WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Wir müssen verteidigungsfähig werden
Die neue Militarisierung Europas. Und wer davon profitiert. Oder: warum Aufrüstung noch keine Sicherheitspolitik ist.
POLITIK
Tim van Beveren
4/29/20266 min read


Quelle: Bundeswehr
Ich habe in meiner Jugend gegen die Stationierung der Pershing II demonstriert. Mit Hunderttausenden. Ich war Kriegsdienstverweigerer. Ich habe den Mauerfall erlebt – nicht aus dem Fernsehen, sondern als Gegenwart vor Ort in Berlin, als einen jener Momente, in denen Geschichte nicht Lehrplan ist, sondern Körpergefühl. Ich sage das nicht, um mich zu immunisieren. Ich erwähne es, weil es den Blick schärft.
Wer das Ende des Kalten Krieges wach erlebt hat, weiß, wie schnell aus Bedrohung Freude werden kann. Und umgekehrt.
Deutschland hat wieder ein neues Lieblingswort: »Wehrhaftigkeit.«
Es klingt nach Rückgrat, nach Haltung, nach staatspolitischer Erwachsenenbildung. Nach Stahlhelm, aber demokratisch lackiert. Noch vor wenigen Jahren galt die Bundeswehr in weiten Teilen der Öffentlichkeit als schlecht beheiztes Verwaltungsproblem in Tarnfarben: zu wenig Munition, kaputte Funkgeräte, flugunfähige Hubschrauber, Panzer mit einer sehr langen Ersatzteilbiografie.
Dann kam Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Aus Haushaltsresten wurden Zeitenwenden. Aus Beschaffungsproblemen historische Notwendigkeiten. Aus jahrelanger politischer Verwahrlosung über Nacht eine moralische Verpflichtung.
Das alles ist nicht falsch. Nur ist es nicht die ganze Wahrheit. Denn zwischen der nüchternen Erkenntnis, dass Europa sicherheitspolitisch naiv und militärisch unzureichend aufgestellt war, und der gegenwärtigen Lust an der Aufrüstung liegt ein Unterschied, über den erstaunlich wenig gesprochen wird. Vielleicht weil er die Stimmung stört. Vielleicht weil Fragen in Zeiten großer Milliardenpakete immer ein bisschen nach Defätismus klingen.
2022 beschloss Deutschland ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. 2025 folgte das nächste Großpaket: 500 Milliarden für Infrastruktur und Klimaneutralität, flankiert von einer Grundgesetzänderung, die Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des BIP von der Schuldenbremse ausnimmt. Übersetzt: Für Panzer und Raketen gelten künftig andere finanzielle Schwerkraftgesetze als für Schulen, Pflege oder kommunale Schwimmbäder.
Ein Land, das jahrzehntelang jeden Lehrer, jede Brücke, jede Schiene unter Finanzierungsvorbehalt stellte, entdeckt plötzlich die kreditpolitische Großzügigkeit, sobald das Wort »Verteidigung« fällt. Das ist die eigentliche Zeitenwende: Nicht dass Deutschland mehr für seine Sicherheit ausgibt. Sondern dass es offenbar sehr genau weiß, wann Geld angeblich nicht vorhanden ist – und wann es nur darauf wartet, mit patriotischer Begleitmusik ausgegeben zu werden.
Die Wiederbewaffnung der Sprache
Europa muss »kriegstüchtig« werden. Deutschland muss »wehrhaft« sein. Produktions-linien sollen »skaliert« werden. Was früher nach Generalstab klang, klingt heute nach Start-up-Pitch. Man könnte fast vergessen, dass es am Ende um Waffen geht. Um Systeme, die zerstören und Leben auslöschen. Um Abschreckung, die aber nur funktioniert, wenn der Gegner glaubt, dass man im Ernstfall auch bereit ist, sie wahr zu machen. Aber genau diese Debatte findet kaum statt. Stattdessen wird eine merkwürdige Ersatzdiskussion geführt: Wer Fragen stellt, gilt als naiv. Wer mehr Geld fordert, gilt als Realist. Und wer wissen will, was Europa eigentlich verteidigen will, bekommt als Antwort meist: »Europa«.
Das ist ungefähr so präzise, als würde ein Arzt auf die Frage nach der Diagnose antworten: »Gesundheit«.
Natürlich muss Europa sich verteidigen können. Natürlich hat Russlands Krieg jede Illusion zerstört, autoritäre Gewalt lasse sich durch freundliche Gipfelfotos und Pipelinegeschäfte zähmen. Aber Verteidigungsfähigkeit ist noch keine Sicherheitspolitik.
