WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Die teuerste Umleitung der Geschichte
Artemis 2, die NASA und die Kunst, 60 Jahre Raumfahrt als Durchbruch zu verkaufen
RAUMFAHRT
Tim van Beveren
4/12/20266 min read


Es gibt eine Szene, die letze Woche um die Welt ging:
Vier Astronauten in einer Kapsel, winkend, lächelnd, dahinter durch das Fenster der Mond. Groß, weiß, greifbar nah. Darunter, in den Kommentarspalten von ARD bis CNN, das kollektive Aufseufzen der Menschheit: »Wir sind zurück!«




Nur: Zurück wo?
Die Besatzung von Artemis 2 hat den Mond doch gar nicht betreten. Sie hat ihn auch nicht umkreist. Sie ist an ihm vorbeigeflogen — in einem Abstand von mindestens 6.000 Kilometern und dann schnurstracks wieder zurück nach Hause. Exakt das, was Apollo 13 im Jahr 1970 getan hat. Unfreiwillig. Nach einer Explosion des Servicemoduls. Dafür hat die NASA jetzt knapp 54 Jahre und Unsummen gebraucht.
Der Rekord, den niemand brauchte
Natürlich gab es einen Rekord. Die Artemis-2-Besatzung stellte einen neuen Entfernungsrekord auf: 406.765 Kilometer von der Erde, gut 6.600 Kilometer weiter als Apollo 13. Dieser Unterschied
entspricht ungefähr der Strecke von Berlin nach Tokio. Man stelle sich vor, man kündigt an, als erster Mensch die Alpen zu überqueren — und überquert dann den Brenner, weil es kürzer geht, aber
400 Meter höher liegt als die bisher höchste Stelle der Strecke.
Historisch.- Irgendwie. Die Kommunikationsabteilung der NASA hat ganze Arbeit geleistet. »Die erste bemannte Mondmission seit 54 Jahren« — das stimmt technisch, wenn man Mondmission weit genug fasst. »Weiter als je ein Mensch zuvor« — auch das stimmt, wenn man die letzte Vergleichsmission so unglücklich wählt wie Apollo 13. Jede dieser Aussagen ist korrekt. Keine davon ist ehrlich.


Was Apollo konnte - und wann
Zum Einordnen: Apollo 8 umrundete den Mond im Dezember 1968. Nicht nur vorbeifliegen — umrunden. In eine Umlaufbahn einschwenken, zehnmal den Mond umkreisen, zurückkehren. Das war 1968. Mit Technologie, die sprichwörtlich weniger Rechenleistung hatte als ein modernes Heizungsthermostat. Wer das damals als Kind vor dem Fernseher erlebt hat — und der Autor gehört zu jener Generation, die mit Apollo aufgewachsen ist, die nachts geweckt wurde, wenn eine Mondmission landete, und die mit brennender Selbstverständlichkeit nicht »Lokführer« sondern »Astronaut«« als Berufswunsch ins Schulheft schrieb, der weiß, was echte Raumfahrt-Begeisterung bedeutet. Und der merkt auch sofort, wenn etwas nicht stimmt. Die SLS-Rakete, Herzstück von Artemis, hat deutlich weniger Nutzlastkapazität als die Saturn V von damals. Sie basiert — das ist kein Witz — auf Triebwerken des Space Shuttles, das 2011 außer Dienst gestellt wurde, und auf einer Grundkonstruktion, deren Wurzeln in den 1970er Jahren liegen. Die Entwicklung dieser Rakete begann 2011. Die erste Mondlandung erfolgte 1969, acht Jahre nach dem allerersten bemannten amerikanischen Weltraumflug. Artemis hat für eine Testumrundung ohne Landung 14 Jahre gebraucht.


Die Zahlen, die nicht genannt werden
Allein die Entwicklung des Space Launch System kostete von 2011 bis 2024 laut dem P.M. Magazin rund 35 Milliarden Dollar. Die Orion-Kapsel von Lockheed Martin: weitere 26 Milliarden. Pro Flug schlägt eine Mission nach NASA-eigenen Angaben mit rund 3,5 Milliarden Dollar zu Buche — und die Rakete ist Einweg. Sie wird nach jedem Start im Ozean versenkt. Zum Vergleich: Ein Start der SpaceX Falcon Heavy kostet laut Hersteller 150 Millionen Dollar. Das SLS kostet das Dreißigfache. Nach einer NASA-internen Projektion, die der US-Rechnungshof (GAO) 2023 zitierte, sollten sich die Gesamtkosten des Artemis-Programms bis 2025 auf rund 93 Milliarden Dollar belaufen — eine Zahl, die die Behörde selbst als nicht nachhaltig einstufte. Hochrangige NASA-Manager räumten gegenüber dem GAO ein, dass »das SLS-Programm bei den derzeitigen Kosten nicht tragbar« sei.


