WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Die Röhre des Ostens

Vor 30 Jahren ist Tamara Danz gestorben und noch immer unvergessen. Obwohl selbst Wessi und obwohl er sie erst nach der Wende live gesehen hat, bleibt die Rocksängerin für unseren Autor eine der ganz Großen!

MUSIK

Ronald Toplak

7/24/20263 min read

Vor 30 Jahren ist Tamara Danz gestorben. Hier ein altes Foto aus dem Silly-Archiv, gemeinsam mit ihrer damaligen Band. Der 22. Juli 1996. Ein Datum, das man sich nicht merken muss. Es setzt sich fest, irgendwo zwischen Rippen und Erinnerung, und meldet sich jedes Jahr wieder. Diesmal lauter als sonst.

Tamara Danz ist tot. Und trotzdem, während ich das schreibe, ist sie so lebendig, dass ich mich frage, ob "tot" überhaupt das richtige Wort ist für jemanden, dessen Stimme noch immer durch die Boxen kriecht wie Rauch durch eine Ritze. Man kriegt sie nicht raus. MAN! WILL! ES! AUCH! GAR! NICHT!

Ich habe sie geliebt. Man muss das so direkt sagen, sonst wird es unehrlich. Vielleicht war ich sogar verliebt. Aber wer war das nicht, bei einer Frau, die auf der Bühne stand wie ein Fanal und gleichzeitig aussah, als würde sie jeden Moment loslachen über den ganzen Ernst der Welt. Ich hatte Platten von Silly. Natürlich hatte ich die. Wir West-Berliner hatten sowieso ein anderes Verhältnis zu Bands aus dem Osten. Wir lebten ja mittendrin, eingeschlossen von einem Beton-Ungetüm, das Tamara genauso nervte wie uns. Die Mauer machte keinen Unterschied zwischen Ost und West, wenn es ums Ersticken ging. Ihre Musik, ihre Texte, die sprachen auch uns aus der Seele, obwohl wir offiziell auf der anderen Seite standen. Als hätte sie über die Mauer hinweg direkt zu uns gesungen, ohne Visum, ohne Kontrolle.

Live gesehen habe ich sie vor der Wende nie. Ungewöhnlich für einen wie mich, der sonst an jeder Bühne klebte, die Musik machte. Aber dann kam der Mauerfall. Endlich. Und drei Tage später das legendäre "Konzert für Berlin" in der Deutschlandhalle, spontan aus dem Boden gestampft, weil die Zeit keine Planung mehr zuließ, nur noch Explosion. Elf Stunden. Zwanzig Bands. Emotionen, die durch die Halle schwappten wie eine Welle, die man nicht mehr zurückhalten konnte. So etwas habe ich danach nie wieder erlebt. Ich kenne niemanden aus meinem Umfeld, der nicht dort war. Es war, als hätte sich ganz Berlin an einem einzigen Ort verabredet, ohne dass es jemand ausgesprochen hätte. Und dann Silly. Tamara.

Ikonisch, ihre Bühnenansprache. Gemeinsam mit dem West-Berliner Moderator Steffen Simon wandte sie sich an eine Menge, die eigentlich nur schreien und jubeln wollte. Sie aber teilte etwas anderes: Skepsis. Genau wie acht Tage zuvor auf dem Alexanderplatz, wo sie gesagt hatte, "Wir haben Demokratie nicht gelernt", ein Satz, scharf wie eine Klinge mitten im Freudentaumel, mahnte sie auch hier, dass der plötzliche Umbruch die Menschen vor Aufgaben stellt, die niemand ihnen vorher erklärt hatte. Kein Fest ohne Preis. Keine Freiheit ohne Fallhöhe.

Dann leitete sie über zu "Alles wird besser". Der Titel als Wunsch. Und gleichzeitig als Frage, gestellt an eine ganze deutsch-deutsche Jugend, die sich gerade in die Arme fiel. Der Song wirkte wie eine kalte Dusche mitten im Freudenfeuer. Während die Welt sich im Rausch der offenen Grenzen suhlte, sang Tamara, dass die bloße Übernahme des westlichen Lebensstils die eigentlichen Probleme - die menschlichen, die gesellschaftlichen, die ökologischen - überhaupt nicht lösen würde. "Alles wird besser." Und plötzlich, wie ein Fausthieb: "Aber nichts wird gut."

Ich habe gesehen, wie sich in der Halle bei diesen Zeilen die Euphorie streckenweise in betroffenes Schweigen verwandelte. Ein kollektives Innehalten. Die Menschen spürten sofort: Das hier war keine hohle Party-Hymne. Das war eine Warnung, gesungen von einer Frau, die nie ein Blatt vor den Mund nahm. Nicht vor der DDR-Zensur, und erst recht nicht vor dem schnellen Applaus des Westens. Während etwa Die Toten Hosen, BAP, Joe Cocker, Nina Hagen, Marius-Müller Westernhagen, Pankow, Puhdys, die Zöllner oder Udo Lindenberg die Deutschlandhalle zum Kochen brachten, sorgte Silly für den Tiefgang. Für den Moment, in dem man kurz aufhörte zu jubeln und anfing nachzudenken. So war sie. Eine Rockpoetin, die sich nicht verbiegen ließ. Von niemandem.

Heute, 30 Jahre nach ihrem Tod, hallen ihre Worte lauter denn je. Nicht nur bei den "verlorenen Kindern" in den Straßen von Berlin, die längst wieder suchen, was ihnen versprochen wurde und nie ganz eingelöst wurde. Ich lege das Album "Februar" auf. Auf der allerersten Amiga-Schallplatte fehlte der Song "Alles wird besser" übrigens auch wegen damaliger Zensur-Diskussionen. Auf Vinyl-Wiederauflagen ist er drauf. Die Nadel ächzt in die Rille, es knarzt bedenklich, und da ist sie wieder, diese Stimme, rau und warm zugleich, wie ein Kaminfeuer im Novemberregen.

"Alles wird besser. Aber nichts wird gut."

Ein Satz mit fast prophetischem Charakter, wenn ich mir die Stimmung im Land heute ansehe. Wir hätten ihr besser zuhören sollen. Hoffentlich hören wir noch. Es ist ja nicht zu spät - nur später, als es hätte sein müssen.

Tamara Danz ist seit 30 Jahren tot. Und ihre Stimme? Die schweigt einfach nicht. Sie denkt gar nicht daran.