WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Mein Logbuch

Teil I: Singen auf dem Bürgersteig/Der Tod an der Supermarktkasse/Lob des Kreuzworträtsels in der FAZ

KULTUR

Karl-Heinz Hüning

4/25/20263 min read

Bombenwetter. Das erste Bier des Jahres draußen am Tisch vor der Kneipe auf dem Gehweg. Während ich gemütlich mit meinem Neffen telefoniere, winken mich die beiden Biertrinker am Nebentisch zu sich: „Thomas mit der Sonnenbrille“ und der „Mann mit dem Hund und dem unaussprechlichen serbischen Vornamen“. Sehr angenehm.

Die Unterhaltung beginnt mit dem üblichen Urlaubsgeprotze - denke ich jedenfalls. „Thomas mit der Sonnenbrille“ hat einen Segeltörn über den Atlantik bis in die Karibik hinter sich. 15 Teilnehmer, sechs Wochen, sechstausend Euro.

Ich beginne mich zu langweilen, frage nach Problemen mit Körperhygiene und Flatulenz auf so engem Raum. Für „Thomas mit der Sonnenbrille“ Anlass, über Langeweile, Wahrheit und Tiefe zu räsonieren.

Das war’s, denke ich, bis der „Mann mit dem Hund und dem unaussprechlichen serbischen Vornamen“ verschwindet und mit einer kleinen, blauen Ukulele zurückkehrt. „Thomas mit der Sonnenbrille“ übernimmt das Instrument und macht nahtlos mit „Wahrheit und Tiefe“ weiter:

"Ein Wind weht von Süd

Und zieht mich hinaus auf See,

Mein Kind, sei nicht traurig

Tut auch der Abschied weh.

Mein Herz geht an Bord,

Und fort muss die Reise gehen.

Dein Schmerz wird vergehn

Und schön wird das Wiedersehn.

Mich trägt die Sehnsucht fort

In die blaue Ferne.

Unter mir Meer

Und über mir Nacht und Sterne."

„Thomas mit der Sonnenbrille“ ist zwar kein Virtuose, aber er spielt gut und er singt laut. Der „Mann mit dem Hund und dem unaussprechlichen serbischen Vornamen“ und ich steigen bald mit ein:

"Auf Matrosen, ohé!

Einmal muss es vorbei sein

Nur Erinnerung an Stunden der Liebe

Bleibt noch an Land zurück.

Seemanns Braut ist die See

Und nur ihr kann er treu sein

Wenn der Sturmwind sein Lied singt,

Schon winkt mir

Der großen Freiheit Glück."

Nicht besonders schön, aber engagiert tönt „La Paloma“ über die Florastraße.

Die Nachbarn werden es nicht so sehr gemocht haben, aber wir waren einen Moment lang glücklich. War ja auch noch nicht so spät am Abend.

Seemanns Braut ist die See

Und nur ihr kann er treu sein,

Wenn der Sturmwind sein Lied singt,

Dann winkt mir

Der großen Freiheit Glück.

La Paloma adé

Auf Matrosen, ohé! Ohé!

Ich habe bei Rewe an der Kasse den Tod gesehen. Er hatte den Pin-Code vergessen. Der Herr war mir schon vorher aufgefallen: Ende achtzig, weisses Haar, Burberry-Trenchcoat, Ton-in-Ton in einem dezenten Beige gekleidet. Frisch rasiert, die Haare gewaschen und frisiert. Der Mann hatte Hilfe.

Beneidenswert, so alt zu werden. Wäre da nicht dieser etwas abwesend wirkende Blick gewesen. Wir trafen uns zuerst am Schnapsregal. Energisch packte der Mann die Spirituosen in seinen Einkaufswagen und zog dann weiter in den Gang mit der Schokolade, dem Konfekt und den anderen Süssigkeiten.

Hier machte sich erstmals leichte Verwirrung bemerkbar. Der Herr forderte mich auf, endlich Platz zu machen, obwohl daran gar kein Mangel herrschte. An der Kasse dann schien alles zunächst völlig normal. Nur als es ums Bezahlen ging, begannen die Probleme: Weder für die Giro-Card noch für seine Kreditkarte wußte der Mann den Pin-Code. Bargeld befand sich ebenfalls nicht im Portemonnaie, nur ein Zettel, auf dem vermutlich seine Adresse stand.

Alles verlief in einer gespenstischen Ruhe. Niemand motzte, drängelte oder moserte. Der Mann selbst wirkte völlig unbeteiligt und ruhig. Dann war er plötzlich weg. Zurück blieb der volle Einkaufswagen.

Viele schätzen die nüchternen Nachrichten, das gut informierte Feuilleton oder die wohl formulierten Leitartikel. Aber ich mag an der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor allem das Kreuzworträtsel!

Dafür verantwortlich ist Christian Meurer. Niemand kann so raffinierte Rätsel zusammenbasteln wie er. Da ist viel Wissen gefragt und auch Kombinationsgabe, aber der Mann verarbeitet zum Beispiel auch Zitate aus 60iger-Jahre Schlagertexten. Je abwegiger, desto besser.

Das alles ist natürlich nichts Besonderes, das gibt es in den Rätseln der „Zeit“ und der „Süddeutschen Zeitung“ ebenfalls. Der absolute Kracher ist der anarchische Witz, den der frühere „Titanic“-Autor immer mal wieder ganz leise zündet. Ein Beispiel?

„Nicht die Polizei bei den Dickhäutern, sondern die, die mit Klöten tröten“.

Na, hätten sie es gewußt? Gemeint sind natürlich Elefantenbullen. Auf sowas muss man erstmal kommen!

Zwei, drei Stunden sitze ich jeden Freitag locker vor dem Rätsel, aber trotzdem gelingt es mir nicht immer, alle Fragen zu beantworten. Für alle, denen es genauso geht, habe ich aber einen kleinen Tipp: www.juergenpeters.com. Da gibt es die Lösungen quasi in Echtzeit und man muss nicht eine ganze Woche auf die Auflösung warten.