WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Der Türkei-Mix

Istanbul im Glas, Anatolien im Herzen: Unsere Kollegin Ulrike kommt in der Türkei an, um die Heimat ihrer Berliner Nachbarn zu verstehen. Eine Reise durch das Tor nach Asien.

Seit fast vier Jahrzehnten lebe ich in Berlin, immer direkt neben der türkischen Community. Doch ehrlich gesagt: Mein Wissen endete bisher an der Kebab-Theke, auf dem Kreuzberger Türkenmarkt oder beim Friseur. In meinem Kopf deshalb verstaubte Gastarbeiter-Bilder und ein eher distanziertes Nebeneinander. Diese Reise ist auch mein Aufbruch aus einem Tunnelblick. Manchmal muss man 2.000 Kilometer mit Bus und Bahn über den Balkan reisen, um die Nachbarn zu Hause wirklich zu sehen.

Istanbul: Weltmetropole auf Samtpfoten

Wer von Bulgarien auf dem Landweg nach Istanbul kommt, fällt mitten hinein in eine pulsierende Weltmetropole. Zuerst fotografiere ich noch jede prächtige Moschee, bis ich begreife: Es sind über 4.000 – sie gehören hier zum Straßenbild wie die unzähligen Katzen. Überall liegen sie schnurrend an den unmöglichsten Stellen und versprühen eine stoische Gelassenheit. Auf der berühmten Galata-Brücke bleibt mir kurz die Spucke weg: Ich drängle mich zwischen die dichten Reihen der Angler, der Blick weitet sich über den glitzernden Bosporus hinein in das Goldene Horn. In diesem Moment fühlt sich die Türkei an wie der Nabel der Welt – das verbindende Glied zwischen Nationen und Kontinenten. Hier lasse ich Europa hinter mir und reise weiter nach Osten in das Land der aufgehenden Sonne - Anatolien.

Das Fundament: Atatürk und Ankara

In der Hauptstadt Ankara im Herzen des Landes begegne ich dem Architekten der modernen Türkei: Mustafa Kemal, genannt Atatürk – der Vater aller Türken. Das riesige Atatürk-Memorial — bekannt als Anıtkabir — ist nicht nur ein Grabdenkmal; es ist das Zeugnis eines radikalen Aufbruchs. Besonders faszinieren mich dort seine Errungenschaften: Schon einige Zeit bevor er 1928 das türkische Alphabet einführte, welches das arabische ablöste, hatte er es in seiner Schublade und er wusste: Die Zeit wird eines Tages reif dafür sein. Gleichzeitig forcierte er die Gleichstellung: 1934 erhielten die Frauen das volle Wahlrecht – zu einer Zeit, als man in vielen Teilen Europas noch davon träumte. Sein Antrieb „Bildung ist Fortschritt“ öffnete Universitäten und förderte die Kunst. Atatürk hat die Türkei westlich geformt. Doch während ich dieses Erbe bestaune, sehe ich auch die Brüche: 100 Jahre später existieren noch immer gesetzlich verbotene religiöse Ehen (Imam-Ehen), die unter Zwang geschlossen werden – ein Zeichen dafür, wie zäh der Kampf gegen archaische Strukturen ist.

Konya und der Tanz der Derwische

Weiter südlich, in Konya, tauche ich in eine ganz andere Welt ein. Die Stadt ist das spirituelle Herz der Türkei und die Heimat der Sufis. Den Tanz der Derwische zu erleben, ist pure Magie. Wenn sie sich in ihren weißen Gewändern, die Köpfe geneigt und die Arme weit ausgestreckt – eine Hand dem Weltlichen zugewandt, die andere zum Himmel – endlos um die eigene Achse drehen, scheint die Zeit stillzustehen.

