WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Cocktail-Reise: Finale in Kirgistan
Good Spirits im Glas und die weite Welt im Herzen. Wenn das bequeme Bett verlockender ist als jede Jurte in Bishkek
REISE
Ulrike Peter
7/26/20268 min read


Nach drei Monaten intensiver Erlebnisse und tausenden Kilometern – gestartet in Berlin, über Italien und den Balkan, durch die Türkei, Georgien und fast ganz Zentralasien – erreiche ich endlich Kirgistan. Das große Finale: schneebedeckte Gipfel, reißende Flüsse, echtes Nomadenleben, Übernachtungen in Jurten, vorbei an wilden Pferden und unberührter Natur. Doch ich spüre vor allem eines: große Müdigkeit. Der Rucksack wiegt inzwischen vier Kilo mehr, meine Füße protestieren zunehmend – und plötzlich erscheint ein gemütliches Bett verlockender als jede noch so spektakuläre Bergkulisse.
Ausgestiegen an Bischkeks neuem Busbahnhof nahe der kasachischen Grenze – nach einer fünfstündigen, wunderschönen Fahrt durch die Bergwelt aus Almaty kommend –, möchte ich im ersten Moment am liebsten sofort wieder umdrehen. Ich verschwinde direkt im dichten Staub und in der drückenden Hitze der „New West Bus Station“, die jeden urbanen Charme vermissen lässt und im Verkehrschaos versinkt. Das trostlose Airbnb verlasse ich umgehend wieder: Alles noch einmal einzupacken und kurzfristig umzubuchen – und das ohne Wasser wegen Bauarbeiten im Haus – kostet mich die letzten Kräfte, völlig erschöpft, aber glücklich mit meiner Entscheidung erreiche ich dann das moderne Bon Hotel Bishkek im lebendigen Oktyabr-Distrikt.




Bischkeks Kontraste: Maksym, Malls und Makeover
Erst auf der morgendlichen Stadtführung mit der Kirgisin Nurbubu und einer kleinen Gruppe neugieriger Reisender komme ich Bischkek und dem Land näher. Wir probieren Maksym, eine traditionelle fermentierte Getreidespezialität. Einst ein typisches Nomaden- und Hausgetränk, ist sie bis heute der erfrischende Durstlöscher – und wird von den Kirgisen täglich wie Wasser getrunken.
Gemeinsam schlendern wir über den Ala-Too-Platz, das zentrale Herzstück der Hauptstadt. Ein imposant hoher Flaggenmast lässt die kirgisische Staatsflagge eindrucksvoll im Wind wehen, während die Ehrenwache der Nationalgarde mit militärischer Präzision ihre Wachablösung vollzieht. Wir geraten mitten hinein in eine Militärparade, passieren monumentale Denkmäler vergangener Herrscher und Helden und erreichen schließlich die Imam-Sarakhsi-Moschee, die größte des Landes.




Abkühlung finden wir in den unterirdischen Einkaufspassagen – und mit frisch gezapftem Softeis, das während meiner Zeit in Zentralasien zu einem täglichen Ritual geworden ist: herrlich cremig, mit nostalgischen Geschmacksrichtungen aus der sowjetischen Eistradition und unschlagbar günstig. Zum Abschluss gönne ich mir noch einen Besuch bei einem der besten Coiffeure der Stadt – im Onstudio bekomme ich den letzten Feinschliff vor meiner Rückkehr nach Berlin. Nach drei Monaten auf Reisen fühlt sich ein komplettes Verwöhnprogramm mit Waschen, Schneiden, Farbe und Trocknen für 50 Euro wie purer Luxus an.
Regenpause in Karakol – Von Ashlyan-Fu zu Altyn Arashan
Der Hitze entfliehend geht es am nächsten Tag mit einer Marschrutka weiter nach Osten – nach Karakol, dem Tor zum Tianshan-Gebirge. Die Stadt liegt am östlichen Ende des Issyk-Kul-Sees, nach dem Titicacasee der zweitgrößte Gebirgssee der Erde. Eigentlich zieht es hier alle nur in eine Richtung: hinauf in die Berge. Doch ausgerechnet jetzt macht ein ungewöhnlich hartnäckiger Dauerregen Wanderungen zum Glücksspiel und vermiest Einheimischen wie Reisenden gleichermaßen die kurze Outdoorsaison von Juni bis September. Ich nehme es gelassen und mache aus der Not eine Tugend: Statt Berggipfel sammle ich Massagen, Cafébesuche und kulinarische Entdeckungen.


