WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Die Reise zum anderen Ufer
Ein Märchen für Kinder und Erwachsene
LITERATUR
Robert Hogervorst: Text und Illustrationen
6/20/202621 min read


Ich schlief und träumte von schwarzen Gestalten, die jenseits eines Flusses vorbeimarschierten. Das Dröhnen ihrer Fußstapfen fühlte sich bedrohlich an. Gott sei Dank war da der Fluss, der mich von ihnen trennte. Vor mir sah ich einen Vogel auf einem Baum sitzen. Er rief: „Steh auf und geh zum Würfelwerfer!“ Seine Stimme klang wie ein Befehl. Ich stand auf und sah meinen Körper im Bett liegen. Ist das wirklich, dachte ich? Alles war zur gleichen Zeit da. Das Zimmer. Der Fluss. Der Vogel. Irgendetwas in mir sagte: „Geh!“ Ich verließ das Zimmer und befand mich bald auf einer weit ausgedehnten Ebene. Eine Wolke aus Staub kam auf mich zu. „Was machst du hier an diesem Ort?“, fragte sie. „Ich will zum Würfelwerfer“, antwortete ich. „Wer hat dir denn so was gesagt?“ „Ein Vogel, der mich weckte.“ Daraufhin drehte sich die Wolke unruhig um ihre Achse. „Sollen die Menschen das schon jetzt erfahren?“ „Was meinst du damit?", fragte ich. Hast du mal vom Zufall gehört?“ „Schon, aber was hat das mit dem Würfelwerfer zu tun?“ „Bei euch, da unten, bleiben es Zahlen, wenn ihr würfelt. Bloß ein Spiel. Hier, in dieser Welt, verursacht es Glück oder Unglück.“ „Wer würfelt denn in deiner Welt?“ fragte ich. Aber ehe ich eine Antwort bekam, flog die Wolke schon himmelwärts. Noch kurz herunterschauend fragte die Wolke, wie ich denn heiße? „Celia!“, rief ich ihr zu. Ob sie es verstanden hat, weiß ich nicht.
Nach einiger Zeit kam ich an ein Haus. Vor dem Haus stand eine Frau. Im Hof des Hauses standen zwei Männer. Sie schienen wie gefesselt an den Boden. Auf einem hohen Tisch spielten sie mit Würfeln. „Darf ich hereinkommen, um mich zu wärmen?“, fragte ich die Frau. Sie antwortete: „Hier ist alles aus Glas. Wärme musst du dir selbst mitbringen.“„Darf ich wenigstens hier kurz ruhen, bevor ich weitergehe?“ fragte ich sie. „Wo musst du denn hin?“ „Zum Würfelwerfer“, antwortete ich. „Zum Würfelwerfer?“ Im selben Moment, als dieses Wort fiel, wandten sich die zwei Männer zu mir. „Du gehst zum Würfelwerfer?“ „Ja“, antwortete ich. „Könntest du ihn bitten, dass er uns die fehlenden Zahlen gibt?“ „Was meint ihr damit?“ „Uns fehlen die 1 und die 5. Wir bleiben immer stecken und bekommen unvollständige Antworten.“ „Was für Antworten sucht ihr denn?“ „Jede Zahl ist hier ein Wort, und erst wenn wir die richtigen Worte in der richtigen Reihenfolge zusammengewürfelt haben, können wir diesen Ort verlassen.“ „Aber wie könnt ihr wissen, ob es die richtige Reihenfolge ist?“ „Das sollte sich aus dem Sinn ergeben“, sagte der eine Mann. „Das verstehe ich nicht. Wenn man mehrmals würfelt, entstehen doch jedes Mal neue Sinnzusammenhänge. Wie könnt ihr wissen, welcher der richtige ist?“ „Wir brauchen Glück“, sagte der andere. „Wer seid ihr eigentlich? Wie sind eure Namen?“ „Die hat man uns vor langer Zeit weggenommen. Einst waren wir wie du, aber wir haben uns an Üblem beteiligt. Mord und Totschlag. Verloren Gott und die Welt.“ „Dann muss ich mich vor euch fürchten?“„Fürchte dich nicht! Wir sehnen uns nach Erlösung. Schon seit über hundert Jahren sitzen wir hier fest. Bitte, lass uns nicht im Stich.“ „Warum fragt ihr nicht die Frau um Hilfe?“ „Sie ist aus Glas. So wie das ganze Haus hier. Sie kann uns nicht helfen. Sie kann nur Antworten geben auf das, was wir schon wissen, aber nicht auf das, was noch unbekannt ist.“ „War sie immer aus Glas?“, fragte ich. „Nein, sie gehört eigentlich zu den Steinmenschen. Sie hat aber unerlaubt im Fluss des Würfelwerfers gebadet, und dafür wurde sie bestraft“, antwortete einer der Männer.
