U2 wird 50. Fünfzig.
Man muss diese Zahl langsam auf der Zunge zerfallen lassen. U2 und ein halbes Jahrhundert? Das besitzt dieselbe unglaubliche Absurdität wie ich selbst mit meinen 61 Jahren. Ich war gerade achtzehn, als diese Band für mich wichtig wurde. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich die Konturen ihrer Diskografie fast lückenlos über die Bruchlinien meines eigenen Lebens legen.
Es begann mit einem Stück gepresstem Polyvinylchlorid. Ein Live-Album. Under a Blood Red Sky. 1983. U2 standen am Anfang, ich ebenfalls. Ich besaß jene anmaßende Reife, die man nur mit achtzehn Jahren hat. In diesem Alter geht man großzügig mit der eigenen Selbsteinschätzung um. Heute blicke ich auf den Jungen von damals nur noch mit einem nachsichtigen, matten Lächeln zurück. Aber damals genügte mir dieser Entwurf von mir selbst.
Ich war DJ. Die Nadel fand diese Rillen nicht nur gelegentlich. Sie wohnte darin. Gloria. Sunday Bloody Sunday. Vor allem diese beiden Stücke besaßen eine Wucht, die das Studio nie ganz einfangen konnte. Sie waren kantiger, nackter, ungebügelter. Sunday Bloody Sunday war auf dieser Aufnahme kein hymnischer Stadionhit für die Massen. Der Song trug Zorn in seiner DNA. The Edge schnitt mit seiner Gitarre wie mit einer Rasierklinge durch das mäßig temperierte Licht des Fetenkellers, und Bono sang, als stünde er mit dem Rücken zur Wand und müsste für jedes einzelne Wort bürgen. Wenn ich das Stück heute auflege, greife ich noch immer instinktiv nach dieser Version.
Das Geheimnis dieser Band? Diese Musik wollte nie bloß konsumiert werden. Sie forderte eine Reaktion. Sie wollte etwas in einem erschüttern. Dreimal habe ich sie live gesehen. Nur. Egal. Drei Abende, die sich im Gedächtnis abgelagert haben wie Sedimente. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten viele große Bands erlebt. Sehr viele. Als Getriebener, als jemand, der irgendwann auch beruflich mehr Konzerthallen von innen sah, als Otto Normalverbraucher. Aber U2 besaßen eine andere Schwerkraft. Das waren keine schönen Konzerte. Es waren Urgewalten. Kollektive Hochämter der Verbundenheit. Zehntausende Menschen, die für den Bruchteil einer Sekunde dieselbe Melodie durch die Lungen jagten. Man stand in dieser malmenden Masse und begriff, dass es hier gerade um weit mehr geht als um die schnöden vier Musiker auf einer Bühne. Man muss U2 in dieser Dichte erlebt haben, um das zu verstehen. Oder man muss mit ihnen gealtert sein.
Bei mir fiel beides ineinander.
Ein paar Jahre nach Under a Blood Red Sky saß ich mit Freunden in einem verlebten Opel Kadett auf dem Weg nach Frankreich. Das Abitur frisch in der Tasche, kaum Geld, kein nennenswerter Reiseplan, aber dafür dieses unerschütterliche, fast fahrlässige Vertrauen in die Mechanik aus Rüsselsheim. Auf dem Dach ein Surfbrett. Obwohl wir gar nicht surfen konnten. Wie wir es damals überhaupt bis an die Côte Bleue geschafft haben, ist mir heute ein Rätsel. Wie wir zurückkamen, erst recht.

In Aix-en-Provence kreuzten drei Französinnen unseren Weg. Corinne und ihre Freundinnen. Unser gemeinsames Vokabular war schmerzhaft überschaubar. Englisch? Wurde damals in der stolzen Grande Nation nur marginal genutzt. Ein kleines Taschenwörterbuch musste die Gräben überbrücken, der Rest war ein rührendes Theater aus Händen, Füßen und Gesten. Jenes universelle Kommunikationsprogramm der Jugend, das schon immer funktionierte, lange bevor Algorithmen das Übersetzen übernahmen.