Auf den Märkten und an den Food-Ständen probiere ich mich durch die kirgisische Küche – natürlich auch Ashlyan-Fu, die berühmte Spezialität Karakols: ein kalt serviertes, scharfes Nudelgericht aus der dunganischen Küche.
Doch je länger ich bleibe, desto größer wird die Sehnsucht, die spektakuläre Bergwelt nicht mehr nur vom Fenster von meinem Guesthouse aus zu bewundern. Als der Himmel aufreißt, starte ich mit drei neuen Reisebekanntschaften aus Hongkong, Indien und Kanada frühmorgens bei strahlendem Sonnenschein mit einen Geländewagen nach Altyn Arashan, dem „Goldenen Heilbad“ auf gut 2.500 Metern.


Zwischen Himmel und Hölle: Paradies gefunden, Lektion gelernt
Schon die Anfahrt ist ein Abenteuer. Die Erinnerung an die steilen Rutschpisten Tadschikistans steckt mir noch in den Knochen – umso dankbarer bin ich für unseren Fahrer: ein älterer, wettergegerbter Kirgise, dessen Ruhe sofort auf mich abfärbt. Stoisch lenkt er den Jeep über die Piste hinauf in die Berge, die eher einem ausgetrockneten, steinigen Flussbett gleicht als einer Straße. Nach knapp drei Stunden öffnet sich vor uns eine atemberaubende Landschaft: grüne Wiesen, grasende Pferde, weiße Jurten, die sich wie kleine Farbtupfer in die unberührte Bergwelt schmiegen. Jeder harte Stoß der Anfahrt ist vergessen. Wir wandern am Fluss entlang und genießen anschließend ein ausgiebiges Bad in den warmen Thermalquellen – ein Moment, der sich wie eine Belohnung anfühlt.
Doch dann zieht plötzlich ein Gewitter auf. Während zwei von uns über Nacht bleiben wollen, verlasse ich gemeinsam mit Kiran, einem indischen Juristen, und unserem Fahrer überstürzt die Idylle. Auf der Rückfahrt passiert dann das, was niemand erleben möchte. In einer steilen Passage kommt uns einer der legendären sowjetischen UAZ-452 entgegen – die robusten Kastenwagen, von den Einheimischen liebevoll „Bukhanka“ (Brotlaib) genannt, gelten als äußerst widerstandsfähig und werden im kirgisischen Gebirge häufig für Touristentransporte eingesetzt. Der Bus passiert uns, verliert dann auf der schlammigen Piste die Kontrolle, rollt rückwärts den Hang hinunter und kippt schließlich gegen den Berg.


Für einige Sekunden herrscht völlige Stille. Dann springen wir aus dem Jeep und laufen los. Zuerst wird der Fahrer aus dem Fahrzeug befreit, danach werden acht polnische Reisende nacheinander herausgezogen. Wie durch ein Wunder ist niemand verletzt – doch der Schock steht allen ins Gesicht geschrieben. Bei strömendem Regen organisiert unser Fahrer die Bergung des Busses. Erst nach zwei Stunden ist die Passage wieder frei und wir können weiterfahren, noch ganz gefangen von dem Unglück, das ich gerade aus nächster Nähe erlebt habe. Erst am nächsten Morgen zeigen sich die Spuren dieser wilden Fahrt: blaue Flecken an den Armen und eine kleine Zerrung am Oberschenkel. Zurück bleibt vor allem Respekt. Respekt vor den Kirgisen, die diese gefährliche Strecke fast täglich fahren müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie setzen ihre eigene Sicherheit aufs Spiel, damit Reisende wie ich dieses vermeintliche Paradies erleben können.
Warum wird diese Strecke nicht sicherer ausgebaut? Vermutlich würde genau diese Abgeschiedenheit verloren gehen, die Altyn-Arashan so besonders macht. Vielleicht würden bessere Zufahrtswege mehr Besucher bringen und die Berge rund um Karakol nachhaltig verändern. Ich bin hin- und hergerissen – und nehme mir vor: Beim nächsten Mal gehe ich zu Fuß, mit mehr Zeit und Respekt vor dieser einzigartigen Landschaft.


11.000 Kilometer später: Was bleibt, ist mehr als ein Reisepass voller Stempel
Eine englische Reisebekanntschaft brachte es im Bus einmal treffend auf den Punkt und nannte Zentralasien „Sowjetistan“ – ein Begriff, den die norwegische Autorin Erika Fatland in ihrem 2014 erschienenen Reisebericht bekannt machte. Treffender könnte man es kaum sagen: Zentralasien fühlt sich an wie ein eigener Planet – eine faszinierende Mischung aus asiatischer Kultur, sowjetischem Erbe, muslimischen Traditionen, endlosen Landschaften und einer zurückhaltenden Gastfreundschaft, durch die ich mich als allein reisende Frau jederzeit sicher fühlte. Beim Frühstück mit meiner kirgisischen Gastfamilie tausche ich Geschichten mit anderen Backpackern aus. Zwei Reisebekanntschaften aus Usbekistan sitzen plötzlich wieder mit am Tisch – ein herzliches Wiedersehen und dieses besondere Gefühl der Verbundenheit, das nur auf Reisen entsteht.