Da fing plötzlich die Glasfrau wieder an zu sprechen: „Hier ist alles anders als in deiner Welt. Jede Zahl ist umgekehrt zu lesen. Das Vergangene kommt zuerst und die Gegenwart kommt zuletzt. Das Kind gebiert die Mutter und der Tod kommt vor der Geburt.“ „Davon habe ich noch nie gehört. Ihr seid mir sehr fremd“, antwortete ich. „Ist jemand von euch je dem Würfelwerfer begegnet?“ „Ja. Einmal sind wir ihm begegnet. Hinter einem riesigen Felsen hörten wir ihn sprechen. Er entschied, wer leben oder sterben soll. Auch Staubwolken kommandierte er. Sie sollten Seuche oder Dürre über das Land verbreiten.“ „Was sagt ihr da? Ich habe gerade eine Staubwolke getroffen, die schien mir aber nicht bösartig.“ „Das kann stimmen, je nach ihrem Auftrag“, sagte einer der Männer. „Ist der Würfelwerfer denn gut und böse zugleich?“, fragte ich. Da schauten die beiden mich an und schwiegen. Die Glasfrau aber nickte. Ich beschloss, nicht länger an diesem Ort zu bleiben, und setzte meinen Weg fort. Unterwegs quälte mich die Frage, was dies alles zu bedeuten hat: Die Frau aus Glas. Die zwei Mörder. Die Staubwolke. Der Würfelwerfer, vor dem man sich fürchten sollte.
Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, ich laufe im Kreis herum. Der Weg war voller Steine. Kein Mensch war zu sehen. Ich erreichte eine Anhöhe, und unter mir sah ich die Gestalten wieder, welche ich am Anfang, jenseits des Flusses, gesehen hatte. Ihre Köpfe waren in Nebel gehüllt. Sie bildeten dicht aneinander gedrängt eine hohe Mauer. Eine seltsame Stille ging von dieser Mauer aus. Ich lief die Mauer entlang, ohne einen Durchgang zu finden, streckte meine Hand aus, um zu fühlen, ob sie wirklich aus Stein war. Da hörte ich eine Stimme fragen: „Wer bist du und wo kommst du her?“ „Ich komme aus dem Glashaus.“ „Hast du meine Mutter gesehen?“ „Ist das deine Mutter, die vor dem Haus steht?“ „Dann hast du meine Mutter gesehen“, sagte der Steinmensch. „Und was hat sie gesagt?“, fragte die Stimme. „Sie hat einiges gesagt“, versetzte ich zur Antwort, „dass ich mir selber die Wärme besorgen soll und dass alles an diesem Ort anders ist, als was ich gewohnt bin.“ „Das hat sie gesagt?“ „Ja“. „Und einer der Mörder hat erzählt, dass ihre Mutter im Fluss des Würfelwerfers gebadet hat und daraufhin verbannt wurde.“ „Hat er das?“ „Ja, das hat er.“ „Hör zu, bald werden die Steinmenschen wieder aufwachen. Du musst hier verschwinden. Ich drehe mich jetzt ein bisschen zur Seite. Dann kannst du durch den schmalen Spalt an mir vorbeigehen. Nimm den Weg bis zur Wegsperre, danach weiter über die Brücke, dann kommst du wie von selbst in das Land des Würfelwerfers. Eines musst du beachten: Die Wegsperre ist mit drei Wächtern besetzt. Der erste verspottet jeden, der zweite ist ein Lügner und der dritte kann nur hassen. Die werden dich auf die Probe stellen. Geh nun und vergiss uns nicht.“ „Wie kann ich euch vergessen? Euer Schicksal ist von Schwere und Einsamkeit geprägt. Wie habt ihr alle so werden können?“
„Frage das im Land des Würfelwurfs. Vielleicht erhältst du dort eine Antwort.“


Nach einer Weile erreichte ich die Wegsperre. „Du hast dich wohl verirrt in diese Gegend“, schrien die drei schon von Weitem. „An deiner Haltung sehe ich, dass du dich für etwas Besonderes hältst“, sagte der Erste. „Nichts bist du wert hier“, sagte der Zweite. „Ich hasse deinen Eifer“, sagte der Dritte. „Ich will über die Brücke zum Würfelwerfer“, antwortete ich gelassen. „Glaubst du denn, dass er dich empfangen wird? Das kannst du vergessen. Ein verkehrtes Wort in seiner Welt und er stößt dich in den Abgrund. Du wirst nicht der Erste sein, bei dem das zutrifft.“ Laut lachend stimmten sie ein wildes Lied an:
„Wir lieben das Unglück,
Krankheit und Pest,
getötet durch Zufall,
Wahrlich ein Fest.
Gehe zugrunde,
mit Lack und mit Teer,
verfaule, zerfalle,
ertrinke im Meer.
