Bitte nicht absaufen!
Aqua-Fitness im Berliner Hallenbad. Als einziger Mann unter 29 Frauen. Wichtigster Tipp der Trainerin: Nicht absaufen! Das Angebot ist gut und überraschend günstig, aber anstrengend!
Dieser Morgen war besonders unerträglich: Alle Knochen und Gelenke taten weh. Allein der Gedanke, aufstehen zu müssen, um die rettende Toilette zu erreichen, verursachte mir Übelkeit. Ich musste etwas tun! Schmerzmittel allein würden mich nicht durch den Tag bringen.
Was immer geht, ist Schwimmen. Im Wasser trägt der Auftrieb einen großen Teil des Körpergewichts. Je nach Wassertiefe wirken nur noch 10–50 % des eigenen Gewichts auf Gelenke und Wirbelsäule. Das macht den Aufenthalt im Wasser ideal für Menschen mit Arthrose, Übergewicht, in der Schwangerschaft oder nach Verletzungen.
Mein Arzt hatte mir zwar Wassergymnastik verordnet, aber spätestens nach entmutigenden Erfahrungen – unter anderem mit einem völlig idiotischen Voicebot, den ein Anbieter in Marzahn ans Telefon gehängt hatte, um auch den letzten Interessenten abzuschrecken – hatte ich die Hoffnung, regelmäßig an einem Kurs teilnehmen zu können, längst aufgegeben.
Nicht nur in Berlin gibt es viel zu viele Interessenten und zu wenig Angebote.
Aber ausgerechnet die „Berliner Bäder“, der kommunale Bäderbetreiber, bieten eine Alternative: In mehreren Hallenbädern wird Aqua-Fitness angeboten. Ohne vorherige Anmeldung! Es gilt das Müller-Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Der Ticketverkauf erfolgt immer am Kurstag, 30 Minuten bevor es losgeht. Das Einzelticket kostet 12 Euro, mit Ermäßigung oder Sammelkarte sogar noch weniger. Dafür kann man dann insgesamt 100 Minuten im Schwimmbad bleiben.
Insgesamt gab es 30 Teilnehmer – 29 Frauen und mich. Ein paar schräge Blicke musste ich zunächst aushalten, nach ein paar Minuten schienen sich aber alle an meine Anwesenheit gewöhnt zu haben.
Die Trainerin sprach nur Englisch, ließ an Deutlichkeit aber trotzdem nichts zu wünschen übrig: „First of all, please don’t drown!“ – „Bitte nicht absaufen!“, forderte sie alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf.
Unerfahren wie ich war, hatte ich mir einen Platz im tiefen Wasser ausgesucht. Spätestens als ich den Aqua-Jogging-Gürtel aus PE-Schaum umgebunden hatte, zeigte sich, dass das ein Fehler war. Wegen des Auftriebs ist es schwierig, die Kontrolle zu behalten. Jedenfalls für mich. Alle anderen, egal ob alt oder jung, dick oder dünn, groß oder klein, waren konzentriert und erfahren bei der Sache.
Dann schaltete die Trainerin die Soundbox ein und begann, 45 Minuten lang schreiend am Beckenrand auf und ab zu springen. Dazu lateinamerikanische Techno-Musik, gefühlt mindestens 120 BPM (Beats per Minute).
„Das Training unter Wasserdruck kombiniert mit der Muskelarbeit wirkt positiv auf das Lymphsystem und zeigt eine besondere Massagewirkung zur Straffung des Bindegewebes. Die Intensität der Übungen wird durch ans Wasser angepasste Bewegungsformen und entsprechende Musik gesteuert. Der richtige Rhythmus macht gute Laune und motiviert zur sportlichen Betätigung.“ So heißt es jedenfalls in einem Werbetext der „Berliner Bäder“ für ihre Aquafitness-Kurse.

Anders als die erfahreneren Aquafitness-Teilnehmerinnen hatte ich während der Übungen Schwierigkeiten, meine Position zu halten und nicht den anderen Kursteilnehmern oder sogar den Bahnenschwimmern hinter mir in die Quere zu kommen. Das hatte aber auch sein Gutes: Mit Sicherheit habe ich etliche zusätzliche Kalorien verbrannt. Ohnehin können bei der Wassergymnastik pro Stunde bis zu 900 kcal verbraucht werden. Ein echter Kalorienkiller!
Außerdem gibt es nichts Besseres gegen Lymphödeme – bekannt zum Beispiel als „Wasser in den Beinen“. Da kann kein Physiotherapeut mithalten. Vor allem durch medizinische Eingriffe und Krebstherapien kommt es häufig zu solchen Störungen im Lymphsystem. Aber auch starkes Übergewicht und Bewegungsmangel führen dazu, dass die Gewebeflüssigkeit im Körper oft nicht richtig abtransportiert werden kann.
Im Schwimmbad führt dieser an sich erwünschte Effekt der Lymphdrainage leider dazu, dass vor allem Ältere das Wasser oft nicht halten können.
Aquafitness macht also schön und gesund, man muss nur aufpassen, dass man nicht ertrinkt. Ich selbst musste fünf Minuten vor Kursende aufgeben. Ein Krampf im linken Bein machte mich bewegungsunfähig. Den restlichen Tag über ging es mir jedoch ziemlich blendend.