Aufrüstung beantwortet die Frage: Womit können wir kämpfen? Sicherheitspolitik beantwortet: Wofür, unter welchen Bedingungen, mit welchem Ziel – und was tun wir, damit wir möglichst nicht kämpfen müssen? Das eine lässt sich bestellen. Das andere muss gedacht werden. Und genau da wird es dünn.
Die Wehrpflicht als nostalgisches Rückholprogramm
Besonders deutlich zeigt sich diese Leerstelle in der Wehrpflichtdebatte. Sie hat in Deutschland inzwischen den Charakter eines politischen Wiederkäuers. Immer wenn die Welt gefährlicher wird, steigt sie aus dem Nebel der alten Bundesrepublik empor, zieht ihre muffige Feldjacke zurecht und erklärt, früher habe es wenigstens noch Ordnung gegeben.
Die Wehrpflichtdebatte ist weniger eine militärische als eine kulturelle Sehnsucht. Sie verspricht Disziplin, Gemeinschaft, pädagogische Korrektur jener Jugend, die angeblich zu viel scrollt und zu wenig dient. Eine moderne Armee aber braucht nicht einfach »mehr junge Menschen«. Sie braucht hochqualifizierte Spezialisten, Cyberfähigkeiten, Drohnenabwehr, Führungsfähigkeit, Sanitätskapazitäten und eine Gesellschaft, die versteht, was militärische Gewalt kann – und was sie nicht kann.
Wer Wehrpflicht sagt, müsste also auch sagen: Wofür genau? In welcher Struktur? Mit welcher Ausbildung? Mit welcher Infrastruktur? Mit welcher demokratischen Legitimation? Stattdessen klingt die Debatte oft wie ein konservativer Wellnesskurs: Ein bisschen Dienst täte allen gut. - Mag sein. Aber Armeen sind keine Erziehungsanstalten für spätpubertäre Bürgerkinder. Und Sicherheitspolitik ist kein Fortsetzungskurs in Charakterbildung.
Die Börse marschiert schon voraus
Während Politik und Öffentlichkeit noch über Wehrpflicht und Werte feilschen, hat eine andere Institution unserer Gesellschaft die Lage längst verstanden: die Börse.
Rüstungsaktien sind zu den moralisch am besten gepanzerten Wachstumstiteln unserer Zeit geworden. Rheinmetall, Hensoldt, Renk – Namen, die früher eher nach Industriebeilage klangen. Die Rheinmetall-Aktie stieg von unter 83 Euro Anfang 2022 auf ein Allzeithoch von über 2.000 Euro im Herbst 2025. Aber: »Der Krieg als Konjunkturprogramm« ist ein hässlicher Satz. Deshalb sagt ihn niemand gern. Nur der Markt spricht ihn täglich aus.
Das ist nicht illegal. Unternehmen liefern, was Staaten bestellen. Aber wenn Sicherheitspolitik zur Wachstumsbranche wird, entsteht ein Interesse an ihrer Verstetigung. Nicht als Verschwörung. Viel banaler: als Geschäftsmodell. Produktionskapazitäten müssen ausgelastet, Aktionäre überzeugt, Rahmenverträge geschlossen werden. Standorte entstehen. Arbeitsplätze hängen daran. Regionen profitieren. Und schon wird aus der Ausnahme ein System. Aufrüstung erzeugt ihre eigene politische Ökonomie. Man muss kein Pazifist sein, um das problematisch zu finden. Man muss nur ein Gedächtnis haben.
Wofür führen wir diesen Krieg?
Und damit zur Frage, die fast nie gestellt wird: Was genau will Europa eigentlich verteidigen? Als Churchills Generalstab ihm während des Zweiten Weltkriegs nahelegte, Theater und Kinos zu schließen – für den Kulturbetrieb fehlten nun wirklich die Kapazitäten –, soll der alte Mann geknurrt haben: »Wofür führen wir dann diesen Krieg?«
Es ist ein alter Satz. Aber er trifft.
Die Rechtsstaatlichkeit, die man in Sonntagsreden feiert und bei unliebsamen Minderheiten gelegentlich elastisch auslegt? Die Menschenrechte, solange sie nicht an den Außengrenzen enden? Die europäische Solidarität, die bei jeder Haushalts-verhandlung klingt wie ein Missverständnis? Die Freiheit, billige Energie aus Autokratien zu beziehen und sich danach zu wundern, dass Abhängigkeit politisch sein könnte?