Dabei stampften sie mit ihren kurzen Beinen wie verrückt auf den Boden. Dann sagte der Erste: „Dieses Ding, was da steht, wird an unserer Wegsperre nicht vorbeikommen.“ „Auch ihr Verstand scheint mir zu gering“, sagte der Zweite. „Ja eben“, sagte der Dritte, „und von Zupacken hat sie keine Ahnung.“ „Ich will, dass ihr mich vorbeilasst!“ „Nur über die Waage“, riefen alle drei wie aus einem Munde. „Wirst du als zu leicht befunden, schicken wir dich ins Glashaus. Stell dich auf die Waage!“ Da fingen die drei laut an zu schreien: „EINMAL, ZWEIMAL, DREIMAL!“ Die Waage ging dreimal rauf und runter. „Zu leicht, zu leicht“, schrien die drei ganz außer sich. „Zu leicht bist du, wir haben dich gewarnt.“ Dann aber, fast im gleichen Moment, als die drei riefen, dass ich zu leicht wäre, tauchte der Vogel auf, welcher mich geweckt hatte, und legte ein Steinchen auf meine Seite der Waage. Dabei sprach er streng: „Genug, genug! Sie soll weitergehen.“ Er klapperte mit seinem Schnabel und flog davon. „Welch ein hässlicher Glückspilz du bist“, sagte der Erste. „Welch ein blöder Zufall, dass der gerade in der Gegend war“, sagte der Zweite. „Sie hat getrickst“, sagte der Dritte. „So lasst mich jetzt gehen.“ Ich wandte den dreien den Rücken zu und betrat die Brücke. Beim überqueren kroch ein Unbehagen in mir hoch. Ich wagte nicht, über das Brückengeländer ins Wasser zu schauen, weil ich fürchtete, dem Blick in die Tiefe nicht standhalten zu können. Nur mit Mühe erreichte ich das andere Ufer. Eine große Erleichterung durchfuhr meinen Körper. Ich schaute mich noch einmal um, aber das andere Ufer hatte sich bereits in Nebel gehüllt. Nichts war mehr zu sehen von dem Ort, den ich gerade verlassen hatte.
Ein seltsames Licht beschien den Weg, auf dem ich ging. Da hörte ich jemanden singen. Eine weibliche Stimme. Als ich näher trat, sah ich sie auf einem blauen Felsen sitzen. Sie hielt inne mit dem Singen, als sie mich erblickte. Dann fragte sie mich, wo ich herkomme. „Ich komme von der Wegsperre, den Steinmenschen, dem Glashaus und von der Ebene, wo ich eine Staubwolke traf“, antwortete ich. „Warst du auch im Glashaus?“ „Ja, da war ich.“ „Was haben die Bewohner des Glashauses dir erzählt?“
„Einiges haben sie mir erzählt. Ich habe von ihrem Schicksal erfahren und warum sie so gefesselt an diesen Ort sind. Bei der Frau lag das anders als bei den zwei Mördern.“ Einen Moment schwiegen wir beide, dann sagte sie: „Ich weiß, wo du hinwillst: Zum Würfelwerfer. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Du hast sicher beim Überqueren der Brücke bemerkt, dass etwas Unheimliches die Brücke umklammert.“ „Ja, das habe ich bemerkt. Aber was ist das?“ „Es ist die graue Seite des Mondlichts. Sie wirft Schatten ins Reich der Seelen. Ich versuche das mit meinem Gesang zu mildern, etwas Licht in diese Welt hereinzubringen.“ „Bin ich denn hier im Reich der Seelen, die nicht mehr unter uns sind?“ „So könnte man es sagen“, sprach sie. „Erzählt mir mehr über eure Welt!“ „Das ist eine lange Geschichte.
Ich gehörte einst zu den Steinmenschen, die du getroffen hast. Das ist so lange her, dafür gibt es keine Zahl. Damals war die Welt ein einziger großer Ozean. Alle Metalle flossen in vielfältigen Farben in diesen Ozean. Gold, Silber. Wir selbst waren Tropfen in diesem Ozean. Dann kam der große Abgrund und öffnete sein Maul, und die meisten von uns stürzten ab. Der Aufprall machte uns zu Steinmenschen. Nur die Wenigsten kamen davon, ich bin eine von ihnen. Wir leben seitdem zwischen Mond und Erde. Und unsere einzige Aufgabe ist es, diese Welt mit unserem Gesang zu beleben.“ „Seid ihr die Einzigen?“ „Nein, es gibt noch weitere an anderen Orten.“ „Denkt ihr manchmal an die Steinmenschen?“ „Ja, das tue ich.“ „Auch an die Frau im Glashaus?“ „Auch an sie denke ich.“ „Könnt ihr dorthin?“ „Nein, das kann ich nicht. Aber die Menschen können dorthin. So wie du das jetzt getan hast.“ „Ja, ich war da, aber ich konnte ja nichts machen, nur zuhören, was sie sagten. Sie baten mich, dass ich sie nicht vergesse.“ „Und wer hat dich zu dieser Wanderung veranlasst?“, fragte die Frau plötzlich.
