Der Mann, der den Ball verkaufen wollte
Zwanzig Milliarden Dollar. Ein Fünftel der WM zum Verkauf. Ein Präsident mit dem Lächeln eines Mannes, der gleich etwas verscherbelt, das ihm nicht gehört. Und ein alter Fußball-Romantiker, dem am Ende nur der Liebeskummer bleibt. Warum unser Autor mit 61 lieber auf den Bolzplatz geht.
Es müsste ein Bild von mir im Lexikon stehen. Unter „Fußball-Nerd“. Für die Jüngeren: Lexikon, das ist wie Wikipedia. Nur zum Anfassen. Mit Papier. Zum Blättern. Buch nennt man das. So. Klugscheißerei beendet.
Ich bin also ein Freak. Seit Kindheitstagen. Telefonjoker bräuchte ich keinen, ich wäre mein eigener. Wetten mit den Kumpels, gewonnen, zuverlässig. Fußball. Leidenschaft. DNA. Meine Chefs schüttelten den Kopf, wenn ich mir sogar Testspiele reinzog. Barfuß Jerusalem gegen Schneesturm Kamtschatka. Ich habe nichts verpasst. Alles gesehen. ALLES!
Und jetzt, mit 61? Keinen Bock mehr. Ich geh lieber auf den Bolzplatz um die Ecke. Da atmet das runde Leder noch. Da spürt man’s. Fühlt man’s. Ohne Anteilseigner.
Denn der Kommerz hat eine Grenze überschritten, an der wirtschaftliche Interessen die sportliche Integrität und die Fankultur einfach wegdrücken. Kohle. Nur noch Kohle. Immer mehr. Immer mehr. Immer mehr. An der Spitze der Gier-Pyramide, im maßgeschneiderten Anzug, mit dem Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er gleich etwas verschachert, das ihm nicht gehört: Gianni Infantino. Als würde er die Seele des Fußballs gleich mitverscherbeln. Ein Gebaren, das an einen Mafiafilm erinnert – nur ohne den Charme der Corleones.
Der Plan: alles rein, ein Fünftel raus
Sein Plan war so bescheiden wie ein Mittelstürmer bei Instagram: eine Firma gründen, FIFA Forward Enterprise, alles reinpacken, was die FIFA an Rechten besitzt – WM, Klub-WM, Übertragung, Sponsoring, Ticketing, Lizenzen , das Ganze auf zwanzig Milliarden Dollar taxieren, und dann ein Fünftel davon an Investoren verscherbeln. Thrive Eternal stand im Raum, die Investmentbude aus dem Hause Kushner — genauer: von Joshua, dem Bruder des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner. Man kennt sich, man hilft sich. Frist für die Verbände: 19. September. Locken mit Geld — zwanzig Millionen Dollar pro Verband, aufs Handgeld, mit einer noch größeren WM. Eine einfache Mehrheit (106 von 211 Stimmen) hätte gereicht. Demokratie, FIFA-Style: Wer am lautesten mit Scheinen raschelt, gewinnt.
Aufstand und Absturz
Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund. Zu viel ist zu viel. Aufstand der Verbände. UEFA: nein. Concacaf: nein. Die asiatische Konföderation solidarisiert sich, „tiefe Besorgnis“ über die „Entscheidungsprozesse“ – diplomatisches Vokabular für: Was bildet der sich eigentlich ein? Und dann, der Sargnagel: Infantinos eigener Berater Carlos Cordeiro, ehemaliger Banker, tritt zurück. Aus Protest. Wenn selbst der Banker im eigenen Lager sagt „so nicht“, dann ist die Idee nicht mutig, sondern einfach nur dreist gewesen.
Absturz. Brutale Bruchlandung. Wie Ikarus, nur dass der wenigstens noch einen Sonnenuntergang hatte, bevor er ins Meer klatschte. Infantino hatte nicht mal das. Rolle rückwärts: das Projekt werde „nicht weiterverfolgt“, man habe ja immer nur „vereinen“ wollen. Klar. Vom Sonnenkönig zum Rückzieher in einer einzigen Pressemitteilung.
Die WM selbst ist komplett an mir vorbeigegangen. An mir! Dem Keine-Sekunde-Verpasser von einst. Highlight-Clips haben gereicht. Mehr nicht.
Trotzdem, ich habe Liebeskummer. Ist der Fußball für einen Romantiker wie mich noch zu retten? Nicht, solange der Getriebene der Profitmaximierung auf dem Thron sitzt. Der den Verbandszweck komplett von der sportlichen Leidenschaft entkoppelt hat, um die FIFA wie ein reines Wirtschaftsunternehmen zu vermarkten. Gegen Raffzahn Infantino wirkt Dagobert Duck wie ein Kleinsparer.
Fazit: Der! Mann! Muss! Weg!
Ein Kommentar zu „Der Mann, der den Ball verkaufen wollte“
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Schöner Artikel (- wie eigentlich fast alle, die man bei Euch findet, weiter so!). Ich könnte mir gut vorstellen, dass man solche Typen früher geteert und gefedert durchs Stadium gescheucht hätte. Das hat wirklich nix mehr mit Sport zu tun und das einzig sportliche ist die an den Tag gelegte Dreistigkeit eines Herrn Infantino!


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