WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Zirkus - Das gibt es noch?

Oder: Kultur ist, wenn alle mit anpacken. Circus Varieté in Kleinmachnow/Brandenburg

KULTUR

Matthias Heinrich

3/2/20262 min read

Zirkus in Kleinmachnow. Alte und Junge warten gespannt auf den Beginn der Vorstellung.
Zirkus in Kleinmachnow. Alte und Junge warten gespannt auf den Beginn der Vorstellung.

„Ich muss jetzt los, mit den Enkeln in den Zirkus.“ „Was, das gibt es noch?“

So der Dialog mit einem Kollegen über WhatsApp.

Und ja, den Zirkus gibt es noch.

Zu erleben war dies am Wochenende in Kleinmachnow. Hier stehen die Neuen Kammerspiele, der große Saal hat 350 Sitzplätze, frische Farbe wäre nicht von Schaden.

Kurz vor der Pleite übernommen von Kulturgenossen – „Sie kaufen einen Sessel“ usw. - Crowdfunding an den Wurzeln.

Das Kino entwickelt sich – die Mischung, manchmal anstrengend, aber auch Mainstream, selbst die Berlinale war hier schon zu Gast.

Dann steht ein junger Typ vor der Tür, Lino Friese, jetzt 24 Jahre jung, Ortsgewächs, seit dem sechsten Lebensjahr besessen vom Zirkus. Kein Zirkusfestival, wo Friese seine Eltern wohl nicht hingeschliffen hat.

Zum Schluss ist das Adressbuch voll und im Kopf gärt ein Gedanke – selber ein Circus-Varieté auf die Beine zu stellen. Hier in den Kammerspielen. Seit 2020 hat der Traum vier mal Gestalt angenommen - selbst im Zeitalter digitaler Penetration auf allen Kanälen.

Das Problem am Anfang – den Stars der großen Manege eine 100 qm-Bühne schmackhaft machen. Das Angebot - Tuchfühlung mit dem kleinen und großen Publikum und Raum für Experimente. Und das Versprechen auf ein wirklich „großes“ Erlebnis auch für die Bühnenprofis. Jetzt fast schon ein Geheimtipp, auch junge Talente erproben sich hier.

Das jeweils nur drei Tage existierende Varieté 2026 glänzte mit großen Namen – diesmal César Dias, ein Star-Comedian, der den richtigen Ton auf der SÄGE trifft, ausgezeichnet in Monte Carlo, - die Rollschuh-Artistik der Skating Donnert’s oder die Handartistik des Duo Vitalis aus Peru.

Normalerweise in Monte Carlo, Las Vegas oder am anderen Ende der Welt zu Gast, dauert es oft ein bis zwei Jahre, bis der Terminplan von 11 Künstlern mit dem der Show zusammengeht.

Handartistik des Duo Vitalis aus Peru
Handartistik des Duo Vitalis aus Peru

Alles schon gesehen, alter Hut? Richtig aber auch falsch! Noch nicht gesehen auf mehr oder weniger Tuchfühlung! Jede Schweißperle auf der Stirn, jedes Stäubchen Talkumpuder und den Luftzug bei der Bewegung der Körper, wenn auf dem Podest mit geschätzt 2 Metern Durchmesser die Skater im Kreis rotieren. Fehler sind da nicht erlaubt. Nervenkitzel pur.

Dazu Lichtshow, Sound und viel Rhythmus – Artistik angepasst an die Zeit.

Zirkus in der Vorstadt – Zelte, Pferdeäppel und Stallgerucht. Hier nicht.

Im Gegenteil - ein Highlight, das klappt, wenn das Zirkusfieber alle befällt. Und das Sponsoring stimmt. Das Hotel vor Ort wirbt und beherbergt die Stars, Geschäftsleute unterstützen, aber es sind besonders die ganzen Freiwilligen, die mit anpacken, damit die Show stattfindet. Professionelle Beleuchtungsarbeit – freiwillige Helfer, - Plakate, Kinodeko, Popcorn, Zuckerwatte, Zirkusfeeling – alles ehrenamtlich, der lokale Metallbauer schweißt eine spezielle Schwerlasttreppe für die Bühne.

Der Deal von Lino Friese geht auf - die großen Stars auf kleiner Bühne – ein besonderes Erlebnis für Stars und Zuschauer.

Im Einzugsgebiet von 40.000 Menschen sind die 6 Vorstellungen am Wochenende mit jeweils 350 Plätzen komplett ausverkauft. Ein halbes Jahr im Voraus.

Ja – Zirkus gibt es noch – modern times im besten Sinne!

Und trotzdem alles analog, von Freiwilligen mit Profis gestemmt, selbst pubertierende Jugendliche ließen die 6 Zoll in der Hosentasche und waren schwer beeindruckt. Die Kleinen sowieso - der Opa auch.

Mehr Hintergrund: variete-circus.de