„Ein Vogel hat mich dazu aufgefordert. ‚Wach auf!‘, hat er gesagt. Ich bin dann aufgestanden und habe mich auf die Reise begeben.“ „Hast du keine Angst gehabt?“ „Wohl, aber ich bekam unterwegs Hilfe. Der Vogel half mir.“ „Ja, die Tierseelen sind mächtig“, sagte die Frau. „Wenn sie über mir fliegen, winke ich ihnen zu. Sie sind weise und gütig.“ Einen Moment war es still zwischen uns beiden. Dann sagte ich: „Jetzt will ich aber weiter auf meinem Weg.“ „Das ist gut“, sagte sie. „Ich werde dich eine Weile begleiten, bis zum Ausgang meiner Welt.“ Sie nahm mich bei der Hand und wir durchquerten eine Gegend, wo ich entkörperte Seelen sah. Sie liefen in einer Reihe hintereinander. Ihre Augen waren geschlossen. Ich sah, dass sie Hohlräume hinterließen an den Orten, wo sie gelebt hatten. Ich fühlte Mitleid mit ihnen. Sie wirkten so verloren. Sie schienen nicht zu wissen, dass sie nicht mehr in ihrem Körper waren. Nicht lange danach kamen wir auf eine Straße. „Jetzt musst du alleine weiter“, sagte die Frau. Sie umarmte mich und ich bedankte mich bei ihr. Vor mir sah ich einen endlos langen Weg. Links und rechts lagen riesige, seltsam geformte Felsblöcke. Kurz musste ich an die Steinmenschen denken. Unter meinen Füßen fühlte es sich anders an – stabiler, nicht so wie vorher. Ich hatte das Gefühl, ich gehe wieder auf festem Boden. Das gab mir einen besseren Halt.
Die Begegnung mit dieser Frau hatte einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Sie war irgendwie auch gefangen in ihrer Welt. Vielleicht hatte sie den Ort, wo ich sie traf, aus freien Stücken gewählt, um die Folgen eines längst vergangenen Ereignisses zu mildern. Sie war sehr liebevoll, was mir besonders auffiel, als sie mich beim Abschied umarmte. Ich weiß nicht mehr, ob es kurz oder lange gedauert hat, aber plötzlich sah ich am Wegesrand eine kleine Gestalt hinter einem Tischlein sitzen. Bunt war sie gekleidet. Mit sich selbst spielte die Gestalt ein Würfelspiel. Ich hörte die Würfel über den Tisch rollen. Dabei sagte sie: „6 und 3 sind gut.“ Wieder warf sie. „1 und 5 sind auch gut. Die 1 und die 5 fehlen denen im Glashaus. Sie können noch lange warten.“ Die Gestalt guckte dabei nur auf ihren Tisch und schien mich nicht zu bemerken. „Entschuldigung?“ „Ja, ich habe dich schon längst bemerkt“, schielte sie mir zu. „Ich will nicht neugierig sein, aber ich hörte, dass den beiden im Glashaus die 1 und die 5 fehlen. Sind Sie der Würfelwerfer?“ „Nein, das bin ich nicht, aber ich kenne den Würfelwerfer. Er ist mein Bruder.“ „Ihr Bruder? Aber warum sitzen Sie hier an diesem öden Ort?“ „Dies ist für mich der beste Ort. Alle Dinge, die geschehen, kommen hier einmal vorbei, auch die längst vergangenen. Man nennt diesen Ort den Ort der unendlichen geraden Linie. Und was unendlich ist, kommt auch wieder einmal an denselben Ort zurück. Das musst du doch in deiner Welt einmal gelernt haben, oder?“ „Doch, stimmt, ich erinnere mich daran“, antwortete ich. „Der Name meines Bruders ist, wie gesagt, Würfelwerfer. Mein Name ist Endlos-Warten-Können.“ „Das ist doch ein viel zu langer Name“, sagte ich und musste dabei ein bisschen lachen. Darauf lachte auch er. „Aber, Herr Endlos, wie konnten Sie wissen, dass den zwei Mördern, die ich im Glashaus traf, die Zahlen 1 und 5 fehlen?“ „Nun, das ist einfach zu beantworten. Alles, was zwischen Menschen geschieht, schreibt sich hier ein. Siehst du die vielen behauenen Felsblöcke, die links und rechts vom Weg liegen? Es sind Bücher, in denen alles aufgeschrieben wird, was auf der Welt geschieht und einmal geschehen ist.“ „Aber man kann die Steine doch nicht wie Bücher öffnen“, erwiderte ich. „Nein, das kann man nicht, aber bei Vollmond werden die Steine durchlässig und strahlen ihren Inhalt zu den Sternen. Dort bleibt er für ewig aufbewahrt. Und wer lesen kann, der lese in diesem Buch.“ „So ein Buch wäre mir zu schwer. So etwas ist für Menschen wie mich unerreichbar.“ „Das magst du heute meinen, aber was in der Zukunft möglich ist, kann man gegenwärtig noch nicht wissen“, gab der kleine Mann zur Antwort. „Gehe jetzt zu meinem Bruder. Ich bleibe hier auf meinem Posten.“ „Ich habe eine Bitte, bevor ich gehe: Können Sie mir die 1 und die 5 mitgeben, sodass ich die fehlenden Zahlen auf meinem Rückweg den zwei Mördern bringen kann? Haben sie nicht ihre gerechte Strafe nach hundert Jahren beglichen? Und können Sie mir auch sagen, wie es mit der Glasfrau weitergehen soll? Gibt es denn keine Erlösung für alle drei?“ „Doch, die gibt es. Aber die Gerechtigkeit muss walten. Und die Antworten auf diese Fragen kann nur mein Bruder dir geben. In den Steinen, die du hier siehst, steht nur aufgeschrieben, was wirklich geschehen ist und sonst nichts. Mein Bruder liest alles genau und bildet sich ein Urteil. Die Mondfrau aus dem Seelenland hat dir sicher einiges dazu erzählt, oder?“ „Ja, doch, wie die Steinmenschen entstanden sind und dass eine Steinfrau eines Tages unerlaubt im Fluss des Würfelwerfers gebadet hat. Aber warum der Würfelwerfer deshalb so zornig wurde, das verstehe ich nicht so recht.“
„Eigentlich sollte ich dir das nicht erzählen, aber weil du so nachfragst und dein Mitleid mich berührt, will ich dir davon berichten.