Von Karakol nehme ich meinen letzten Bus zurück nach Almaty – über die spektakuläre Karkara-Pass-Route, die nur im Sommer geöffnet ist. Auf dem Weg zum Flughafen, muss ich dann doch noch einem Taxifahrer erklären, dass ich die Währung inzwischen bestens kenne und mich nicht übers Ohr hauen lasse. Nach drei Monaten auf den Straßen des Balkans nach Zentralasien, unzähligen Busfahrten und Begegnungen ist aus der neugierigen Entdeckerin längst eine selbstbewusste „Ladystan“ geworden.
Auf dem Rückflug nach Berlin weiß ich: Diese Reise war weit mehr als ein Urlaub. Ich bin stolz und glücklich. Vieles kam anders, als ich es erwartet hatte. Von Berlin bis Almaty habe ich mehr als 11.000 Kilometer zurückgelegt, rund 30-mal das Verkehrsmittel gewechselt und bin meiner Route mit erstaunlicher Beharrlichkeit gefolgt. Im Gepäck habe ich nicht nur unvergessliche Erlebnisse, sondern fühle mich frisch aufgeladen mit neuer Kraft und Zuversicht für alles, was vor mir liegt. Reisen ist pure Bildung – für mich die beste, die man sich selbst schenken kann.


Die Mixture: Good Spirit Special – Ulis Favorite
Zurück in Berlin mixe ich mir den „Good Spirit Special“ – einen Drink, den ich in Bischkek zufällig auf der Karte der Good Spirit Bar entdeckte und erst zu Hause ausprobiere. Natürlich bleibt der Aperol Spritz der Klassiker für den „Summer in the City“, doch Ende Juni ist Berlin plötzlich heißer, als es auf meiner gesamten Reise je war. Mit der Inspiration aus Bischkek hole ich mir ein Stück meiner Reise zurück ins Glas – ein Schluck Zentralasien mitten im Berliner Sommer.
Die Zutaten:
4 cl Gin: Als Basis idealerweise ein klassischer, kräftig-wacholderbetonter Dry Gin, ein Tanqueray London Dry oder Beefeater, der genügend Rückgrat hat, um sich gegen die kräftige Süße und Bitterkeit des Aperols durchzusetzen.
2 cl Aperol: Bringt die unverwechselbare, leuchtend orange Farbe und die feine, kräutrige Bitternote mit.
8 cl frisch gepresster Grapefruitsaft: Die herbe Frische bildet die perfekte Brücke zwischen Gin und Aperol. Wer es unkompliziert mag, greift zu einem hochwertigen Direktsaft z. B. von Michel oder Rauch. Die herbe Frische bildet die perfekte Brücke zwischen Gin und Aperol.
4 cl Prosecco brut oder extra trocken: ich mag den Mionetto oder Bottega Gold Prosecco
Garnitur: Eine frische Scheibe Orange
Die Zubereitung:
Glas vorbereiten: Gib viel Eis in ein vorgekühltes Highball-Glas, rühre kurz um, damit das Glas Eiskälte annimmt, und gieße das überschüssige Schmelzwasser ab.
Die Spirituosen & Saft zugeben: Gib Gin, Aperol und den Grapefruitsaft direkt auf das frische Eis.
Einmal kräftig rühren: Rühre die Mischung etwa 10 bis 15 Sekunden lang mit einem Barspoon gleichmäßig von unten nach oben um – das kühlt den Drink perfekt herunter, verbindet die Komponenten sanft und sorgt für die gewünschte Textur.
Das Finale: Gieße zum Schluss ganz vorsichtig den Prosecco auf. Weil der Drink durch den vorherigen Schritt schon kalt und gut durchmischt ist, setzt sich der Prosecco oben leicht ab und sprudelt wunderbar.
Garnitur: Eine frische Scheibe Orange ins Glas hineingeben – fertig!
Ein kleiner Tipp zur Balance:
Sollte der Drink durch die Grapefruitsorte zu sauer sein, hilf mit einem winzigen Spritzer flüssigem Zuckersirup oder Agavensirup nach.
Kögül açyk bolsun!
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