WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Bulgarien: Der Oblak, die grüne Wolke
Sofia & Plovdiv entdecken: Erlebe prachtvolle Boulevards, das Flair von Berlin-Mitte der 90er und die Story zum Kult-Drink „Oblak“. Ein chemisches Spektakel im Glas.
Nach meiner Ankunft mit dem Bus aus Skopje führen mich die ersten Schritte über die breiten Boulevards direkt ins Zentrum. Es eröffnet sich mir ein Stadtbild von beeindruckender Weite. Sofia präsentiert als eine moderne europäische Hauptstadt, deren einladende Atmosphäre mich auf Anhieb begeistert. Die Architektur erinnert an den kaiserlichen Glanz von Wien oder Paris; zwischen den prachtvollen Fassaden stellt sich augenblicklich ein entspanntes Flaniergefühl ein.


Besonders faszinierend: Die antiken römischen Ausgrabungen unter dem Largo-Platz sind wie ein modernes Freiluftmuseum direkt in die Metrostation Serdika integriert. So spaziert man hier zwischen jahrtausendealten Ruinen hindurch zum Bahnsteig.


Nur ein paar Ecken weiter entdecke ich den „Frauenmarkt“ (Zhenski Pazar). Sein Name erinnert an die osmanische Zeit, als dies der einzige Basar war, den Frauen besuchen durften. Heute erlebt man hier, zwischen Bergen von frischem Obst und Gemüse, ein Stück unverfälschtes Sofia – einen Ort, an dem die Einheimischen einkaufen und die Preise ehrlich geblieben sind. In den schmalen Nebenstraßen mischt sich der Glanz der Boulevards schließlich mit einer puristischen Patina, die mich an den unangepassten Geist von Berlin-Mitte der 90er-Jahre erinnert. Sofia entpuppt sich so als eine urbane Entdeckung, die mich beschwing und sich an manchen Ecken wie ein Stück Heimat anfühlt.
Die Haltung der Standfesten
Die Bulgaren begegnen mir mit einer spröden Eigenwilligkeit – eine Fassade, hinter der erst bei näherem Kennenlernen eine ehrliche Wärme spürbar wird. In dieser unnahbaren Art spiegelt sich ein tiefer Stolz auf die eigene Beständigkeit wider. Als einzige Nation Europas trägt Bulgarien - dessen Name oft als „die Unbeugsamen“ gedeutet wird - seit seiner Staatsgründung 681 n. Chr. seinen Namen ohne Unterbrechung.


Prächtiges Sofia: Das Staunen am Boulevard
Eigenständig und unnachgiebig behauptete man sich über die Jahrhunderte gegen jede Fremdherrschaft. „Wir sind das Herzstück des Balkans“, sagt unser Walking Tour-Guide mit einem Nachdruck, der keinen Widerspruch duldet. Ich lerne, dass Bulgarien entschlossen seine jüdische Bevölkerung vor der Deportation schützte. Dieses starke Rückgrat zog sich durch das ganze Volk: Von Zar Boris III., der Hitler die Stirn bot und kurz darauf unter ungeklärten Umständen verstarb, bis hin zur Kirche und einer starken Zivilgesellschaft. Es ist eine Haltung unerschütterlicher Standfestigkeit. Mit einem Augenzwinkern zeigt man sich an anderer Stelle ebenso unnachgiebig: Als „Nr. 1 der rauchenden Nationen“ in der EU lässt man sich auch bei seinen Lastern ungern etwas vorschreiben.
Mein bulgarisches Gedeck im Maria Luiza
Wer die Essenz dieses Landes sucht, landet beim Oblak – auch wenn er auf keiner offiziellen Getränkekarte auftaucht. Ich hatte bereits in Sofia von dieser „grünen Wolke“ gehört, deren Kultstatus fest in der sozialistischen Ära verwurzelt ist. In Plovdiv, der ältesten Stadt Europas und einer weiteren Perle auf meinem Weg Richtung Zentralasien, probierte ich ihn schließlich aus. Spontan entscheide ich mich beim Vorbeischlendern für den Coffee Club Maria Luiza. Die Bar, die sich wie die Kirche direkt gegenüber nennt, ist seit den 90igern eine Boheme-Institution, ein Ort für Einheimische, Künstler und Freigeister, wo man statt Free Wi-Fi die echte Begegnung sucht. Als ich den Oblak bestelle, huscht ein kurzes Erstaunen über das Gesicht des Barmanns. Auf meine Frage nach dem Mischverhältnis antwortet er trocken: „It’s 5 + 5, together 10.“ Ich handle ihn auf einen „halben Oblak“ herunter, um die Bar nicht völlig benebelt zu verlassen. Der Griff des Barkeepers sitzt blind: Direkt hinter ihm stehen die halbleeren Flaschen Ouzo und Menta bereit. Während die Jugend den Drink als Getränk der alten Garde abtut, ist er für Eingeweihte ein flüssiges Statement. Für 3,50 Euro erhalte ich mein nachmittägliches Gedeck: ein Glas neblig-grüner Oblak und ein pechschwarzer Espresso.
Das Rezept:
Der Klassiker „Oblak“ - Ulis Favorit - Das kleine Gedeck
Mit seiner Kombination aus Anis, Minze und Eis ist der Oblak ein chemisches Spektakel im Glas. Der Name „Wolke“ rührt vom Louche-Effekt her, der die Mischung geheimnisvoll eintrübt. Ob ein Espresso oder ein Glas Wasser dazukommt, bleibt dem eigenen Geschmack überlassen.
DIE ZUTATEN:
2,5 cl Ouzo – die trockene, würzige Basis. Er liefert die ätherische Anis-Note und sorgt für den milchigen „Wolken-Effekt“, ich empfehle hochwertigen Plomari Ouzo oder die einfachere Variante Ouzo 12.
· 2,5 cl Menta – für die süße, kühle Frische. Der bulgarische Pfefferminzlikör z. B. Peshtera Menta gibt die tiefgrüne Farbe, die Berliner Variante mit Berliner Luft Pfefferminzlikör macht die Wolke etwas klarer und spritziger.
Zubereitung:
Die Basis: Gib den eiskalten Minzlikör in einen kleinen vorgekühlten Tumbler mit reichlich Eis.
Die Wolke: Gieße den Ouzo langsam darüber. Beobachte, wie sich die Flüssigkeit sofort neblig-grün verfärbt und die ätherischen Öle ihre Wirkung entfalten.
Servieren: Ohne Umrühren servieren, um die Schichten und die Trübung zu bewahren.
Nasdrawe!

