WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Ein Flugzeug verschwindet, die Wahrheit gleich mit

Signaturen der Stille. Der zweite Teil von Silent Skies. Sam Thornes neuer Politthriller nimmt sich das ungelöste Rätsel um MH370 vor – und das geht ordentlich unter die Haut.

BUCHKRITIK

Karl-Heinz Hüning

7/8/20268 min read

Es gibt Bücher, die kommen, tun ihre Pflicht und verschwinden wieder. Und es gibt Bücher wie „Signaturen der Stille“, die bleiben, weil sie einem keine Ruhe lassen.

Sam Thorne ist übrigens ein Pseudonym. Mann oder Frau, das verrät die Person bis heute nicht, obwohl inzwischen zwei dicke Bände unter diesem Namen erschienen sind. Bei Kim Koplin und „Die Toten von morgen“ wussten wir das ja schon von dieser Stelle. Scheint mittlerweile Mode zu sein unter den guten Thriller-Leuten hierzulande.

Worum geht's? Mit dem zweiten Band der Silent-Skies-Reihe hat Thorne einen weiteren Luftfahrt-Thriller vorgelegt. Hier geht es um MH370. Die Boeing 777 der Malaysian Airlines, die am 8. März 2014 mit 239 Menschen an Bord spurlos vom Radar verschwand und bis heute nicht gefunden wurde. Kein Wrack, keine Flugschreiber, keine Erklärung, die wirklich hält. Genau da steigt Thorne ein.

Wer Band eins kennt, die Geschichte um den fiktiven Germanair-Absturz in den Alpen, unschwer als Anspielung auf die echte Germanwings-Katastrophe erkennbar, weiß, wie Thorne tickt: knapp, kühl, genau. Band zwei zieht noch mal an.

Im Zentrum: Sophie Thalberg, Investigativ-Journalistin mit dem schönen Decknamen Shadow, und Till Gorny, ehemaliger Geheimdienstler, der eigentlich mit dem Geschäft abgeschlossen hatte und jetzt doch wieder reingezogen wird. Dazu Florentine de Passy, eine französische Journalistin, spürbar der echten Florence de Changy, einer Le Monde Korrespondentin in Hongkong, nachempfunden – Thorne schreibt das im Vorwort selbst so hin, kein Versteckspiel.

Auf der Gegenseite ein Apparat mit dem schönen Decknamen Blue Harvest. Keine Bösewichte im klassischen Sinne, eher Beamte, die ihren Job machen. Das ist fast das Gruseligste am ganzen Buch.

Und dann ist da noch Marlene Sutter, CIA-Frau in Bangkok, die mit stoischer Ruhe die Karriereleiter hochklettert. Wenn die eine Entscheidung trifft, merkt man das nicht an großen Reden, sondern daran, wie sie ihr Glas auf den Tisch zurückstellt. Kleine Geste, große Wirkung. So funktioniert das ganze Buch.

Manche werden jetzt an le Carré denken. Stimmt schon ein bisschen. Nur ist Thorne härter, moderner, weniger Gentleman. Stilistisch bewegt er sich zwischen le Carré und John J. Nance, mit einem Schuss geopolitischer Breite, wie man sie von Tom Clancy kennt. Kurze Sätze, wenn es hart auf hart kommt. Lange, wenn Zeit bleibt zu atmen. Kein Wort zu viel, was man von den meisten Thrillern, die derzeit auf den Markt geworfen werden, nicht behaupten kann.

Was mich am meisten überzeugt hat: die Wut, die unter der Prosa brodelt, ohne je zu predigen. Thorne klagt nicht an. Es wird gezeigt, wie es funktioniert, wenn eine bequeme Erklärung zur endgültigen wird, weil niemand mehr genau hinsehen will.

Bemerkenswert ist das Vorwort. Bevor überhaupt die erste Szene losgeht, erklärt Thorne, mit welchem Recht ein Roman sich an einem echten, ungelösten Unglück mit echten Toten bedienen darf. Keine Ausrede, sondern eine Liste: Iran-Contra, MKULTRA, das gefälschte Brutkasten-Zeugnis von Hill & Knowlton, die Lüge von den irakischen Massenvernichtungswaffen, die NSA-Sache, die Snowden aufgedeckt hat. Alles Fälle, in denen die offizielle Version am Ende nicht gehalten hat. Und dann der eine Satz, der hängen bleibt:

„Ich sage nicht: Es war so. Ich sage: Es hätte so sein können.“

Das Buch ist den 239 Passagieren und Besatzungsmitgliedern gewidmet, im Anhang gibt's zwei erfundene Zeitungsartikel, und im Vorwort nennt Thorne die echte Anwältin Grace Nathan und ihre Angehörigen-Initiative Voice370 beim Namen.