Europa spricht gern von Werten, verwaltet aber oft Interessen. Das ist nicht per se verwerflich. Gefährlich wird es nur, wenn Interessen als Werte verkleidet werden und Werte als Dekoration dienen. Was verteidigt ein junger Mensch, der sich keine Wohnung leisten kann? Was verteidigt eine Krankenschwester, deren Dienstplan aussieht wie ein humanitärer Notfall? Was verteidigt eine Gesellschaft, die bei Schulen, Pflege, Bahn und Justiz über Jahrzehnte den Mangel organisiert hat – und nun, möglichst über Nacht, eine »wehrhafte Demokratie« sein möchte?
Die Antwort kann nicht lauten: Rheinmetall liefert bald.
Abschreckung ist kein Frieden
Natürlich ist militärische Abschreckung nicht einfach Unsinn. Wer das 2026 behauptet, macht es sich zu bequem. Aber gerade das Wort »Abschreckung« verdient Misstrauen. Es ist einer jener Begriffe, die aus den sicherheitspolitischen Kellern des Kalten Krieges wieder nach oben getragen werden, abgestaubt und als neue Vernunft präsentiert.
Ich erinnere mich noch an die Spottformel der Friedensbewegung: »Abschrecken kann man nur Eier«. Zugegeben, das war polemisch. Aber nicht dumm. Denn der Begriff tut so, als sei Angst ein technisch steuerbares Instrument. Als könne man Bedrohung dosieren wie Stromspannung – glaubwürdig erhöhen, stabil halten und im Ernstfall rechtzeitig wieder herunter regeln. In der Theorie klingt das sauber. In der Wirklichkeit sitzen Menschen an den Schaltern.
Abschreckung funktioniert nur, wenn sie geglaubt wird. Sie verlangt, dass ein Gegner nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den politischen Willen zur Eskalation annimmt. Sie beruht auf einer doppelten Fiktion: Man muss bereit wirken, etwas zu tun, was man hoffentlich nie tun muss. Das ist aber kein Sicherheitskonzept. Das ist kontrollierte Nervosität. Sie kann scheitern – durch Fehleinschätzung, technische Störung, innenpolitische Schwäche oder den Größenwahn eines Mannes, der sich für rational hält, während alle anderen ihn längst für gefährlich halten.
Darum ist Abschreckung immer nur ein Teil von Sicherheitspolitik, niemals ihr Ersatz. Sie braucht Diplomatie, Rüstungskontrolle, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine politische Kultur, die Eskalation nicht mit Entschlossenheit verwechselt.
Erwachen ist noch keine Orientierung
Das vielleicht Gefährlichste an der neuen Militarisierung Europas ist nicht der Panzer. Es ist der Ton.
Diese neue Ernsthaftigkeit, die jede Skepsis als Naivität behandelt. Diese fast erleichterte Entdeckung, dass Geschichte wieder groß, hart und übersichtlich klingen darf: Freund, Feind, Front, Pflicht, Stärke. Man spürt gelegentlich eine merkwürdige Begeisterung darüber, dass die Welt wieder einfacher geworden sei.
Ein Trugschluss, denn die Welt ist nicht einfacher geworden. Sie ist komplizierter. Sicherheit im 21. Jahrhundert bedeutet nicht nur die Fähigkeit, Raketen abzufangen. Sie bedeutet auch Energieunabhängigkeit, funktionierende Institutionen, technologische Souveränität, sozialen Zusammenhalt und eine Außenpolitik, die nicht jedes Mal überrascht ist, wenn Autokraten sich wie Autokraten verhalten.
Wer nur aufrüstet, schützt die Fassade eines Hauses, dessen Fundament bröckelt.
Die neue Militarisierung Europas präsentiert sich als Erwachen. Endlich erkenne man die Realität. Endlich werde gehandelt. Das mag stimmen. Aber Erwachen allein ist noch keine Orientierung.
Ich habe vor vierzig Jahren gegen Raketen demonstriert und neun Jahre später erlebt, wie eine Mauer fiel, was damals niemand für möglich gehalten hatte. Geschichte ist nicht linear. Sie überrascht. Sie beschämt. Sie belohnt manchmal Hartnäckigkeit und manchmal macht sie Glücklich. Was sie nie belohnt, ist die Verwechslung von Lautstärke mit Weitsicht.
Europa muss verteidigungsfähig werden. Daran führt kein Weg vorbei. Aber es darf dabei nicht vergessen, was es verteidigt. Denn Sicherheit entsteht nicht nur dort, wo ein Staat mehr Waffen besitzt. Sie entsteht dort, wo eine Gesellschaft noch weiß, warum sie nicht werden will wie jene, vor denen sie sich schützen muss.
