WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Ich sehe nur noch Krimis!
Es gibt viel zu viele Krimis im Fernsehen, sie sind oft schlecht und meist zu teuer
KULTUR
Karl-Heinz Hüning
2/9/20263 min read


Blut, Frösche, Mücken, Hundsfliegen, Viehpest, Beulen, Hagel, Heuschrecken, Finsternis und Tod der Erstgeborenen. Hätten die Autoren der biblischen Plagen damals schon Fernsehen gehabt, hätten sie vermutlich noch eine elfte hinzugefügt: den deutschen TV-Krimi.
Man kann ihm nicht mehr entkommen sobald man den Fernseher einschaltet. Nur Quizsendungen, Volksmusik- und Schlagershows sowie natürlich Sportübertragungen scheinen ebenfalls noch eine Sendeberechtigung zu haben.
Von „Morden im Norden“ bis „Watzmann ermittelt“, flächendeckend ist die Republik kriminalistisch erfasst. Jede mittelgroße Kleinstadt hat inzwischen ihr eigenes TV-Ermittlerteam. Ausnahmen wie Günzburg oder Salzgitter bestätigen die Regel.
Auch Flüsse, Seen sowie Nord- und Ostsee sind mit jeweils eigenen Serien vertreten. Spezielle Regionen fordern offenbar ebenfalls eigene Kommissare, etwa Friesland oder der Spreewald. Voraussetzung scheint eine gewisse touristische Attraktivität zu sein.
Fernsehkrimis können auch Spaß machen
Begonnen hat alles mit internationalen Verkaufsschlagern wie „Derrick“ oder „Der Alte“. Horst Tappert und Erik Ode kannte zu ihrer Zeit selbst in Indien jedes Kind.
Der „Tatort“ im Westen und der „Polizeiruf 110“ im Osten kamen hinzu, plus Ableger im deutschsprachigen Ausland. Was als oft spannender Regionalkrimi mit sozialkritischen Bezügen begonnen hatte, mutierte allerdings im Laufe der Jahre zur Versorgungseinrichtung für abgehalfterte Schauspielstars.
Aber es gab auch immer wieder fetzige, tolle Unterhaltung. Nicht umsonst versammelt sich noch immer ganz Fernsehdeutschland jeden Sonntagabend zum Tatort gucken. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Ausnahme: Krimis mit Humor
Große Ausnahmen bei soviel Tristesse sind die Krimis mit humoristischem Angang. Das reicht von der „Sörensen“-Reihe im Norden bis zu „Mord mit Aussicht“ in der Eifel. Beide übrigens mit Bjarne Mädel.
Der Süden hat bei den grotesken Krimikomödien mit schwarzem Humor eindeutig die Nase vorn. Der Bayerische Rundfunk wiederholt gefühlt jeden zweiten Abend einen der grandiosen Eberhofer-Krimis. „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ sind unvergessen.
Die wahren Meister des Genres aber sitzen in Österreich: Begonnen hat dort alles mit „Kottan ermittelt“ und mit den Brenner-Geschichten. „Jetzt ist schon wieder was passiert“. Der Detektiv wird gespielt von Josef Hader. Nie zuvor musste ein Ermittler derart gnadenlos einstecken.
Wolfgang Murnberger, David Schalko, Simon Schwartz - um nur einige zu nennen - eine eigene Schule von Regisseuren, Autoren und Darstellern ist in Österreich herangewachsen. Tu felix Austriae.
Piefkes, die weite Welt spielen
Apropos Ausland! Seit einigen Jahren lassen ARD und ZDF auch gerne jenseits der deutschen Grenzen Krimis drehen. Und zwar zufällig immer dort, wo es nach Ansicht der Reiseindustrie besonders schön ist. Ob es einen Zusammenhang gibt mit möglicherweise gewährten „Produktionshilfen“, müsste vermutlich noch gründlicher untersucht werden.
Begonnen hat das absurde Theater mit den Donna Leon Krimis in Venedig. Zugegeben, eine sehr schöne Location. Aber was das kostet, den ganzen Kram und natürlich auch Schauspieler und Techniker dorthin zu schaffen! Das gleiche in Amsterdam, Bozen, Kroatien, Istanbul und auf besonders abgelegenen schottischen Inseln. Nur eine kleine Auswahl.
Total lustig, wenn auch ungewollt, wenn gestandene deutsche Schauspieler, die sich in der Landessprache vermutlich kaum ein Würstchen bestellen können, so tun als ob sie Franzosen, Türken oder Kroaten sind.
Unsere Nachbarn in Holland oder Polen drehen übrigens keine Krimis in Deutschland. Warum auch? Das ist viel zu teuer! Kommen wir zum Schluss also zum Thema Geld.
Viel zu teuer aber voll woke
Die durchschnittliche Tatort-Minute kostet 21.500 Euro. Und, um ein Beispiel zu nennen, die Minute „Nord Nord Mord“ (eine Serie, die ich übrigens ziemlich gut finde) wird nicht viel weniger kosten. Ganz zu schweigen von den Hochglanz-Produktionen an den bevorzugten Tourismusdestinationen dieser Welt.
Wie war das nochmal mit der Nachhaltigkeit und den Klimazielen? Aber zumindest fürs zielgenaue Framing ist gesorgt. Ein Höhepunkt war die schwarze BKA-Profilerin in „Die Polizistin und die Sprache des Todes“. Womit nichts gegen die schauspielerischen und menschlichen Qualitäten der Darstellerin Thelma Buabeng gesagt sei.
Auch Maria Furtwängler hat jetzt in Göttingen eine schwarze Kollegin. Volle Frauenpower, typisch norddeutsche Tiefebene. Aber die Hautfarbe ist natürlich völlig egal, Hauptsache der Film ist gut. Davon kann immer seltener die Rede sein. Bei steigenden Kosten.
Genaue Zahlen liegen nicht vor, aber nur Fußballrechte sind noch teurer. Es geht um Milliarden und darum, was mit dem vielen Geld geschieht. Geliefert wird viel zu teure Durchschnittsware, Qualität und Unterhaltung bleiben auf der Strecke. Vielleicht mal wieder was anderes präsentieren als den 500. Krimi? Ich gucke mir außer Nachrichten auch mal gerne eine Komödie an. Oder was über biblische Plagen.
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