Im Land meines Bruders, am Rande des großen Abgrundes, läuft ein glitzernder Fluss. Es ist ein Ort, wo die Sonne nie untergeht. Das Flussbett ist bedeckt mit den schönsten Edelsteinen, die man sich denken kann. Man kann sie watend im Fluss auf dem Grund liegen sehen. Gar mancher Reisende wollte sich mit diesen Edelsteinen schmücken. Mein Bruder ist großzügig und hat es ab und zu erlaubt. Vor langer Zeit aber wollte eine Steinfrau, der es gelungen war, den Abgrund zu überwinden, auch im Fluss baden. Zunächst war mein Bruder wegen ihres groben Körperbaus, der die schönen Steine zerschmettern könnte, nicht einverstanden. Aber mein Bruder zeigte Respekt für die Mühe, die sie unternommen hatte, den Abgrund hinter sich zu lassen, und willigte unter einer Bedingung ein: ‚Baden darfst du, aber die Edelsteine lässt du in Ruhe. Keinen einzigen darfst du aufheben. Und sei vorsichtig, wo du hintrittst!‘ Sie versprach es. Aber als sie sich einen Moment unbeobachtet fühlte, tauchte sie kurz unter, grapschte schnell einige Edelsteine vom Boden und steckte sie in eine Tasche. Sie wollte sich heimlich damit schmücken. Was die Steinfrau aber nicht wusste, war, dass der Fluss an jedem Ende des Tages mit dem Würfelwerfer besprach, was an diesem Tag vorgefallen war. So erfuhr er, was geschehen war. Darauf zürnte er der Steinfrau und verbannte sie in das Glashaus, wo sie zu Glas wurde. Seitdem sitzt sie dort fest und muss immer die gleichen Dinge sagen und die gleichen Antworten auf Fragen geben, wenn ein Reisender vorbeikommt.“ „Und das muss sie jetzt in alle Ewigkeit tun?“, fragte ich. „Ja – es sei denn, jemand hilft ihr, sich zu befreien.“ „Das werde ich versuchen, wenn ich wieder zurückkehre.“ „Bedenke aber“, sagte der kleine Mann, „es ist nicht selbstverständlich, dass du wieder denselben Weg zurückfindest.“ „Und warum sollte ich den selben Weg nicht zurückfinden?“
„Das liegt an der Begegnung mit meinem Bruder. Aber jetzt geh! Meinen Segen hast du.“
Und so machte ich mich auf den Weg. Zunächst folgte ich dem langen, schmalen Weg mit den seltsam geformten Steinblöcken. Ich weiß nicht, wie lange ich gegangen bin, aber plötzlich wurde es dunkler um mich herum und nur das Licht des Mondes beleuchtete den Weg. Links und rechts tauchten zwei riesige Fenster auf. Zu beiden führte eine Steintreppe hoch. Sollte ich die Treppe erklimmen? Meine Neugier war stärker als meine Unsicherheit. Ich wählte die linke Treppe. Oben angekommen, sah ich zu meinem Erstaunen Menschen hin- und hergehen und sich in merkwürdigen Fahrzeugen fortbewegen. Ich sah sie in fabrikähnlichen Gebäuden arbeiten. Inmitten dieser Welt stand eine riesige Maschine. Die Maschine produzierte durch viele Rohre Worte, Sätze, Ausrufe, zornige Wortbildungen und Drohungen – zu viele, um sie alle zu benennen. Wie Dampfschwaden schwirrten diese Worte in die Luft. Ich sah Menschen diese Dampfschwaden einatmen. Neben der Maschine, oder besser gesagt, um die Maschine herum, bewegte sich träge eine Gestalt von seltsamer Form und Ausdruck. Ihr schraubenartig gedrehter Leib war wie aus Lava geformt. Die Gesichtszüge hatten einen zynischen Ausdruck. Bitterkeit lag um die Mundwinkel. Irgendwie schien sie die Maschine am Laufen zu halten. Als ich mich etwas weiter über den Rand des Fensters hinausbeugte, fühlte ich einen eiskalten Wind an meinem Gesicht vorüberziehen. Kälte kroch in mich hinein. Schnell zog ich meinen Kopf zurück und verließ die Treppe. Auf der anderen Seite sah ich wieder in eine Welt hinein, die der meinen ähnelte. Ich sah Menschen wild umher rennen. Dabei riefen sie immer wieder: „Körper, Körper!