WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Ulis Cocktail-Reise

Die Cocktail-Journey: Eine Reise gegen die gepflegte Langeweile. Von der Freiheit, mit 60 den Rucksack zu packen und die Welt durch ein Cocktailglas neu zu entdecken.

Man sagt, Journalisten jenseits der 60 kultivieren die schlechte Laune wie einen guten Wein. Ich antworte darauf: Schlechte Laune ist oft nur der Durst nach echter Begegnung. Mit 14 Jahren hielt ich zum ersten Mal den Daumen in den Wind. Das Ziel war bloß das Nachbardorf, doch es fühlte sich an wie die große, weite Welt – und genau in diesem Moment packte mich eine Sehnsucht, die mich nie wieder losließ. Mit 17 folgte der erste Urlaub allein mit meiner Schulfreundin Susi in Jugoslawien, nach dem Abitur ging ich mit 20 alleine für ein Jahr nach London. Später, während meiner Studien - BWL und Tourismuswirtschaft, zog es mich für zwei Urlaubs- und Auslandssemester hinein nach Brasilien und quer durch Südamerika.

Von der Bank zur Kultur

Dann kam die Karriere – und mit ihr das Diktat der Effizienz, Reisen stand fortan unter dem Zeichen von Terminkalendern. Erlebniskonsum unter Zeitdruck, Abhaken von Kurzurlauben, eingezwängt zwischen Flughafen-Gedränge und dem Versuch so viel Welt wie möglich hineinzupressen. 1999 ermöglichte mir mein Job ein Jahr Sabbatical, das ich natürlich nutzte, Asien, Israel und Europa zu erkunden. Es veränderte alles. Ich kündigte, kehrte der Controlling- und Finanzwelt den Rücken zu und entschied mich für einen Wechsel in den Kulturtourismus.

Der Tresen als Heimat

Heute, gut 20 Jahre später, hat mir das Leben die Freiheit zurückgegeben wieder zu reisen so wie ich es liebe: Mit dem Bus, der Bahn, dem Fahrrad oder schlicht auf eigenen Beinen. Seit ich ein Teenager bin, ist die Bar für mich der ehrlichste Ort der Welt. Hier begegnen wir uns auf Augenhöhe. Hier wird gefeiert, getrauert, gelacht und geschwiegen, an einem guten Tresen, mit der richtigen Musik und einem korrekten Drink. Wenn ich irgendwann meinen letzten Atemzug tun darf, dann am liebsten genau dort: im sozialen Epizentrum einer guten Kneipe am Tresen.

Mut ist die wichtigste Zutat

Als Corona die Türen der Welt schloss, wollte ich nicht auf den perfekten Mix verzichten. Also lernte ich das Handwerk des Shakens von der Pike auf in der Barschule München. Jetzt, mit 60, verbinde ich alles, was ich liebe: das Entdecken fremder Kulturen und die Kunst des guten Mixens. Meine „Cocktail Journey“ ist mehr als eine Rezeptsammlung. Sie ist eine Einladung. Eine Einladung, den Rucksack zu schnüren, auch mal solo loszuziehen und keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Ob im Glas oder auf der Landkarte: Es gibt immer etwas Neues auszuprobieren.

Begleiten Sie mich auf meiner ersten Etappe von Berlin nach Istanbul und von Georgien nach Zentralasien. Überall auf der Welt findet sich eine Bar oder ein Tresen – und überall gibt es Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden.