Der Lange Lulatsch
Es gibt Gebäude, die eine Stadt schmücken. Andere gehören ihr. Der Funkturm gehört Berlin.
Für uns West-Berliner war er lange Zeit mehr als ein Wahrzeichen. Er war ein Fixpunkt. Ein dünnes Stahlzeichen am Horizont, 146,7 Meter hoch, erstaunlich filigran für eine Stadt, die sich so gern breitmacht. Man musste nicht zu ihm fahren. Man musste nicht einmal über ihn reden. Es reichte, ihn zu sehen. Vor allem auf der Rückfahrt.
Dreilinden lag hinter uns. Die Transitstrecke ebenfalls. Die Grenzer, die Schlagbäume, dieses beklemmende Stück Weg, auf dem man zwar unterwegs war, aber noch nicht wirklich wieder zu Hause. Dann, irgendwann, kam Berlin zurück. Nicht mit Pauken und Trompeten. Erst als zarte Ahnung zwischen Häusern, Bäumen, Straßen. Da stand er. Der Lange Lulatsch. Am Horizont. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung.
So etwas lässt sich schwer erklären. Ein Tourist sieht einen Funkturm. Ein West-Berliner sah Heimat. Dabei war der Lange Lulatsch ursprünglich ein Kind des technischen Fortschritts. 1926 wurde er zur dritten Großen Deutschen Funk-Ausstellung eröffnet. Heinrich Straumer hatte ihn aus Stahl bauen lassen, leicht und kühn, ein wenig wie den kleinen Bruder des Eiffelturms. Der Rundfunk eroberte gerade die Wohnzimmer. Stimmen bekamen Flügel. Berlin begann, seine Nachrichten, seine Musik, seine Welt durch die Luft zu schicken.
Der Turm sah die Weimarer Republik, Diktatur und Krieg. Er überstand die Zerstörung der Stadt, die Besatzungszeit, die Teilung. West-Berlin wurde zur Insel, der Rundfunk zum Fenster nach draußen. Der Sender Freies Berlin bekam seine Stimme. Der Funkturm blieb dabei, was er immer gewesen war: ein technisches Bauwerk, das längst eine Seele bekommen hatte.

Das ist wohl sein Geheimnis. Man kann einen Ort besitzen, ohne ihn zu besitzen. Man kann mit ihm aufwachsen, ohne ihn je wirklich zu besuchen. Ich war ungefähr zehn, als ich einmal oben war. Einmal.
Das ist inzwischen fünf Jahrzehnte her. Ich erinnere mich weniger an die Aussicht als an das Gefühl, dort oben zu sein. Ein Kind blickt anders auf eine Stadt. Häuser werden zu Bauklötzen, Straßen zu Linien, Autos zu winzigen Bewegungen. Berlin lag unter mir und der Lange Lulatsch war für einen Moment nicht mehr der vertraute Strich am Himmel. Ich stand in ihm. Auf ihm? Keine Ahnung, wie man das formuliert.
Egal. Danach kam das Leben. Der Funkturm blieb, ich kam nicht wieder. Das ist eigentlich absurd. Auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz war ich mehrfach. Der ist natürlich höher, spektakulärer, moderner. Fernsehturm eben. Der Lange Lulatsch dagegen hat etwas Unaufgeregtes. Er drängt sich nicht auf. Er wartet. Wie ein alter Bekannter, den man jahrzehntelang nicht besucht und trotzdem sofort wiedererkennt.
Hundert Jahre Funkturm.
Hundert Jahre Stahl, Rundfunk, Aussicht, Berliner Geschichte. Hundert Jahre über einer Stadt, die sich immer wieder neu erfunden hat. Der SFB ist verschwunden, der rbb ist geblieben. Die Mauer ist verschwunden. Die Transitstrecke ist Geschichte. Aus West-Berlin wurde wieder Berlin. Nur er steht noch dort. Plötzlich denke ich, es reicht nicht mehr, ihn immer nur anzuschauen.
Das Jubiläum ist ein guter Anlass. Es ist Zeit. Diesmal will ich nicht auf der Straße an ihm vorbeifahren. Ich will rauf. Endlich wieder ganz nach oben. Dann schaue ich einfach nur runter. Auf meine Stadt.
Auf Zuhause.