“ Sie hielten sich gemeinsam an den Händen fest und versuchten, einen Spalt in der Erde zu überspringen, was ihnen aber nicht gelang. Im letzten Moment schienen sie vor etwas zurückzuschrecken. Ich ging die Treppe wieder herunter und wusste zunächst nicht, wie ich weitergehen sollte. Ich fühlte mich wie benommen, spürte, wie eine bleierne Müdigkeit mich überfiel. War das alles Zauberei? Eine Wanderung durch ein Zauberland? Ich wollte mich hinsetzen und ein bisschen ausruhen. Da hörte ich die Stimme meines Vogels: „Wach auf, schlafe nicht ein!“, rief er mir zu. Ich drehte mich in die Richtung, aus der ich seine Stimme zu hören meinte, sah ihn aber nicht. „Ich weiß nicht, wo du bist, lieber Vogel, aber ich höre dich.“ Da verließ ich sofort den Ort.


Nicht lange danach begann es zu schneien. Der Schnee beruhigte mich. Als ich hinaufblickte, sah ich zwischen den fallenden Schneeflocken den mit Sternen übersäten Himmel. Auch der Mond war zu sehen. Ich kam zu einer Hütte. Eine Frau trat heraus und lud mich ein, hereinzukommen. „Kommst du aus der anderen Welt?“, fragte sie freundlich. „Ja, das tue ich.“ „Wird deine Welt noch lange bestehen?“, fragte sie weiter. „O ja, das hoffe ich doch“, antwortete ich. „Ruhe dich erst mal aus. Morgen werde ich dich zum Würfelwerfer bringen. Heute Nacht kannst du bei mir bleiben.“ In der Hütte stand noch ein Bett, auf das ich mich zur Ruhe legen konnte. Ich weiß nicht, ob ich wirklich geschlafen habe, aber gegen Morgen weckte mich die Frau. „Komm, wir gehen jetzt. Zieh diese dicke Jacke an.“ Vor uns lag eine von Schnee bedeckte Fläche. Die Sonne stand niedrig am Horizont. Bis jetzt hatten wir wenig miteinander gesprochen. „Ist es noch weit?“, fragte ich die Frau. „Nein, nicht mehr lange. Wenn du das Geräusch eines Flusses hörst, sind wir fast da.“ Kurz danach hörte ich es. Vor mir erschien ein mächtiges Gebäude, das aus riesigen Kristallen zusammengebaut war. Es glitzerte im Sonnenlicht in alle Richtungen. „Bleib hier stehen“, sagte die Frau. Dann rief sie etwas, das ich nicht richtig verstehen konnte, und im selben Augenblick bewegte sich das Kristallgebäude und eine Stimme sprach zu mir: „Bist du das Vogelmädchen?“ „Ja, das bin ich.“ „Was hast du alles auf deiner Wanderung erlebt?“, fragte die Stimme. „Ich habe Ihren Bruder getroffen, der mir sagte, dass Sie die Schicksalsknoten lösen können, an denen die Frau aus Glas und die zwei Mörder leiden. Sie tun mir leid und ich würde ihnen gerne helfen.“ „Wen hast du noch getroffen außer den dreien?“ „Die bösen Männer an der Wegsperre, die Mondfrau und die Steinmenschen. Am Anfang meiner Reise bin ich einer Staubwolke begegnet. Sie drehte sich heftig um ihre Achse, als sie erfuhr, dass ich zu Ihnen will.“ „Weißt du es denn selber, warum du zu mir gekommen bist?“ „Der Vogel hat zu mir gesprochen. Da konnte ich nicht anders, als seiner Stimme zu folgen.“ „Daran hast du recht getan“, antwortete er. Dann schwieg die Stimme. Ich fragte leise die schöne Frau neben mir: „Werden wir nicht in sein Haus eingeladen?“ Sie lächelte. „Warte noch ein bisschen“, sagte sie. Obwohl ich flüsterte, hatte der Würfelwerfer verstanden, was ich gesagt hatte. „Nein, mein Haus kannst du nicht betreten. Du würdest durch die Helligkeit sterben. Geh deinen Weg wieder zurück. Deine Begleiterin wird dir eine kleine Laterne für die Rückreise mitgeben. Ich erkenne dein Mitgefühl für die Menschen, die du getroffen hast. Und obwohl sie ihre gerechte Strafe durchleben müssen, will ich dir zuliebe Gnade walten lassen.“ Ich merkte, dass der Würfelwerfer das Gespräch beenden wollte. „Ehe ich gehe, will ich Ihnen noch eine Frage stellen.“ „Eine Frage darfst du stellen.“ „Wenn Sie der Würfelwerfer sind, womit würfeln Sie dann?“ Sofort kam die Antwort: „Wir würfeln mit menschlichen und göttlichen Gedanken. Alles nach Maß und fester Ordnung. Nach Ursache und Folge.“ Beim letzten Wort verschwand das Kristallgebäude und um uns herum breitete sich ein winterlicher Nebel aus.