Ja, manche Kapitel mit Satelliten-Handshake-Daten und Funkprotokollen sind für einen ungeduldigen Leser kein Zuckerschlecken. Aber genau das macht das Buch glaubwürdig. Wer Genauigkeit will statt schneller Effekthascherei, der ist hier genau richtig.

Mein Fazit: Hammerbuch. Lesen. Und künftig offizielle Pressekonferenzen zu Flugzeugkatastrophen nicht mehr auf Anhieb für bare Münze nehmen.

Sam Thorne: Silent Skies II – Signaturen der Stille. Roman. Erhältlich über www.silent-skies.de und den Buchhandel, ISBN 978-3-695-63132-2, 594 Seiten, Paperback.

Die Wahrheit fliegt selten First Class

Ein Café, irgendwo in Berlin, das nicht genannt werden soll. Sam Thorne bestellt einen Kaffee, schwarz, mit Zucker. Die letzte Ehrlichkeit, heißt es, die man sich noch leiste. Der Rest des Gesprächs beweist das Gegenteil. Oder auch nicht.

WAGNER-JOURNAL: Sam Thorne, fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Niemand kennt Ihr Gesicht, niemand kennt Ihren Namen, nicht einmal Ihr Geschlecht. Warum dieser Aufwand?

SAM THORNE: Kein Aufwand. Eher eine Bedingung. Mann, Frau, beides, keins von beiden — suchen Sie sich etwas aus, ich lege mich nicht fest. Ich schreibe über Dinge, die manche Leute lieber vergessen sehen würden. Da hilft es, auch selber schwer greifbar zu sein.

WAGNER-JOURNAL: Ihr neuer Roman, „Signaturen der Stille“, ist der zweite Band der Silent-Skies-Reihe. Der Titel ist fast poetisch für ein Genre, das sonst mit Explosionen wirbt.

SAM THORNE: Stille ist keine Abwesenheit. Sie ist eine Entscheidung. Ein Absturz selbst ist alles andere als still, der Einschlag ist kilometerweit zu hören, jedes Mal. Aber fast im gleichen Atemzug kommt die Stille danach, inklusive dem Ausbleiben von Antworten. Bei einer Boeing 777, die von den Radarschirmen verschwindet, ist diese Stille die eigentliche Katastrophe. Niemand erklärt etwas, weil niemand etwas erklären kann, oder will. Und dann ist da das Wort selbst: Signatur, aus dem Lateinischen, signatura, signum, Zeichen. Auch ein Schweigen ist eines. Vielleicht das deutlichste von allen. Das, mehr als jede Verfolgungsjagd, ist die eigentliche Handlung meines Buches.

WAGNER-JOURNAL: Band eins erschien im September letzten Jahres, mit spürbarem Bezug zu einer realen Flugzeugtragödie. Wie geht man literarisch mit einem Thema um, das für viele Menschen noch immer ein offener Schmerz ist?

SAM THORNE: Vorsichtig. Und genau. Ich erfinde keine Opfer. Ich erfinde auch keine Mechanismen, ich beschreibe die, die es gibt, die angewendet wurden. Band eins hat mit der Germanwings-Katastrophe zu tun. Ein Airbus A320, der in den französischen Alpen zerschellte, jedes Wrackteil geborgen, jede technische Frage beantwortbar. Und trotzdem wurde binnen 48 Stunden und bevor überhaupt irgendetwas konkret untersucht war ein Copilot zum Mörder erklärt, ohne Prozess, ohne Urteil. Der Begriff klebt bis heute an seinem Namen. Die Ermittlungsakten, die französischen wie die deutschen, belegen das in dieser Eindeutigkeit gerade nicht. Eher das Gegenteil. Die Fiktion beginnt erst bei den Personen, die aus diesem Mechanismus etwas für sich machen.

WAGNER-JOURNAL: Ihre Protagonistin heißt Sophie Thalberg. Eine Journalistin, keine Geheimagentin. Warum diese Wahl?

SAM THORNE: Weil Journalisten die Einzigen sind, die noch fragen dürfen, ohne eine Uniform zu tragen. Sophie hat keine Lizenz zum Töten. Sie hat etwas Gefährlicheres: eine Lizenz zum Nachfragen.

WAGNER-JOURNAL: Neben ihr steht Till Gorny, mit dem Codenamen Falcon. Ein Mann mit Vergangenheit.

