WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Merz memmt rum

Die dünnhäutige Republik - oder: Wenn Macht plötzlich beleidigt ist.

POLITIK

Tim van Beveren

4/9/20264 min read

Die dünnhäutige Republik

Es gehört zu den stabilen Mythen der deutschen Politik, dass man in diesem Land alles sagen dürfe außer vielleicht „Du bist aber empfindlich“. Spätestens seit Friedrich Merz Kanzler wurde, scheint genau dieser Satz jedoch zur juristischen Hochrisikoformel geworden zu sein. Dreihundert Strafverfahren wegen Beleidigung des amtierenden Bundeskanzlers Friedrich Merz sind anhängig.

Dreihundert Strafverfahren wegen Beleidigung

Eine Zahl, die zunächst klingt wie das Ergebnis einer besonders missglückten Social-Media-Challenge. Doch sie steht im Raum – und sie ist nicht einmal freiwillig transparent geworden: Erst eine gerichtliche Auseinandersetzung zwang das Kanzleramt, diese Größenordnung offenzulegen – erstritten von der Zeitung Der Tagesspiegel.

Allein dieser Umstand erzählt bereits eine eigene Geschichte. Eine über das Verhältnis zwischen politischer Macht und öffentlicher Kontrolle. Und über die Frage, wie viel Offenheit eine Regierung für zumutbar hält – bis sie dazu gezwungen wird.

Konkrete Einzelfälle? Kaum bekannt. Was genau die rund 300 Verfahren ausgelöst hat, bleibt weitgehend im Dunkeln – offengelegt wurde bislang vor allem ihre bloße Existenz. Man darf also spekulieren: Ging es um „unfähig“, „peinlich“ oder schlicht um ein digitales „Ach komm“? Wir wissen es nicht. Und genau darin liegt die eigentliche Pointe. Nicht der einzelne Ausrutscher ist das Problem, sondern die systematische Verfolgung im Verborgenen – eine Praxis, die mehr über das Verhältnis zur Kritik verrät als jede dokumentierte Beleidigung.

Verfolgung im Verborgenen

Ein Vergleich drängt sich dabei jedoch auf: Helmut Kohl, sechzehn Jahre Kanzler der Bundesrepublik, von 1982 bis 1998. Er durchlebte Wiedervereinigung, Spendenaffäre, Karikaturen, Spott – und eine Presselandschaft, die nicht gerade zimperlich mit "Birne" umging. Und dennoch: kein systematisches juristisches Vorgehen wegen verletzter Gefühle, kein Gegenangriff auf den rauen Ton der Öffentlichkeit.

Man kann natürlich einwenden, die Zeiten hätten sich geändert. Das stimmt. Die digitale Öffentlichkeit ist enthemmter, unmittelbarer, oft schlicht rücksichtslos. Was früher im Halbdunkel des Stammtischs blieb, steht heute in Sekunden öffentlich im Netz. Doch genau hier beginnt der eigentliche Konflikt. Die Hemmschwelle ist gesunken, die Lautstärke gestiegen.

Kanzler Kohl hielt Kritik noch aus

Wenn aber die politische Führung diese neue Lautstärke nicht politisch, sondern strafrechtlich beantwortet, verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Kritik wird nicht mehr ausgehalten, sondern

abgearbeitet. Nicht im Diskurs, sondern in Verfahren und Aktenzeichen.

Die Neue Zürcher Zeitung bringt es bemerkenswert nüchtern auf den Punkt: Ein Bundeskanzler kann die strafrechtliche Verfolgung in solchen Fällen jederzeit stoppen – er muss es nur wollen. Dass dies offenbar selten geschieht, wird dort nicht als juristische Notwendigkeit interpretiert, sondern als politische

Haltung. Diese Haltung ist es, die zunehmend wie Misstrauen gegenüber genau jener offenen Debattenkultur wirkt, die eine Demokratie eigentlich aushalten muss.

