WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Der Osten hat eine neue Zeitung
Pünktlich zum 80. Jubiläum der "Zeit" erscheint erstmals die Wochenzeitung "Ostdeutsche Allgemeine". Die Macher fordern Revanche für 1989.
JOURNALISMUS
Karl-Heinz Hüning
2/23/20263 min read


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Neben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ könnte künftig jeden Freitag ein neues Blatt auf meinem Küchentisch liegen. Diesmal aus dem Osten. Die „FAZ“ ist inzwischen viel zu teuer, um sie jeden Tag zu lesen, aber Freitags muss sein, wegen des Kreuzworträtsels.
Mit der „OAZ“, schreibt der Journalist Simon Strauß in der „FAZ“, kam - pünktlich zum 80. Jubiläum der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ - „die Revanche für 1989“.
Während „Die Zeit“ in der Rückschau kaum ein Wort über den Osten verliere, feiere die neue Konkurrenz aus Dresden die Erfahrungen der Ostdeutschen, die diesen dabei helfen würden, den Wandel besser zu verstehen.


Ich persönlich mußte bei der Lektüre der „Ostdeutschen Allgemeinen“ an ein Gefühl denken, das ich erstmals bei einer Lesung des Leipziger Germanisten Dirk Oschmann verspürte: Während er in der alten Pfarrkirche „Zu den Vier Evangelisten“ in Berlin-Pankow aus seinem Buch „Der Osten eine westdeutsche Erfindung“ vorlas, kam ich mir vor wie auf einem anderen Stern.
Ein Hochamt des Separatismus im atheistisch geprägten Osten. Die Kirche rappelvoll, hunderte geschundene, übervorteilte und gedemütigte Ostler, glänzende Augen, stehende Ovationen.
Seit fast zwanzig Jahren lebe ich jetzt in Pankow - immerhin sowas wie das Zentrum Ostdeutschlands - werde aber wohl immer ein Wessi bleiben. Na gut, einem zugereisten Ossi im Münsterland wird es wohl auch nicht anders ergehen.
Vae victis, wehe den Besiegten, dachte ich damals. Seid froh, dass ihr nicht, wie früher üblich, in Ketten in die Sklaverei geführt worden seid.
Gut, der Anfang war bitter, aber seit etlichen Jahren fahren auch im Osten die meisten Bürger Autos mit Viertakt-Motor, die Luft stinkt nicht mehr so erbärmlich, die Häuser sind renoviert und die ganzen Stasis, Vopos und Apparatschiks haben nichts mehr zu bestellen.
Aber richtig gut geworden ist es nach der sogenannten Wiedervereinigung natürlich auch nicht. Darum geht es den Machern der „Ostdeutschen Allgemeinen“. Das ist ihr Thema und das ist natürlich auch völlig richtig so! Mein Fremdeln ist ganz normal, treffsicheres Marketing.
Zeitungen sind schon immer das Hobby der reichsten Männer gewesen. Und es ging denen noch nie darum, nur etwas Schönes zu machen, oder etwas, das so vielen Lesern wie möglich gefällt. Nein, es geht natürlich darum, zu wirken und zu beeinflussen. Augstein oder Springer, kein Unterschied.
Bei der „OAZ“ heißen die Verleger Holger und Silke Friedrich. Immerhin ein Paar und nicht nur ein Kerl alleine. Tech-Multi-Millionäre, die sich lieber Zeitungen kaufen als Luxusyachten. Die Berliner Zeitung, den Kurier und die Weltbühne hatten sie vorher schon. Sehr respektabel. Damit hat es sich dann aber auch schon.


Beunruhigend finde ich das zu große Verständnis der Eheleute Friedrich und der von ihnen eingekauften Journaille für Russland und Putin. Erst wenn der Abwehrkampf der Ukraine gewonnen ist, kann man sich - wenn man es dann unbedingt will - an den Aggressor ranschmeissen. Schon vorher, als fünfte Kolonne, den Nachschub zu sabotieren, ist mindestens unehrenhaft.
Gleichzeitig das fast schon beängstigende ständige Geschrei nach Freiheit. Welche Freiheit, wessen Freiheit und was ist denn eigentlich „Freiheit“? Etwa die des Andersdenkenden? Oder geht es einfach nur darum, einen Vorwand zu finden, dem anderen an die Gurgel zu gehen?
Und genau damit droht die OAZ meines Erachtens unterschwellig die ganze Zeit. Das Interview mit Sachsens MP Kretschmer ist noch ok und auch gegen die Homestory mit AfD-Boss Chrupalla ist nichts einzuwenden. Mehr davon! Auch die AfD soll ihren Platz in den bunten Blättern finden.
Ärgerlich dagegen ist der Jubel darüber, dass der Osten in Wirklichkeit das bessere und auch erfolgreichere Deutschland abgibt. Als Kronzeuge muss ein junger westdeutscher Romanschriftsteller herhalten, der früher neben Hannes Wader auf den Festen der DKP hätte auftreten können.
Alle Artikel sind knochentrocken und völlig ohne Humor. Oder begreife ich den einfach nur nicht? Beängstigender Höhepunkt ist die Titelstory von Thomas Fasbender, bis 2022 hat er für Russia Today (RT) gearbeitet. Fasbender konstatiert völlige Reformunfähigkeit in Deutschland, einen fortschreitenden Kulturkampf und den Verlust der politischen Mitte. Möglicherweise hat er recht.
Ganz und gar nicht recht hat er hoffentlich mit seinem düster dräuenden Resümee: „Harte Zeiten zeichnen sich ab“, zitiert Fasbender die britische Ökonomin Helen Thompson. Und weiter: „Deutschland in seinem Status Quo, zerrissen zwischen Ost und West, links und rechts, oben und unten sowie Stadt und Land, wird diese Herausforderungen nicht bestehen. Mehr noch: Wir riskieren unser Land.“
Ein notorischer Schwarzseher Ost, der denen im Westen in nichts nachsteht. Heraus aus dem Selbstmitleid und dem Jammertal! Oder - wenn man unten ist kann es nur aufwärts gehen - vorausgesetzt man möchte es. Fasbender und die „OAZ“ wollen es nicht.
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