„Komm, wir gehen zurück zur Hütte“, sagte die Frau. In der Hütte holte sie aus einem Schrank eine kleine Laterne. Darin befanden sich drei glitzernde Steine. „Die Steine kommen aus dem Fluss des Würfelwerfers“, sagte sie. „Die Laterne wird dich auf deinem Rückweg begleiten und dich beschützen. Gehe jetzt, mein Kind!“ Eigentlich hätte ich sie noch fragen wollen, wer sie denn ist, aber dafür war es jetzt zu spät.
Schon war ich auf demselben Weg zurück und befand mich bald in der Nähe der Fenster. Dieselbe Dunkelheit lag über dem Ort, genau wie auf dem Hinweg. Zu meiner Überraschung sah ich erst jetzt, dass sich an der Seite der beiden Steintreppen ein Türchen befand. Konnte man durch das Türchen in deren Welt eintreten? Ich merkte, wie ich zögerte. Ich fürchtete mich – ehrlich gesagt – auch ein bisschen. In dem Moment fing die Lampe an zu leuchten. Ich öffnete das Türchen und ein schmaler Gang führte mich zu einem großen Platz. Diesmal sah es etwas anders aus als beim ersten Mal. Die Fabrikgebäude standen mehr im Hintergrund. Direkt vor mir sah ich riesige Türme mit offenen Fenstern. Schlafende Menschen lagen auf Pritschen. Eine seltsame Stille lag über dem Platz. Plötzlich fühlte ich mich von vielen Augen angeschaut. Meine Lampe leuchtete hell auf und beleuchtete den ganzen Platz. Dann sah ich, wie hinter einem der Türme die Figur aus Lava mich hasserfüllt anstarrte. Sie trat näher heran, aber überschritt nicht den Lichtkreis meiner Lampe. „Warum störst du meine Welt?“ Seine Stimme klang mächtig. Er nahm einen Stein in seine Hand und presste, als Zeichen seiner Kraft, Staub heraus. „Du hast die Menschen einschlafen lassen, und kein Wesen, das Flügel trägt, findet das gerecht“, antwortete ich ihm. Über meine Antwort lachte er zynisch: „Das wollen sie selber so!“ „Nein!“, antwortete ich, „sie haben die Maschine gebaut und damit die Luft verpestet.“ Durch unser Gespräch waren einige Menschen in den unteren Etagen der Türme aufgewacht. Sie schauten zu mir herüber. Sofort versteckte sich die Gestalt. „Wer bist du?“, fragte einer der Menschen. „Ich bin das Mädchen, das vom Vogel geweckt wurde. Ich habe gesehen, wie ihr gezwungen werdet, Luft zu atmen, die todbringend ist.“ „Tut sie das? Wir kennen nichts anderes. Der Maschinenmensch hat uns gesagt, dass wir dadurch nicht krank werden.“ „Er lügt, und das ist seine Art, euch an Dinge glauben zu lassen, die es nicht gibt. Hier ist ein Stein aus meiner Laterne. Er wird immer leuchten und euch helfen, dem Herrn der Maschine zu widerstehen und ihm ins Gesicht zu schauen. Das ist, was er nicht mag. Wenn er sich entlarvt fühlt, wird er gezwungen sein, die Maschine zu stoppen. Der blaue Himmel wird zurückkehren und die Welt um eure Türme wieder grün. Es wird gewiss Zeit brauchen, aber hütet die kleine Flamme, die von dem leuchtenden Stein ausgeht. Vergesst nicht, ein Gehäuse um sie zu bauen!“ Einer der Menschen nahm den Stein in Empfang und dankte mir.
