WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Die Party ist vorbei

"Sommer 24". Präsentation des neuen Buchs von Navid Kermani in der Akademie der Künste in Berlin

BUCHKRITIK

Karl-Heinz Hüning

3/15/20264 min read

Die Präsentation des neuen Buchs von Navid Kermani in der Berliner Akademie der Künste fand ich so schrecklich, dass ich mich anschließend kaum noch überwinden konnte, das Buch „Sommer 24“ auch tatsächlich zu lesen. Was ein Fehler gewesen wäre! Was kümmert den Vogel die Ornithologie und was kann der Autor dafür, was die Vögel, die mit ihm auf dem Podium sitzen, so von sich geben. Ein gutes Buch.

Aber von Anfang an. Die Akademie der Künste, direkt am Brandenburger Tor, besser gehts nicht. Wer hier sein Werk vorstellen darf, der hat alles geschafft. „Widersprüche aushalten“ war das Motto des Abends. Aber eigentlich ging es eher um eine Art Abgesang auf die jahrzehntelange linksliberale Dominanz im bundesdeutschen Kulturbetrieb.

Im Publikum waren mit Katja Riemann und Jasmin Tabatabai sogar zwei bekannte Schauspielerinnen. Glücklich, wer eine Eintrittskarte ergattern konnte. Eine nur mäßig besuchte Solidaritätsdemo für die Ukraine, draussen vor der Tür, auf dem Pariser Platz, sorgte für die Geräuschkulisse.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Manos Tsangaris, dem Präsidenten der Akademie der Künste. Von seiner ausführlichen Einleitung habe ich lediglich behalten, dass Kermani und er in Köln im selben Haus wohnen. Vom Inhalt des Buches war, soweit ich mich erinnere, kaum die Rede.

Es ist aber auch nicht ganz einfach, ihn knapp wiederzugeben. Das Buch hat nur 157 Seiten, der Inhalt aber ist komplex. Es geht um einige Episoden, die der Protagonist, er heißt ebenfalls Navid Kermani, im Sommer 2024 erlebt hat.

Abgesehen von einigen kurzen Passagen, die der Dichter vorlas, kam er während der Diskussion selbst kaum zu Wort. Manos Tsangaris hatte - mit Verlaub - schon zu Beginn der Veranstaltung in einen regelrechten Laberflash. Gut, dass Kermani währenddessen in seinem Buch blättern konnte. Anders als die meisten Zuhörer hatte er wenigstens was zu lesen dabei.

Zwischendurch gab Tsangaris dann auch noch kurze musikalische Häppchen zum Besten, gespielt auf bizarren kleinen Trommeln und Becken. Artiger Applaus vom Publikum.

Der Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen versuchte dann Parallelen zu ziehen zwischen dem Sommer 1914, vor Beginn des ersten Weltkriegs, und dem Sommer 2024. Er verwies dazu auf ein Buch des späteren Literaturnobelpreisträgers Roger Martin du Gard. Allerdings vertat sich der Professor sowohl beim Namen des Autors als auch beim Titel des Buches. Gemerkt hat er es dann doch noch - Google sei Dank!

Trotz Gazakrieg und Trumps Wiederwahl, ob sich der Sommer 2024 mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg vergleichen läßt, das müssen die Historiker entscheiden.

In Kermanis vielschichtigem Buch geht es auch darum, wie Autoren an ihre Geschichten kommen und welche Verantwortung sie tragen. Der wichtigste Handlungsstrang dreht sich um eine Vergewaltigung, von der eine fremde Frau dem Protagonisten in einer Kneipe erzählt. Dieser veröffentlicht die Geschichte; zwanzig Jahre später wirft ihm das Opfer vor, sie dadurch erneut vergewaltigt zu haben.

Der Protagonist stellt sich dem Vorwurf und besucht die Frau in der Psychiatrie. Ein schaler Beigeschmack aber bleibt. Seine Lebensgefährtin verlässt ihn. Die Schriftstellerin Eva Menasse, die sich ansonsten angenehm zurückhielt, entlastete den Autor von seinen Zweifeln. Zu Recht. Die Frau habe freiwillig von ihrem Leiden erzählt. Irgendwoher müssen die Geschichten schließlich auch kommen. Zumindest wenn es nicht nur zusammenphantasierter Quatsch sein soll.

Im Buch „Sommer 24“ geht es außerdem um einen jüdischen Galeristen, der sich zur AfD bekennt und seine Putzfrau im letzten Moment enterbt, weil sie seinen Selbstmord verhindert. Ein Besuch auf einer Frühchenstation in Tigray, kurz nach Ende des blutigen Kriegs in Äthiopien, illustriert, dass von Gleichheit auf der Welt überhaupt keine Rede sein kann. Das Sieben-Monats-Kind des Protagonisten in Deutschland wächst und gedeiht, im Kriegsgebiet dagegen sterben die Frühgeborenen.

Kermani erzählt auch von einem Jugendfreund, Sohn eines Bundeswehrgenerals, der im Leben scheitert. Dessen Tochter überlebt nur knapp das Attentat am Breitscheidplatz, heiratet aber einen Moslem.

Es geht viel ums Sterben und um den Tod. Und um Erinnerung. Wie ein roter Faden zieht sich das von Antonin Artaud erfundene Theater der Grausamkeit durch das Buch. Den zweiten Weltkrieg hatte der Franzose in der Psychiatrie verbracht.

Kermani erzählt von einem Regisseur, der ein Stück des Avantgardisten auf die Bühne bringt. Kurz vor der Premiere stirbt dessen Lebensgefährtin, die eine der Hauptrollen spielen sollte. Der Regisseur läßt sie ihren Monolog in ein Handy sprechen und nimmt diesen auf, während der Vorstellung wird die Aufnahme zugespielt.

Kermanis Buch endet mit einem langen Zitat von Artaud: Zwei Stunden habe der Dichter 1947 zum letzten mal auf der Bühne gestanden. Er schrie unartikuliert, rülpste, fauchte, wand sich scheinbar von Krämpfen geschüttelt, bis ihm „klar wurde, dass die einzige Sprache, der ich mich bedienen konnte, darin bestanden hätte, Bomben aus meiner Tasche zu ziehen und sie mit einer Bewegung ausgesprochener Aggressivität ins Gesicht zu schleudern“.