Die PR-Maschine und ihre Rekorde
Man muss der NASA eines lassen: Sie versteht ihr Handwerk Das Timing war brillant. Start am 1. April — kein Schreibfehler — in eine Nachrichtenlage, in der Iran-Krieg, Trump-Chaos und europäische Koalitionsstreitigkeiten die Schlagzeilen dominieren. Dagegen: Astronauten, Mond, Menschheit. Das Gegenbild zur Weltlage. Emotionale Wirkungstreffer in Frequenzen, denen Nachrichtenredaktionen nicht widerstehen können. Wer die NASA-Liveübertragungen auf YouTube verfolgt hat, durfte noch eine weitere Leistung der NASA-PR-Abteilung bestaunen: Die Kommentatoren erwähnten in einem Rhythmus, der irgendwann meditative Qualitäten annahm, dass sich die Crew in einer »großartigen Stimmung« befinde. »Exzellente Stimmung. Fantastische Stimmung. Die Crew sei bester Dinge. Ausgezeichnete Laune an Bord.« Man fragte sich unwillkürlich, ob dies Missionsdaten sind, die irgendein Instrument misst, oder ob da jemand mit einem Drehbuch vor dem Mikrofon sitzt. Bei der neunten Erwähnung guter Crew-Stimmung innerhalb einer Stunde hatte man das Gefühl: Hier wird nicht eine Mondmission kommentiert, sondern ein Wellness-Retreat in der Umlaufbahn. Die Botschaft war klar. Die Astronauten sind glücklich. Wir sind glücklich. Alle sind glücklich. Also bitte nicht nachfragen.


Die NASA postete täglich Bilder. Atemraubend schöne Bilder.
Den Mond nah, die Erde fern, das Raumschiff irgendwo dazwischen. Das muss man der Gegenwart lassen: Die Bilder von Artemis 2 sind atemberaubend — hochauflösend, gestochen scharf, in leuchtenden Farben. Das ist kein Vergleich zu den gespenstischen Schwarzweiß-Geisterbildern von Apollo 11, die damals mit gerade 250 Bildzeilen über Funk zur Erde tröpfelten. Farbbilder vom Mond lieferten erst die letzten drei Apollo-Missionen — Apollo 15, 16 und 17, zwischen 1971 und 1972 — nachdem die Farbkamera bei Apollo 12 ausgebrannt war, weil ein Astronaut sie versehentlich in die Sonne hielt. Seitdem hat sich die Bildtechnik ein wenig weiterentwickelt. Das ist unbestreitbar. Und ändert nichts daran, was die Mission inhaltlich war. Im selben Moment veröffentlichte die Behörde, praktisch ohne Aufhebens, dass das Lunar Gateway — die geplante Mondorbitalstation, eines der Kernanliegen des Artemis-Programms — im März 2026 auf unbestimmte Zeit eingestellt wurde. Und dass Artemis 3, ursprünglich als erste Mondlandung des Programms geplant, nun stattdessen ein weiterer Testflug im niedrigen Erdorbit wird. Die Mondlandung, für die das alles gebaut wurde, ist auf frühestens 2028 verschoben. - Möglicherweise.




Was ein Weltraumforscher klar ausspricht
Günter Kargl, Wissenschaftler am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Graz, formulierte es am 9. April 2026 auf der Website der ÖAW so: »Es geht derzeit nicht um große wissenschaftliche Durchbrüche, sondern um Grundlagenarbeit — darum, komplexe Systeme im All zum Laufen zu bringen.« Gegenüber der österreichischen Wochenzeitung Die Furche ergänzte er am 8. April den politischen Kern: Eine bemannte Mondmission sei heute vor allem der Beweis, »dass man technologisch immer noch gewissermaßen der big dog ist — also wirt-schaftlich und politisch sehr mächtig.« Forschung kommt erst danach.
Warum das alles trotzdem gemacht wird
Die ehrliche Antwort findet sich nicht in NASA-Pressemitteilungen, sondern in der Geopolitik. China hat angekündigt, bis 2030 Menschen auf dem Mond zu landen. Ohne Artemis würden die USA den symbolisch bedeutsamsten Moment des 21. Jahrhunderts im Weltraum verlieren — an den einzigen Rivalen, der zählt. Deshalb fliegt die Mission. Trotz der Kosten, trotz der technischen Schwäche, trotz der Tatsache, dass SpaceX mit Starship eine Rakete entwickelt hat, die das SLS in jeder relevanten Kategorie übertrifft — und wiederverwendbar ist. Das Programm ist im Wesentlichen ein industriepolitisches Beschäftigungsprogramm für Boeing und Lockheed Martin, mit einem geopolitischen Feigenblatt und einer PR-Hülle aus Astronautengesichtern. Das klingt zynisch, ist aber nur präzise.


Der eigentliche Skandal
Dieser liegt nicht darin, dass Artemis 2 keine Apollo 11 ist. Das war nie geplant und wäre auch ungerecht zu fordern. Der eigentliche Skandal liegt für mich in der systematischen Sprache, mit der eine technologische Rückwärtsbewegung hier als historischer Fortschritt verkauft wird. Während vier Astronauten mutig und kompetent ihren Testflug absolvierten — und das verdient echten Respekt — hat ihre Behörde der Öffentlichkeit erzählt, die Menschheit sei zurück am Mond. Dabei war die Menschheit 1972 zuletzt schon auf dem Mond. Was 2026 passiert ist, war ein Vorbeiflug. Beeindruckend. Teuer. Notwendig? - Vielleicht. - Aber es ist kein Durchbruch. Und eine Demokratie, die über 90 Milliarden Dollar ausgibt, um zu lernen, was sie 1972 bereits wusste, sollte das zumindest wissen dürfen. Ohne PR-Filter. Ohne Rekordmeldungen, die keiner braucht. Auch das ist aber am Ende nur eine Frage von Souveränität.


