigene Marke als Gegenoption zu einer realen Gefahr auf. Das ist rhetorisch wirkungsvoll und logisch eine Scheinalternative: ein Denkfehler, den man in der ersten Semesterwoche der Juristerei als falsches Dilemma kennenlernt. Niemand wählt Islamismus. Er steht auf keinem Stimmzettel.
Doch geliehen sind nicht nur die Grammatik und ihr Kohl-Echo, sondern der Wortlaut selbst — und zwar quer durch das politische Spektrum. Nach dem CSD-Anschlag in Berlin griffen mehrere zu ihm: Bei der Mahnwache am Brandenburger Tor entrollte die FDP ein Transparent »Freiheit statt Islamismus! Gegen queerfeindliche Gewalt und Terror!«; wenig später setzte Evers die ersten drei Wörter auf sein Wahlplakat. Und die Wendung hat einen noch älteren, unbequemeren Vorbesitzer: Schon 2015 dokumentierte Der Spiegel in seinem Faktencheck der Pegida-Thesen den Schriftzug »Freiheit statt Islamismus« auf einem Transparent bei einer Dresdner Demonstration jener »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«. Man muss Evers nicht unterstellen, er habe irgendwo abgeschrieben. Aber der Unterschied ist selbst das Argument: Auf einem Trauerbanner ist der Satz ein Aufschrei. Auf einem Wahlplakat wird er zum Produkt.

Dahinter steht, wie gesagt, ein realer Anlass – der islamistische Anschlag auf den Christopher Street Day, über den Evers in einem Gastbeitrag der Berliner Zeitung schrieb, Berlins Freiheit sei „nicht mehr selbstverständlich“. Das ist ein ernstes Thema, und es verdient eine ernste Sprache. Was es nicht verdient, ist die Verkürzung auf eine Plakatzeile, die den Islamismus zum Wahlkampfmotiv schrumpft und die Freiheit zur Ware macht, die es nur bei der CDU zu kaufen gebe. Wer die offene Stadt verteidigen will, sollte sie nicht auf einen Slogan eindampfen, der als Aufkleber im einschlägigen Onlinehandel längst zu haben ist.
Wie einer Spitzenkandidat wird, ohne gewählt zu sein
Um zu verstehen, warum Evers in diesen Wochen so laut plakatiert, muss man wissen, wie er an die Spitze kam: durch die Hintertür. Ursprünglicher Spitzenkandidat der Berliner CDU war der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Der zog sich am 10. Juli 2026 von der Spitzenkandidatur zurück, nachdem sich Debatten und immer neue Enthüllungen über falsche Angaben zu seinem Krisenmanagement während des großen Stromausfalls im Januar nicht mehr einfangen ließen. Evers rückte nach. Er ist, mit anderen Worten, nicht der erste Wunsch seiner Partei, sondern ihr Ersatzmann – der Kandidat, der übrig blieb, als der eigentliche über die eigene Darstellung der Wahrheit stolperte.
Das erklärt den Ton der Selbstvergewisserung, der über der ganzen Kampagne liegt. „Probleme nicht wälzen, sondern lösen“, verspricht die Website, und man liest den Satz mit einem Lächeln, wenn man weiß, welches Problem gerade erst gewälzt wurde: das eines Vorgängers, dessen Rückzug Evers die Spitzenkandidatur überhaupt erst eröffnete. Wer aus der Not eines anderen als Gewinner hervorgeht, sollte mit dem Wort „lösen“ sparsamer umgehen.
Die Bilanz gegen die Slogans
Man muss dem Kandidaten seine Argumente lassen, damit die Kritik nicht abgedroschen wird. Auf seiner Website führt Evers an, den Haushalt konsolidiert und zugleich eine „Investitionsoffensive“ ermöglicht zu haben; er verweist auf die wiedereingeführte Vorschule, auf ein zusätzliches Pflichtschuljahr für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, auf ein Silvester, das friedlicher verlaufen sei, auf eines der „bundesweit schärfsten Polizeigesetze“. Das sind Punkte, über die man streiten kann und soll, und die CDU wird sie im Wahlkampf vor sich hertragen. Kein ehrlicher Beobachter wird behaupten, in Berlin sei in gut drei Jahren nichts geschehen.
Nur passt das nüchterne Bild des Kassenwarts nicht zur lauten Pose des „Endgegners“. Die eine Rolle ist die des Verwalters, die andere die des Rebellen, und Evers spielt beide zugleich, in der Hoffnung, dass sich die Widersprüche im Lärm des Wahlkampfs verlieren. Die Umfragen lassen ahnen, dass die Rechnung nicht aufgeht. In mehreren jüngeren Umfragen führt nicht die CDU, sondern die Linke; je nach Institut liegen CDU, AfD und Grüne dahinter eng beieinander, während die SPD deutlich zurückliegt.
„Passt nicht jedem. Passt zu Berlin“, lautet der Wahlspruch. Die halbe Wahrheit steht schon darin: Passen tut er nicht jedem. Ob er zu Berlin passt, entscheidet die Stadt – und die neigt, allen 320 Quadratmetern zum Trotz, gerade woandershin.
Das Urteil der Laterne
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der mit geliehenen Sätzen gegen einen Schlendrian antritt, den er selbst mitverwaltet, der sich zum einzig Vernünftigen erklärt und ausgerechnet beim Kampf gegen den Schlendrian die saloppere Sprachform wählt, ehe er die Stadt als Regierender Bürgermeister führen darf. Das ist keine Kleinigkeit, auch wenn es nur mit einer Stilfrage beginnt. Denn Plakate sind das Versprechen im Kleinen. Wer ausgerechnet beim Kampf gegen den Schlendrian sprachlich die bequemere Variante wählt, weckt den Zweifel, ob er die Sorgfalt im Roten Rathaus aufbrächte.
Der Endgegner des Schlendrians hat einen Gegner gefunden, den er nicht besiegt. Es ist, wie so oft in der Politik, er selbst.


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