Forderung nach Klarnamenpflicht

Besonders deutlich wird das im Kontext eines weiteren Vorstoßes von Kanzler Merz: der Forderung nach Klarnamenpflicht im Internet. Wer diesen Gedanken mit hunderten laufenden Verfahren wegen Beleidigung zusammenführt, erkennt schnell die Brisanz. Transparenz für Bürger – kombiniert mit erhöhter Strafverfolgung – das ist kein neutraler Vorschlag. Es ist ein Machtinstrument.

Der rechtliche Rahmen dafür existiert längst. § 188 StGB stellt Beleidigungen gegen Personen des politischen Lebens unter verschärften Schutz. Was als Schutz der Demokratie gedacht war, wirkt in dieser Anwendung zunehmend wie ein Schutz vor ihr – zumindest vor ihrer unbequemeren, lauteren, unhöflicheren Seite.

Wer politische Macht ausübt, muss mehr aushalten

Dabei liegt eine der Grundannahmen demokratischer Kultur eigentlich offen zutage: Wer politische Macht ausübt, muss mehr aushalten als der Durchschnittsbürger. Nicht weniger. Politische Größe zeigt sich nicht nur in Entscheidungen, sondern auch im Umgang mit Zumutungen.

Helmut Kohl wurde verspottet, karikiert, teilweise grob angegangen – und hat es, bei allen berechtigten Gegenreaktionen, selten zum juristischen Prinzip erhoben. Das war keine Nachlässigkeit und auch keine Schwäche. Es war ein Verständnis von Amt und politischer Rolle, das Kritik als Teil des politischen Klimas akzeptierte.

Kritik als Teil des politischen Klimas

Heute dagegen entsteht ein anderes Bild. Eines, in dem der Staat – personifiziert im Kanzler – empfindlicher reagiert, schneller zugreift, konsequenter sanktioniert. Das erzeugt ein Ungleichgewicht: Auf der einen Seite maximale institutionelle Macht. Auf der anderen Seite Bürger, deren schärfs-

te Waffe oft nur ein tastaturgetriebener Affekt, oder ein schlecht formulierter Kommentar ist. Wenn diese beiden Ebenen regelmäßig vor Gericht aufeinandertreffen, wirkt das weniger wie Rechtsstaat und mehr wie die Verwaltung von administrierten Kränkungen.

Natürlich: Beleidigung ist kein Kavaliersdelikt. Der Staat schützt die Würde des Einzelnen – auch die eines Kanzlers. Aber genau hier beginnt die feine Linie zwischen Recht und Haltung. Nicht jede Kränkung verlangt nach einem Verfahren. Nicht jede Unverschämtheit nach einem Urteil.

Nicht jede Unverschämtheit verlangt nach einem Urteil

Das wirft eine unbequeme Frage auf: Wird hier die Würde geschützt – oder die Deutungshoheit? Denn wer definiert, was noch Kritik ist und was bereits Beleidigung, bestimmt letztlich auch die Grenzen des Sagbaren. Und diese Grenze verschiebt sich, wenn sie regelmäßig durch Strafanzeigen gezogen wird.

Satire, Polemik, Übertreibung – all das lebt davon, dass es wehtun darf. Wenn politische Akteure beginnen, diese Reibung systematisch zu glätten, verliert die Öffentlichkeit etwas Entscheidendes: ihre Lebendigkeit.

Oder, zugespitzt: Eine Demokratie, die jede Unhöflichkeit juristisch klärt, wird dabei sehr schnell sehr höflich – aber auch sehr still.

Die Mächtigen sind empfindlicher geworden

Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen den politischen Generationen. Nicht die Dicke der Haut als persönliche Eigenschaft, sondern als politisches Prinzip. Die Fähigkeit, sich nicht in jeder Kritik selbst zu erkennen. Und nicht jede Kritik als Angriff zu behandeln. Denn am Ende bleibt eine einfache, fast altmodische Einsicht:

Macht, die sich ständig verteidigen muss, wirkt weniger souverän – sondern eher, als hätte sie etwas zu verlieren. Das ist dann vielleicht eine weitere Pointe dieser Geschichte: Nicht die Bürger und unsere Gesellschaft scheinen empfindlicher geworden zu sein, sondern die Mächtigen selbst.