WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune


Vom Hamsterrad in die karibische Sonne
Die Cocktailreise kann beginnen. 45 Jahre Vollgas – wenn Arbeit das Leben prägt.
Pünktlich zum 60. steht das Hamsterrad plötzlich still. Gearbeitet habe ich eigentlich schon immer – und durchweg mit großer Begeisterung. Mit 14 baute ich neben der Schule im Akkord Fahrradbremsen zusammen. Später finanzierte ich mir auch mein Studium mit Hotel-, Reinigungsjobs und Büro-Aushilfen – dank des gelernten Zehnfingersystems konnte ich damals schon verdammt schnell tippen.
Am prägendsten und schönsten war für mich die Zeit als Kellnerin und hinter dem Tresen; rückblickend weiß ich, in all diesen Jobs habe ich unheimlich viel fürs Leben gelernt. Mit 28 startete ich in die Festanstellung und verbrachte die nächsten 30 Jahre mit leitenden Jobs im Marketing und Controlling. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, mich erfüllt und gefordert.
Mit Corona platzte die Weiter-So Bubble und die Arbeitswelt schlitterte gefühlt in eine Dauerkrise: Aufgestaute Themen wie die Digitalisierung und eine spürbar kleiner werdende, junge Generation, die ihre Prioritäten ganz neu setzt, trafen auf starre verkrustete Strukturen.


Die Krise als Sprungbrett – Mut für ein neues Kapitel
Aus dieser Situation heraus entsteht die Dynamik für ein Sprungbrett hinein in ein zweites Sabbatical, um ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen. An einem eiskalten Januartag spaziere ich mit 12 kg Handgepäck Richtung Flughafen BER – Mein Ziel: Mexiko, seit Jahren ein absoluter Sehnsuchtsort. Und im Moment des Umbruchs – alle Warnungen hinter mir lassend – drängt es mich dorthin. Wir heben ab und ich fliege nach Mexiko.


2.000 km mit Bus und Bahn durch ein Land der Superlative
Mexiko ummantelt mich sofort mit Wärme und nimmt mich auf wie ein alter Freund, den ich in diesen unruhigen Zeiten brauche. Angekommen. Ich laufe und laufe. Täglich 10 bis 15 Kilometer und bewerkstelligte insgesamt rund 2.000 Kilometer in zwei Wochen mit dem ÖPNV-Bus, Bahn, Metro, Seilbahn. Nur einmal fliege ich, einmal nehme ich ein Uber-Taxi. Mexiko ist überwältigend. Ein Land der Superlative: Längste Seilbahn der Welt. Die meisten UNESCO Kultur Welterbestätten auf dem amerikanischen Kontinent. Die größte VW-Käfer-Community. Dazu die herzlichsten und fleißigsten Menschen.
Ich arbeite mich von Cancún aus durch diverse Maya-Tempel über die Yucatán Halbinsel Richtung Mexiko City. Auf dem Weg bade ich im Golf von Mexiko. Esse getrocknete Heuschrecken und Würmer, proteinreich, weniger Kalorien als Chips. Mein Herz hüpft vor Freude bei jedem VW Käfer, der an mir vorbei donnert, liebevoll „Vocho“ genannt. Ich fahre mit dem Maya-Zug von der Station Edzná Ruinen nach Palenque. Ein umstrittenes touristisches Großprojekt, was die Regierung in chinesischem Tempo aus dem Boden gestampft hat. Ich werde von freundlichen Soldaten und Bahnbeamten persönlich zum Zug eskortiert, und schüttle Hände zum Abschied. Der Zug ist leer, die Maya Bahnhof-Stationen im Nirgendwo schwer zu erreichen, die Zugfahrt ist schön. Ich spreche kaum Spanisch, und die Mexikaner kein Englisch – es geht trotzdem. Mit Händen, Füßen und viel Herzlichkeit und Lachen. Keine Ungeduld, keine Abwehr. Ich fühle mich sicher in einem Land, dem so viel Gewalt nachgesagt wird.


