WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Solitär

Spielsucht und Abhängigkeit von elektronischen Games sind auch für Ältere ein Thema

GESELLSCHAFT

Karl-Heinz Hüning

2/8/20262 min read

Verfluchte Blagen. Ständig wird nur noch auf Bildschirme geglotzt. Erst in der U-Bahn und jetzt auch hier an der Haltestelle. Minecraft heißt das Spiel. Ist schon älter, aber anscheinend immer noch populär, wie die völlig ausgeknipsten, pickligen Gesichter der Teenager, neben mir zeigen.

Aus bunten Quadern kann man sich bei Minecraft eine komplett neue Welt bauen. Die reale Welt hat dagegen wenig zu bieten: es wird weder geredet noch gelacht, nicht einmal die Mädchen auf der anderen Seite der Straße werden wahrgenommen.

Wie soll das bloß mit der Fortpflanzung gehen und wer zahlt dann unsere Rente?

Minecraft ist gut für Kinder, schreibt die Google-KI, da es Kreativität, Problemlösung und Teamarbeit fördere. Da lachen ja die Hühner! Woher haben die das bloß?Immerhin überlässt mir einer der Handy-Zombies in der Straßenbahn seinen Sitzplatz.

Uff! Endlich zuhause. Gemütlich im Sessel mache ich mir auf dem Tablet die Solitär-App an. Gibt’s von Netflix. Feine Sache und zum Entspannen optimal: Das lästige Kartenspielen fällt weg, dafür gibt’s schöne elektronische Geräusche. Das Tempo und die Zahl der Züge werden automatisch erfasst. Außerdem gibt es ein eingebautes Ranking.

Ich bin die ganze Zeit Erster.

Vier Stunden später schaue ich auf die Uhr. Der Schädel brummt vom ständigen Gepiepe, aber egal. Schließlich will ich mein Gedächtnis und mein Reaktionsvermögen trainieren. Und das am besten jeden Tag. Man wird schließlich nicht jünger.

Inzwischen feiere ich gute Erfolge: Level 1.211. Das soll mir erstmal einer nachmachen. Innerhalb von zwei Minuten sind die meisten Spiele erledigt. Allerdings gehen inzwischen vier von fünf Patiencen nicht mehr auf.

Die Wohnung leidet etwas unter meiner Leidenschaft für Solitär. Getroffen habe ich außer meinem Arzt schon lange niemanden und das Telefon könnte ich eigentlich auch abmelden.

Aber es gibt auch bittere Momente: tagelang hatte ich dem magischen Augenblick entgegengefiebert wenn das Zählwerk umspringt auf Level Eintausend. Aber was war? Gar nichts war!

Nicht mal ein Bote mit einem kleinen Präsentkorb kam vorbei, kein Feuerwerk und auch keine Prämie. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf - vielleicht wenn ich Level Zweitausend erreiche.

Die ganzen gestörten Kinder und Jugendlichen sollten sich ein Beispiel an uns Älteren nehmen! Statt immer nur sinnlos zu daddeln, einfach mal ne schöne Patience legen.