WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Die Abschaffung der Willenskraft

Ozempic und die Kränkung einer Gesellschaft, die den schlanken Körper für eine sittliche Leistung hielt

GESELLSCHAFT

Tim van Beveren

4/16/20266 min read

»Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen,
die des Nachts gut schlafen.«

Shakespeare, Julius Cäsar, I/2 (ca. 1599)

Es gibt Sätze, die so harmlos klingen, dass man ihren Hochmut leicht überhört. Einer davon fällt in der Debatte über Ozempic mit verlässlicher Regelmäßigkeit: Früher hat man einfach weniger gegessen. Das ist kein Argument. Es ist ein Bekenntnis.

Denn wer so spricht, spricht nicht über Stoffwechsel, Hormone oder Adipositas. Er spricht über Schuld, Disziplin und Charakter. Über die alte Vorstellung, dass ein Mensch seinen Körper zu beherrschen habe — und dass die sichtbare Form dieses Körpers etwas über seinen moralischen Wert verrate. Der schlanke Leib gilt dann nicht bloß als gesünder, sondern als verdient.

Und genau diese Erzählung beschädigt Ozempic. Das Medikament, dessen Wirkstoff Semaglutid ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurde, tut etwas kulturgeschichtlich höchst Ungehöriges: Es dämpft den Hunger, ohne dass der Mensch daraus ein Tugenddrama machen muss. Man isst weniger, nicht weil man sich heldenhaft überwunden hätte, sondern weil der Appetit leiser wird. Medizinisch ist das ein Fortschritt aber gesellschaftlich ist es eine Provokation.

Der Körper als Moralstück

Der Westen hat aus dem Körper seit langem eine sittliche Bühne gemacht. Schlankheit war nie bloß eine Form, sondern immer auch ein Prädikat. Wer schmal blieb, galt als diszipliniert. Wer zunahm, als nachlässig. Der Unterschied zwischen Figur und Charakter wurde zwar nie offen gelehrt — aber sozial unablässig behauptet.

Die Diät war deshalb nie nur eine medizinische Maßnahme. Sie war fast ein säkulares Bußritual. Kalorienzählen, Verzicht, Fastenkuren, die Liturgien des »Clean Eating«, der tägliche kleine Krieg gegen den eigenen Appetit — all das wurde moralisch aufgeladen. Der hungernde Mensch durfte sich immerhin damit trösten, dass sein Hunger als Tugend galt.

Ozempic greift genau hier ein. Es nimmt dem Körper jene Askese ab, aus der eine ganze Gesellschaft ihr kleines Ethos gezimmert hat. Kein Pathos der Entbehrung, kein täglicher Triumph über sich selbst, kein Verdienst im klassischen Sinn. Die Abkürzung empört. Nicht die Wirkung.

Shakespeare wusste, was er tat, als er Julius Caesar warnen ließ: »Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein« und im selben Atemzug den hageren Cassius verdächtigte. Der Mann mit dem hohlen Blick war der Mörder. Zu dünn war also schon immer verdächtig, zumindest in der Antike und dem Mittelalter. Das hat sich inzwischen vollständig umgekehrt. Was geblieben ist: der moralische Blick auf den Körper. Nur das Vorzeichen hat gewechselt.

Der Moment, in dem die Erzählung kippt

Besonders aufschlussreich ist, wer die Verschiebung am klarsten formuliert hat. Oprah Winfrey — US-Moderatorin, Medienmogulin, jahrzehntelang öffentliche Figur in Sachen Körper und Diät — gestand im Dezember 2023 in einem Interview mit dem US-Magazin People erstmals, ein Abnehmmedikament zu nehmen. Im Januar 2025 präzisierte sie in ihrem Oprah Podcast, in einem Gespräch mit der Yale-Endokrinologin Dr. Ania Jastreboff, was sie dabei gelernt hatte: »Ich dachte immer, dass dünne Menschen einfach mehr Willenskraft haben. Dann nahm ich zum ersten Mal ein GLP-1 -Präparat — und verstand: Die denken nicht einmal darüber nach. Die essen nur, wenn sie hungrig sind, und hören auf, wenn sie satt sind.«

Das war der zivilisatorische Schock in einem Satz. Nicht die Schwachen werden stärker, sondern die alte Erzählung wird schwächer.