Ich hatte meine Mixtapes dabei. Auf einem dieser Bänder lag I Still Haven’t Found What I’m Looking For.
Mein Freund Zeuge und ich sangen mit. Lauthals, in dem festen Glauben, absolut textsicher zu sein. Die Mädchen stimmten mit ein.
Da passierte etwas, das kein Wörterbuch der Welt jemals hätte erzwingen können.
Reine Resonanz. U2 machten aus jungen Menschen, die eigentlich im sprachlichen Nebel aneinander vorbeigeredet hätten, eine eingeschworene Gemeinschaft. Völkerverständigung auf dem Magnetband einer Maxell-Kassette. Noch heute sehe ich Corinnes Gesicht vor mir, wenn dieses Lied irgendwo aus einem Lautsprecher fällt.
Das ist für mich der Kern von U2. Nicht Bono mit der Fliegenbrille vor gigantischen LED-Wänden, nicht die großen politischen Gesten auf den Breitwandbühnen. Es sind diese winzigen, privaten Fäden, die die Zeit nicht kaputtkriegt. Ein Lied. Eine Kassette. Ein alter Rostkübel. Frankreich. Drei Mädchen.
Ein halbes Leben ist in diesen vier Minuten versiegelt.
Natürlich gehört das Pathos des Weltverbesserns unweigerlich zu dieser Band, die ihre Popularität immer wieder genutzt hat, um sich den Zumutungen der Welt entgegenzustellen. Gegen die Apartheid, für die Menschenrechte, im Schulterschluss mit Amnesty oder über eigene Initiativen wie ONE. Bono hat daraus eine zweite, öffentliche Existenz gemeißelt. Mit all den Kontroversen und dem Gegenwind, den ein moralischer Zeigefinger in der Öffentlichkeit zwangsläufig erzeugt.
Aber auch das rechne ich ihnen hoch an: Sie haben nie die bequeme Lüge gelebt, Musik ließe sich sauber von der Wirklichkeit trennen.
Sie konnten es vermutlich auch gar nicht. Wer in Dublin aufwächst, für den liegt die Geschichte nicht stumm im Lehrbuch. Die stand dort damals direkt vor der Haustür. Während sich die Welt häutete, erfanden sich U2 mit ihr neu. Vom post-punkigen Minimalismus auf Boy über die zornige Rhythmik von War, die atmosphärischen Nebel von The Unforgettable Fire bis zum epochalen Entwurf von Joshua Tree und dem industriellen Berliner Elektronik-Schock auf Achtung Baby, der in den legendären Hansa-Studios produziert wurde.
Es waren immer wieder andere U2. Manches war sofort vertraut, manches spröde, manches verlangte Geduld. Aber es war das Dokument einer Band, die sich weigerte, als Coverband im Mausoleum der eigenen Vergangenheit zu residieren. Jetzt also die Fünfzig.
Und nach fast einem Jahrzehnt des Schweigens soll im November tatsächlich ein neues Album erscheinen. Street of Dreams und Silencio heißen die ersten Boten aus dem Studio.
Ich warte darauf. Mit einer fast schon unvernünftigen jugendlichen Vorfreude.
Das ist wohl der Punkt, an dem ich am deutlichsten spüre, was diese Band mit mir angestellt hat. Ich habe längst begriffen, dass das sogenannte Erwachsensein eine ziemlich überschätzte Hypothese ist. Ich habe Platten kommen und gehen sehen, habe Formate überlebt, die uns einst als das finale Ende der Evolution verkauft wurden. Und ich habe zugesehen, wie aus Musik Erinnerung wurde.
U2 ist geblieben. Nicht konserviert im Gestern. Das wäre das Ende der Kunst. Sondern anwesend. Wie ein sperriges Familienmitglied, das man nicht jede Woche sieht, dessen Stimme man aber unter Tausenden sofort heraushört, wenn es zur Tür hereinkommt.
Ja, ich habe immer noch diese unbändige Lust, die nächste Platte von ihnen aufzulegen.