„Danke nicht mir, sondern dem Würfelwerfer, der ihn mir gegeben hat. Der Stein stammt aus dem goldenen Fluss, der hinter seinem Haus fließt. Jetzt muss ich wieder gehen.“
Ich schloss das Türchen hinter mir und lief zur anderen Seite. Die andere Seite hatte einen ähnlichen Eingang. Als ich eintraf, wurde ich überwältigt von dem Lärm, der mir entgegenscholl. „Er kommt, er kommt!“, hörte ich die Menschenmenge rufen. „Wer kommt?“, fragte ich jemanden, der neben mir stand. „Der Prophet kommt. Er wird den Spalt schließen und wir werden gemeinsam hinübergehen können.“ „Wo wollt ihr denn hin?“ „Zum Tal des ewigen Lebens. Wo unser Körper nicht länger dem Tod geweiht ist.“ Inmitten der Menschenmasse erschien eine große Gestalt. Sie hatte etwas Elektrisierendes um sich. Kleine Fünkchen sprangen von ihrem Mantel ab. Man konnte fast hören, wie es knisterte. Die Menge rief im Chor: „Schließe den Spalt! Schließe den Spalt!“ Unwillkürlich fiel ein Teil meines Mantels herunter und machte damit die Lampe sichtbar. Als ob der Blitz eingeschlagen hätte, so heftig reagierte die Gestalt und rief mit lauter Stimme: „Was machst du hier?“ Das ganze Getöse erstarrte im selben Moment und alle Menschen um mich herum standen bewegungslos da. Wie am Boden festgeklebt. Auch ihre Gesichter bewegten sich nicht mehr. „Ich bin das Mädchen, das vom Vogel geweckt wurde.“ „Wie konntest du in mein Reich eindringen?“ „Ich fand das Türchen offen.“ „Wer hat dir diese Lampe gegeben?“, fragte er. „Der Würfelwerfer.“ „Warst du in seinem Haus?“ „Nein, aber ich habe seine Stimme gehört.“ „Worüber habt ihr geredet?“ „Über meinen Weg, den ich gegangen bin.“ „Du hast mich gestört in meinen Absichten“, sagte er und schaute mich dabei bedrohlich an. „Sie tun nicht recht daran, die Menschen glauben zu lassen, dass Leben und Tod nicht zusammengehören!“ „Du hast dein Wort gesprochen“, antwortete er barsch. „Darauf werden Taten folgen.“ Und mit einem hasserfüllten Gesicht drehte er sich um und verschwand. Im selben Moment wachte die Menge auf, und als die Menschen sahen, dass er nicht mehr da war, riefen sie laut: „Wer ist daran schuld?“


Schnell deckte ich meine Lampe zu und verschwand durch das Türchen wieder nach draußen. Ich fühlte mich wie ein Dieb, der sich davongeschlichen hat. Ich wollte dieses Erlebnis unbedingt mit dem Bruder des Würfelwerfers besprechen, falls ich ihn wieder treffen sollte. Nicht lange danach traf ich ihn wieder. „Dass du den Weg zurückgefunden hast, spricht für deinen Mut“, sagte er. Ich erzählte ihm von meinem Besuch an den beiden Fensterorten. „Ja“, sagte er, „die werden noch lange bestehen. Mit meinem Bruder habe ich oft darüber gesprochen. Die eine Seite macht den Menschen stumpf und träge, die andere Seite lässt den Menschen sich in Illusionen verlieren.“ Dann holte er aus seiner Weste eine Uhr hervor, schaute darauf und sagte: „Es wird bald Zeit, dass du wieder in deine Welt zurückkehrst.“ „Ja, aber vorher will ich noch die Glasfrau besuchen und die zwei Mörder. Vielleicht kann ich den beiden helfen, den richtigen Satz zu finden.“ „Hier, mein Kind, ich gebe dir eine weiße Kreide mit, damit kannst du auf deren Würfel die 1 und die 5 schreiben. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen. Du darfst ihnen helfen, hat er gesagt. Geh jetzt und beeile dich. Nachdem du dein Vorhaben erledigt hast, gehst du ins Wohnzimmer des Glashauses, stellst dich vor den großen Spiegel und sprichst: ‚Ich bin das Vogelmädchen‘, und schneller als das Licht wirst du wieder in dein Bett zurückkehren.“ Im Nu war ich im Glashaus. Da nahm ich die Frau aus Glas zur Seite und drückte ihr einen Stein in die Hand. „Oh, wie wird mir warm!“, sagte sie. „Kann ich jetzt diesen Ort wieder verlassen?“ „Ja, das kannst du. Und zeige auch deinem Sohn diesen Stein. Er wird Licht bringen in eure Welt.“ Die Glasfrau verließ sofort das Glashaus. Die zwei Mörder schauten mich bittend an, hoffend, dass ich auch etwas für sie habe. „Zeigt mir eure Würfel!“ Sie legten sie auf den Tisch. Auf die zwei leeren Stellen schrieb ich mit der Kreide die 1 und die 5. „Nun würfelt!“ Und aus den beiden Würfeln rollte der Satz: „IHR SEID FREI!“ „Vielen, vielen Dank“, sagten sie. Sie küssten dem Mädchen die Hand und machten sich davon. Und ich? Ich stellte mich vor den Spiegel und sprach: "Ich bin das Vogelmädchen" und schlug mit einem scharfen Stein den Spiegel in Scherben.
Sowohl der Text als auch die Bilder wurden uns von Robert Hogervorst freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Alle Rechte verbleiben ausdrücklich bei ihm! Mehr über den Künstler finden Sie unter www.arthogervorst.com