WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Kollege gesucht

Lieferwagen und Handwerkerautos werden zu fahrenden Jobportalen

GESELLSCHAFT

Matthias Bonjer

3/14/20262 min read

Deutschland hat ein neues Jobportal entdeckt. Es heißt: Transporter-Heck. Früher stand hinten auf Handwerkerautos einfach nur „Malerbetrieb Müller". Heute steht dort: „Kolleg*in gesucht!" Als würden die Verkehrsteilnehmer auf der B96 morgens um halb acht aus lauter arbeitslosen Dachdeckern bestehen, die nur darauf warten, endlich ein Firmenfahrzeug mit einem geeigneten Jobangebot zu entdecken.

Du stehst an der Ampel. Vor dir ein Kastenwagen. Hinten drauf: „Werde Teil unseres Teams." Du denkst: Na, klar. Genau jetzt. Zwischen Kupplung treten und Blinker setzen überarbeite ich meinen Lebenslauf. Vielleicht scanne ich auch noch schnell den QR-Code. Während der LKW hinter mir hupt und der Busfahrer beginnt, die Nerven zu verlieren.

Deutschland sucht verzweifelt Fachkräfte. Aber offenbar vor allem im Rückspiegel. Früher hat man dafür Anzeigen geschaltet. Heute klebt man sie einfach auf Autos. Ein rollendes Stellenportal: Indeed auf Rädern; Stepstone mit Anhängerkupplung.

Und die Slogans werden immer kreativer. Ich sah neulich einen LKW mit dem Satz: „Du fährst gut? Dann fahr mit uns Güter." Ich habe kurz darüber nachgedacht, mich zu bewerben. Das Ganze hat Tradition.

Schon in den 70igern schrieb die Stadtreinigung auf ihre Müllwagen Dinge wie: „Hier bist du immer willkommen." Damals ging das noch als Humor durch, heute ist es Personalstrategie.

Die Polizei klebte in den 90igern erstmals „Komm zur Polizei" auf ihre Fahrzeuge. Danach blieb es erstmal ruhig. Bis irgendwann jemand im Marketing sagte: „Was die Polizei kann, kann der Dachdecker schon lange."

Seitdem verbreitet sich das Heck-Recruiting wie eine Werbepest in deutschen Innenstädten. Dachdecker. Sanitärbetriebe. Glaser. Feuerwehr.

Alle rufen vom Fahrzeugheck: „Komm zu uns!"

Ich warte nur darauf, dass der erste Bestattungswagen durch Berlin fährt mit dem Slogan „Nebenverdienst Zahngold? Komm ins heißeste Team der Stadt." Oder ein Brauereilaster: „Bier trinken ist dein Hobby? Mach es zum Beruf!"

Auch Lieferdienste werden das Potential bald erkennen. Ihre Fahrer, man erkennt sie am Turban, fahren ohnehin schon kreuz und quer durch die Stadt. Warum also nicht gleich hinten auf die E-Bikes schreiben: Sikhs fahren für Lieferando aber gerne auch Mietwagen von Sixt.

Und wenn Deutschland konsequent bleibt, zieht auch die Nachbarschaft mit. Die Dame im dritten Stock, die seit 40 Jahren am Fenster steht, könnte Nachwuchs suchen: „Straße beobachten ist dein Hobby? Komm ans Fenster. Irgendwas ist immer."

Die größte Innovation kommt aber vermutlich aus dem Staatsdienst. Insider sagen, auch Zoll, Kripo und Geheimdienste denken über neue Recruitingmethoden nach.

Unauffällige Skoda-Dienstwagen mit Aufklebern wie: „Du hast uns erkannt? Dann arbeite für uns." Deutschland 2026.

Der Arbeitsmarkt fährt jetzt Transporter. Und wenn Sie morgen im Stau stehen und vor Ihnen steht wieder ein weißer Kastenwagen mit der Aufschrift: „Kollege gesucht", dann wissen sie, das ist kein Auto, das ist ein Karriereportal mit Rücklichtern.