Sharon Osbourne, Britin, TV-Persönlichkeit und Witwe des 2025 verstorbenen Rockmusikers Ozzy Osbourne, formulierte die Sache noch naiver. Sie hatte Anfang 2023 begonnen, Ozempic zu nehmen — ohne Diabetesdiagnose, allein zum Abnehmen. Gegenüber dem britischen Woman Magazine berichtete sie 2024, in vier Monaten knapp 19 Kilogramm verloren zu haben. »Zu viel. Ich wiege jetzt 45 Kilogramm und kann nicht zunehmen.« In der Talkshow von Piers Morgan ergänzte sie: »Man kann so viel Gewicht verlieren, und es ist leicht, davon abhängig zu werden — das ist sehr gefährlich.« 2025, als Fotos von ihr in Hollywood kursierten, auf denen sie kaum wiederzuerkennen war, hatte sie das Medikament längst abgesetzt. Ihr Körper spielte nicht mehr mit. Niemand hatte ihr gesagt, wann aufzuhören ist.

Und dann ist da noch Kelly Osbourne — Sharons Tochter, also sozusagen das Familienerbe,, die in einem Interview mit dem US-Magazin E! News 2024 den Satz sagte, den die gesamte Wellness-Industrie am liebsten nie gehört hätte: »Ich finde das großartig. Warum sollte man es nicht mit etwas tun, das nicht so langweilig ist wie Sport?«

Der kollektive Aufschrei kam prompt. Denn sie hatte ausgesprochen, was alle dachten, aber niemand sagen durfte: dass das Leiden womöglich optional ist.

Wellness als Statusprojekt

Gleichzeitig boomt das Gegenteil: Fasten-Retreats für 400 Euro das Wochenende. Pilates-Studios an jeder zweiten Straßenecke. Bücher über »intermittierendes Fasten«, »Clean Eating«, Darmgesundheit und das richtige Verhältnis zu seinem Körper. Die Wellness-Industrie ist ein Milliardenmarkt, der auf einer einzigen moralischen Grundannahme beruht: Der Körper ist ein Projekt. Und wer an ihm arbeitet, ist ein besserer Mensch.

Diese Industrie war nie der Gegenentwurf zur Chemie. Sie war nur ihre ästhetisch gefälligere Schwester. Wo das Medikament nüchtern sagt »ich wirke«, flüstert der Wellness-Markt »ich heile ganzheitlich«. Beides kostet Geld. Aber nur eines schmückt sich mit sittlichem Glanz.

Der Umsatz von Novo Nordisk — dem dänischen Pharmakonzern, der Ozempic herstellt — stieg laut Geschäftsbericht von rund 15 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf fast 39 Milliarden Euro im Jahr 2024, getragen vor allem von dem Wirkstoff Semaglutid.

In Hollywood ist die Spritze längst Standardrepertoire. Elon Musk pries das verwandte Präparat Mounjaro auf seiner Plattform X an wie einen Lebenshack. Was er verschwieg: Mounjaro kostet bis zu 490 Euro im Monat. Das günstigere Wegovy bis zu 276 Euro. Kosten, die die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernehmen — solange keine Diabetesdiagnose vorliegt. Das ist die eigentliche Pointe, die in der Debatte fast vollständig fehlt.

Die Moral der Schlanken war immer auch Klassenmoral

Die Moralisierung des Körpers traf nie alle gleich. Sie traf am härtesten jene, deren Alltag von Schichtarbeit, Erschöpfung, Stress, knapper Kasse, schlechten Schlafbedingungen und medizinischer

Unterversorgung geprägt ist. Gerade ihnen erzählte man am eifrigsten, alles sei am Ende eine Frage der Disziplin. Das war immer bequem — vor allem für jene, die sich ihren Lebensstil leisten konnten.

In Indien und China laufen derweil die Kernpatente von Novo Nordisk aus. Generika kommen auf den Markt, zu einem geschätzten Preis von rund 15 US-Dollar im Monat. Länder, die zusammen etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung stellen, bekommen bald Zugang zu einer Substanz, die in Europa bis mindestens 2031 ein Luxusgut bleibt. Patentschutz ist das neue Standesrecht.

