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Biddeschööööön! Der Hase Cäsar wird 60!

Es gibt Menschen, die ihre Kindheit anhand von Familienfotos rekonstruieren. Ich rekonstruiere die meine anhand einer Handpuppe.

Lesezeit: 4 Minuten

Der Hase Cäsar bekam am 7. August 1966 seine erste eigene Sendung. Ich war da ein Jahr alt und hatte, soweit ich weiß, keine Meinung zum ARD-Kinderprogramm. Das kam erst später, und dann richtig: „Schlager für Schlappohren“ lief von 1967 bis 1971, 43 Folgen, was für einen Fernsehhasen eine Karrieredauer ist, von der heutige Late-Night-Moderatoren nur träumen können. Danach „Dr. h. c. Cäsar – Beratungen aller Art“, ab 1972. Und weil das Format offenbar unkaputtbar war, noch „Spaß muss sein“, 1979 bis 1981, als ich schon Teenager war und eigentlich zu alt für Handpuppen, aber nie zu alt für diese eine Handpuppe. Macht zusammengerechnet fast anderthalb Jahrzehnte. Viele Ehen halten nicht so lange.

Dr. h.c. CÄSAR – Quelle: Release-Company – Produktfoto

Ich saß mit meiner kleinen Schwester vor der Röhre, Schwarzweiß, viel zu nah dran, meine Mutter mahnte ständig, wir würden uns die Augen verderben. Wir haben uns die Augen nicht verdorben. Wir haben uns etwas anderes verdorben, nämlich jeden Respekt vor braven Erwachsenen. Dafür war genau dieser Hase zuständig.

Man muss sich das mal reinziehen, was für ein durchgebügeltes, sittenstrenges Kinderprogramm es damals gab. Belehrend, brav, jede Sendung roch nach Filzstift und guten Absichten. Und dann kommt dieser braune Klappmaulhase mit Riesenzähnen und macht einfach nicht mit. Fragt Sachen, auf die kein Erwachsener eine anständige Antwort hat. Das ist im Grunde die älteste Masche der Welt. Der Trick funktioniert bei Fabian Köster genauso wie bei politischen Talkshow-Gästen. Aber 1971 hat sie noch niemand an einen Hasen verschwendet. Wolfgang Buresch, der Mann hinter Stimme und Maulklappe, hat das Prinzip später mal in einem Satz zusammengefasst: Die Kinder liebten ihn, weil er sich traute, was sie sich nie trauten. Kurz gesagt: Cäsar war der einzige im deutschen Fernsehen, der Autoritäten nicht ernst nahm, bis dann irgendwann Harald Schmidt kam. Der hatte allerdings keine Nagezähne, was ein Nachteil ist, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Wolfgang Buresch und seine Kult-Figur: der Hase Cäsar – Quelle: Release-Company

Die Sprüche sind das eigentlich Bemerkenswerte. „Biddeschööööön!“ Auf dem Schulhof war das keine Redewendung mehr, das war eine eigene Amtssprache. Einer sprang vom Klettergerüst, ein anderer rief „Muuuuuutig!“, und der Lehrer auf Pausenaufsicht verstand nicht, warum plötzlich alle lachten, was ihn vermutlich zusätzlich nervte, was wiederum den Witz noch besser machte. Ich selbst habe zu Hause vor dem Spiegel geübt, die Vorderzähne über die Unterlippe geschoben, „Biddeschööööön“ gemurmelt, bis meine Mutter fragte, ob ich zum Zahnarzt müsste. Ich musste nicht zum Zahnarzt. Ich musste einfach nur ein Hase sein, bis es sich von selbst erledigt hat, so wie sich das mit Kindheitswünschen meistens erledigt.

Auch die Karriereambitionen des Hasen verdienen Respekt. Er wollte Schlagersänger werden, scheiterte grandios an Klavierspiel und Notenkenntnis und produzierte trotzdem einen Hit namens „Eine Lederhose hat keine Bügelfalte“. Man vergleiche das mit der Erfolgsquote heutiger Casting-Show-Absolventen und stelle fest: der Hase hatte die bessere Bilanz.

Was mich seit ein paar Tagen nicht mehr loslässt: Was würde Cäsar heute sagen, zur Musik, zu allem? Ich habe mir erlaubt, ihn mir vorzustellen, Handy in der Pfote, Nagezähne im Bildschirmlicht, TikTok-Feed nach unten wischend.

„Biddeschööööön – das soll ein Refrain sein? Fünfzehn Sekunden Gesicht verziehen, Autotune drüber wie Panade aufs Schnitzel, fertig ist der Welthit. Muuuuuutig ist daran gar nichts, das ist Feigheit mit Filter und einer Million Views. Bei mir hat wenigstens noch einer selber Klavier gespielt. Schlecht, zugegeben. Aber selber, und ohne dass ein Algorithmus mir gesagt hat, wann ich die Augenbraue hochziehen soll.“

Er wäre, keine Frage, längst Influencer, mit zwei Millionen Followern und einem Podcast, in dem er reihenweise Popstars zerlegt und dabei fragt, wer eigentlich für den viralen Sound bezahlt wurde und wer nicht. Er wäre unbequem geblieben, weil Unbequemlichkeit sein einziges Geschäftsmodell war und Geschäftsmodelle bekanntlich selten sterben, sie werden höchstens monetarisiert.

Der Hase Caesar und sein Schöpfer, Wolfgang Buresch 2004 – Quelle: Gilbert Blecken

Ich bin jetzt 61, ein Jahr älter als der Hase, was mich, wenn ich ehrlich bin, mit einer gewissen Genugtuung erfüllt. Er ist trotzdem noch da, nicht im Programm, da läuft er, ehrlich gesagt, praktisch nicht mehr, sondern in mir, als kleiner frecher Reflex, der aufblitzt, sobald mir jemand mit „das war schon immer so“ kommt.

Damals gab’s ihn einmal die Woche, manchmal seltener. Man hat gewartet, tagelang, mit einer Vorfreude, die heute vermutlich unter Verhaltensauffälligkeit fallen würde. Heute haben die Kinder alles, 24/7, überall, auf Abruf – und erinnern sich, soweit ich das beurteilen kann, an erstaunlich wenig davon. Das ist das eigentliche Fazit: Der Hase hat überlebt, weil es ihn nicht ständig gab. Alles andere hat sich selbst wegtransportiert, in Echtzeit, mit hoher Bildwiederholungsrate und null Halbwertszeit.

Biddeschööööön. Muuuuuutig. Zwei Wörter, sechzig Jahre alt, immer noch im Umlauf. Kult! Das hat, mit Verlaub, noch keine Bundesregierung geschafft.

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