Guru-Walks, London-Bob und Cowboy-Stiefel
Ich liebe die Free Walking Touren die man bequem zum Beispiel über die Guru Walk App buchen kann: Street Art Touren, Taco-Touren, historische Touren. Locals zeigen ihre Stadt mit Herz und Verve abseits des Mainstreams, am Ende bezahlt man so viel wie man will und hat eine erste Orientierung, viele Tipps und neue Bekanntschaften. In Oaxaca lasse ich mir meine langen Haare abschneiden – „Nur die Spitzen“, diktiere ich in die Übersetzungs-App, und die mexikanische Friseurin verpasst mir für 10 Euro einen London-Bob. Die Busfahrt von Oaxaca nach Mexiko City ist überwältigend. Ich starre gebannt aus dem Fenster, die ersten drei Stunden sehe ich in ein Meer von Kakteen die wie spitze Pfeile in den hügligen Canyons stehen.


In Mexico City angekommen biege ich ein in einen Westernladen und kaufe mir handgearbeitete mit Strickereien verzierte Cowboy-Stiefel. Ich finde das plötzlich wieder cool. „Pasa, Madre“, höre ich hinter mir an einer Kreuzung. Was in etwa heißt „Entschuldigung Mutter kann ich mal vorbei?“ Ich stutze kurz und lache. Wie 60 plus fühl ich mich nicht aber sehe wohl doch so aus für die anderen.


Der Signature Drink: Die klassische Margarita – Ulis Favorite
Ein Ritual etabliert sich vom Anfang an: Jeden Tag gönne ich mir eine Margarita. Und sie schmecken mir alle. Ins Tequila-Museum in Mexiko City gehe ich hauptsächlich wegen der am Ende versprochenen Verkostung mit Tequilla und Mezcal. Die Margarita ist der unbestrittene König der mexikanischen Mixology – erfrischend, säurebetont, kraftvoll und die perfekte Reinkarnation der mexikanischen Sonne.
5 cl Tequila aus 100 % Agave - Die unverwechselbare Basis z. B. El Jimador Reposado, solide, ehrlich, ausgeruht
3 cl frischer Limettensaft – sorgt für Frische und Balance
2 cl Orangenlikör – ich bevorzuge den dry Curaçao Orangen Likör z.B. von Pierre Ferrander mit leichter bitterer Orangennote
Eiswürfel
Zubereitung:
Alle Zutaten sehr kräftig mit einem mit sehr viel Eis gefüllten Shaker schütteln, bis er von außen beschlägt. Anschließend kommt ein „double strain“: Mit dem Hawthorne-Strainer – dem Barsieb mit der Spiralfeder – auf dem Metallbecher und einem feinen Teesieb über der vorgekühlten Cocktailschale abseihen.
Das Salzrand-Debakel vermeiden!
Der Glasrand entscheidet bei einer Margarita über Genie oder Wahnsinn. Ich erinnere mich gut an meinen allerersten Versuch: Ich zog eine Limettenspalte um den Glasrand und drückte ihn in ganz normales, feines auf einem Teller verteiltes Kochsalz. Das Ergebnis war ungenießbar! Es blieb viel zu viel Salz hängen, und der Drink war verdorben.
Der Feinschliff:
Das richtige Salz: Verwende niemals jodiertes Speisesalz oder feines Kochsalz! Greife stattdessen zu Meersalzflocken (wie Fleur de Sel oder Maldon Salt) oder grobem Meersalz, das du im Mörser nur ganz leicht anstößt. Die Flocken verändern die Textur und geben eine milde, angenehme Salznote ab.
Die Technik: Befeuchte den äußeren Rand des Glases mit einer frischen Limettenspalte.
Nur außen rollen: Schütte die Salzflocken auf einen kleinen Teller. Drehe das Glas nun schräg von außen durch das Salz. Der entscheidende Trick: Das Salz darf nur am äußeren Rand kleben, niemals an der Innenseite! Sonst fällt das Salz in den Cocktail, löst sich auf und ruiniert uns die feine Balance aus Tequila, Likör und Limette. Bei so einer säurebetonten Margarita ist ein halber Salzrand d.h. nur auf einer Seite des Glases ideal. So kannst man abwechselnd die pure Säure und dann wieder die Kombination mit Salz genießen, welches die Fruchtigkeit des Curaçao extrem verstärkt.
Arriba, Abajo, al Centro y pa' Dentro! Viva Mexiko!
Das Rezept:
ULIS Margarita - Extra dry ohne Agavensirup