Wer in Frankfurt wohnt und 500 Euro im Monat übrig hat, darf seinen Hunger abschalten. Wer nicht — der soll Charakter zeigen. Der Gemeinsame Bundesausschuss stellte 2024 klar, dass der gesetzliche Verordnungsausschluss für gewichtsreduzierende Medikamente auch für Wegovy gilt. Der Staat erkennt also Adipositas offiziell als ernstes Gesundheitsproblem an — und moralisiert die Behandlung anschließend über den Preis. Der Subtext lautet immer: Du sollst es dir nicht zu leicht machen.

Was Ärztinnen und Ärzte sagen - und was sie beunruhigt

Es gibt berechtigte medizinische Einwände — die allerdings selten so prominent verhandelt werden wie die emotionalen. Sylvia Damerau, Oberärztin in der Klinik für Kardiologie und Diabetologie am Klinikum Magdeburg, brachte es in einem auf der Klinikums-Website veröffentlichten Interview im März 2025 nüchtern auf den Punkt: »Ozempic ist quasi eine Abkürzung, die viele nehmen wollen. Damit zäumt man aber das Pferd von hinten auf.

Was viele nicht wissen: Man muss das ein Leben lang nehmen, sonst kommen die Pfunde zurück. Und da uns die Langzeitstudien fehlen, ist ein Langzeiteffekt bisher unerforscht.« Ihre Sorge gilt weniger der Spritze selbst als dem, was mit dem Kopf passiert: »Ich habe Angst, dass Patienten weniger motiviert sind, sich um das zu kümmern, was eigentlich sehr relevant für sie ist — nämlich selbst zu überlegen, was sie essen sollten.«

Noch konkreter wird die Wiener Ärztin Eva Wegrostek, Pionierin der medizinischen Ästhetik, im ORF-Magazin Wien heute vom 27. Februar. Sie verschreibt Ozempic bei Normalgewichtigen bewusst nicht: »So einfach kann man es sich nicht machen.« Was sie besonders empört: Kollegen bieten offenbar auch gesunden Patienten die Spritze an — für rund 400 Euro im Monat. Einer 34-jährigen Patientin wurde das Mittel bei einer Routine-Vorsorgeuntersuchung vom Gynäkologen angeboten. »Ich war sehr überrascht«,

zitiert Wien heute die Frau anonym, »denn ich bin weder krank noch übergewichtig.« Ihr Fazit: »reine Geldmacherei«. Das Medikament, das den Hunger abschaltet, schaltet offenbar bei manchem auch das ärztliche Gewissen ab.

Die Entzauberung der Tugend

Ozempic ist deshalb nicht einfach ein Medikament gegen Übergewicht. Es ist ein Medikament gegen eine Erzählung. Gegen die fromme Geschichte vom Leib als Zeugnis sittlicher Tüchtigkeit. Gegen die Vorstellung, der Hunger adle, die Mühe verleihe Sinn, und der schlanke Körper sei der gerechte Lohn innerer Ordnung.

Natürlich gibt es Risiken und natürlich gibt es Missbrauch. Natürlich wird dieses Präparat in den Händen des Schönheitsmarkts zur Ware, zum Statussymbol, zum Geschäft. Aber das erklärt nicht die moralische Erregung, mit der über dieses Mittel gesprochen wird. Die eigentliche Nebenwirkung von Ozempic ist

nicht Übelkeit, nicht Muskelschwund, nicht das sogenannte Ozempic Face — das eingefallene Gesicht derjenigen die zu rasch abgenommenen haben. Die eigentliche Nebenwirkung ist die Ent-

zauberung der Willenskraft.

Mit einem Mal erscheint der dünne Körper nicht mehr als sakrales Ergebnis von Tugend, sondern als etwas, das womöglich auch pharmakologisch erreichbar ist. Das erschüttert nicht nur eine Industrie, die von der endlosen Arbeit am Selbst lebt. Es erschüttert ein Menschenbild. Denn wenn Leiden nicht mehr notwendig ist, verliert auch die Moral, die es vergoldet hat, ihren Glanz.

Vielleicht war die ganze Erzählung vom »aus eigener Kraft geschafften Körper« nie so heroisch, wie sie klang. Vielleicht roch sie von Anfang an nach Privileg. Oder, um mit Shakespeare zu enden: Vielleicht sollte man den Wohlbeleibten endlich ihren Schlaf lassen — und den Schlanken ihre eingebildete moralische Überlegenheit nehmen.