Kappadokien – Land der fantastischen Felsen

Weiter Richtung Osten trifft jahrtausendalte Geschichte auf die Generation Instagram. Morgens um fünf Uhr zum Sonnenaufgang schweben Heißluftballons über einer Landschaft, die wie aus einer anderen Welt wirkt. Doch die wahre Tiefe Kappadokiens steckt im Stein selbst. Hier wurden vor rund tausend Jahren ganze Häuser — heute als Cave-Hotels beliebt —, Kirchen und Klöster direkt in den weißen Felsen gehauen. Die christlichen Wandmalereien aus dem 11. Jahrhundert leuchten noch heute in unglaublicher Intensität. Ihr Geheimnis: Taubeneier, die unter die Farben gemischt wurden. Das Abenteuer geht weiter unter die Erde: In der versunkenen Stadt Kaymaklı laufen wir im gebückten Entengang bis zu 40 Meter tief durch ein Labyrinth aus Gängen. Es ist eine Schutzstadt, in die sich die Menschen noch bis ins frühe 20. Jahrhundert flüchteten. Den perfekten Ausklang finde ich bei Nazir in Göreme: Auf einer Terrasse über der Stadt gelegen genieße ich bei Köfte, Künefe und Apfeltee in familiärer Atmosphäre den Blick in die Abendsonne, die langsam über die bizarre Felslandschaft kriecht und versinkt.

Die Weite: 21 Stunden Sehnsucht nach Kars

Ein Höhepunkt meiner Reise ist die Weiterfahrt mit dem legendären Doğu-Express. Man sagt, es sei eine der schönsten Zugstrecken der Welt. 21 Stunden lang schlängelt sich der Zug gemächlich bergauf durch unzugängliche Canyons und tiefen, grünen Tälern und vorbei an schneebedeckten Gipfel. An manchen Ecken glaube ich mich in der Schweiz. Mit zwei Stunden Verspätung komme ich endlich an: Kars, gelegen auf 1.750 Metern Höhe nahe der armenischen und georgischen Grenze, besticht durch eine herbe Eleganz: Breite Boulevards und dunkle Steinbauten erinnern hier noch heute an die russische Epoche vor 100 Jahren. Hier nehme ich Abschied von einem Land, das mich sicher wiedersehen wird. Unvergesslich bleibt mir die Dichte an „Ü-Ketten“ in der türkischen Sprache, wie etwa bei „Gürültülüdür“. Mein hilfloses, lachendes „Güle Güle“ zum Abschied sorgt überall für Heiterkeit und freundliche Gesten.

Die Mixtur: „The Forest“ – Ulis Favorite

Den flüssigen Auftakt meiner Reise fand ich bereits am Anfang in Istanbul, in einer quirligen Seitenstraße an der berühmten Flaniermeile Istiklal Caddesi in der No1 Cocktail Bar probiere ich den „The Forest“. Der Cocktail ist fruchtig-frisch, ein Spiel aus Süße und Säure mit einer präsenten Apfelnote, der sofort Lust auf mehr macht.

Die Zutaten:

  • 5 cl Gin –Ein Beefeater London Dry Gin, solide und klassisch, wie auf der Karte in Istanbul gibt die nötige Struktur.

  • 6 cl süßer, naturtrüber Apfelsaft – bringt die natürliche fruchtige Süße ins Glas, ein hochwertiger Saft von Rabenhorst oder Van Nahmen ersetzt den Zucker.

  • 2 cl hausgemachter Sauerampfer Saft – Die grasig-grüne Seele des Drinks sorgt für die komplexe, säuerlich-herbe Kräuternote

  • 1 cl Bergamotten Saft – für die vielschichtige Zitrus-Eleganz, ich nehme den von Vale del Crati Bio, Bestellung online.

Zubereitung:

  • Vorbereitung: Eine Handvoll junger Sauerampfer waschen und im Mixer mit 50 bis 100 ml Wasser fein pürieren. Die Masse durch ein Passiersieb drücken, um die Fasern zu entfernen.

  • Der Mix: Alle Zutaten zusammen in einen Shaker geben und mit reichlich Eiswürfeln sehr kräftig und ausdauernd schütteln, bis die Kälte von außen am Metall spürbar wird.

  • Servieren: Den Drink durch ein Sieb in einen mit frischen Eiswürfeln gefüllten und vorgekühlten Tumbler abseihen.

  • Garnitur: Mit einer hauchdünnen Apfelscheibe und 2-3 frischen Sauerampfer Blättern garnieren.

Şerefe!