SAM THORNE: Jeder in diesem Buch hat eine Vergangenheit. Manche tragen sie wie einen Mantel. Till trägt sie wie eine Wunde, die nicht schließen darf, weil sie ihn ehrlich hält.

WAGNER-JOURNAL: Ein zentraler Schauplatz ist die Villa Falcon am Genfersee. Eine der beiden Leseproben, die auf Ihrer Website stehen, spielt genau dort.

SAM THORNE: Genf ist die Schweiz, die niemand in den Reisekatalogen zeigt. Hohe Mauern, höfliche Sicherheitsleute, und Menschen, die Entscheidungen treffen, für die andere sterben. Die Villa ist kein Ort. Sie ist ein Prinzip mit Seeblick.

WAGNER-JOURNAL: Die zweite Leseprobe führt in ein Kontrollzentrum der CIA. Woher kommt Ihre Kenntnis solcher Räume?

SAM THORNE: Aus persönlichen Kontakten. Aus Berichten, aus Akten, aus Gesprächen, die man nicht zitieren darf. Und, ja, auch aus eigener Anschauung. Solche Räume habe ich im Lauf der journalistischen Arbeit selbst aufgesucht, mehr als einmal. Man muss nicht alles erfinden. Man muss nur wissen, wo man hinschauen darf.

WAGNER-JOURNAL: Sie sind selbst, über Jahrzehnte, verschiedene Flugzeugmuster geflogen. Wie viel davon steckt in den Cockpit-Szenen?

SAM THORNE: Genug, dass ein Pilot beim Lesen nicht die Augen verdreht. Die Kabine kennt jeder, der schon geflogen ist. Mich interessiert das Cockpit, der Ort, den kein Passagier je sieht, dort, wo eine Maschine tatsächlich geführt wird. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn dort etwas außerhalb der Norm geschieht, wenn Systeme ausfallen, der Funk zuerst. Das schreibe ich aus Erinnerung, nicht aus Wikipedia.

WAGNER-JOURNAL: Ihr Buch hat auch eine ausgeprägt medienkritische Ebene. PR-Maschinerien, die Narrative bauen, bevor die Fakten überhaupt feststehen.

SAM THORNE: Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Branchenkunde. Es gibt immer eine zivile Flugunfalluntersuchung. Die sucht Ursachen, damit sich ein Unfall nicht wiederholt, nicht Schuldige. Sobald foul play im Raum steht, kommt eine strafrechtliche Untersuchung dazu. Die sucht Täter, aber benannt und belangt werden sie selten. Da bleibt es dann oft an den Piloten hängen, vor allem, wenn sie tot sind und sich nicht mehr verteidigen können. Und dann gibt es noch etwas Drittes, das offiziell in keinem Verfahren vorkommt: die Suche nach der Wahrheit. Für die Angehörigen ist sie das einzige, das wirklich zählt. Vorantreiben kann sie eigentlich nur eine gut organisierte Angehörigen-Organisation, unterstützt von kritischen Journalisten, die das System Luftfahrt tatsächlich verstehen und die Zusammenhänge benennen, statt sie nachzubeten. Nach Germanwings wurde vielerorts die sogenannte Zwei-Personen-Regel im Cockpit eingeführt, aus Vorsicht, mehr nicht. Das ändert nichts an der eigentlichen Frage, wer am Ende wirklich zur Verantwortung gezogen wird, und wer nur den Kopf hinhalten muss.

WAGNER-JOURNAL: Bleiben wir bei MH370. Was ist an dem Fall bis heute ungeklärt?

SAM THORNE: Fast alles. Offiziell weiß man, dass die Maschine am 8. März 2014 den Kontakt verlor, dass sie laut Satelliten-Handshake-Daten von Inmarsat noch Stunden weiterflog, weit abseits der ursprünglichen Route. 2015 wurde ein einzelnes Wrackteil, ein Flaperon, auf Réunion angespült. Weitere Fragmente folgten, verstreut über den westlichen Indischen Ozean, aber kein Rumpf, keine Flugschreiber, kein Ort, an dem irgendjemand mit Sicherheit sagen kann: hier liegt sie. Eine der aufwendigsten Suchaktionen der Luftfahrtgeschichte, und am Ende ein Aktenzeichen ohne Antwort. Genau dieses offizielle Nichtwissen ist der Nährboden für meinen Roman.

WAGNER-JOURNAL: Man hört bei der Lektüre Anklänge an le Carré, an die Genauigkeit von John J. Nance, an die geopolitische Breite von Tom Clancy. Fühlen Sie sich in dieser Tradition?

SAM THORNE: Das sind gute Nachbarn. Le Carré wusste, dass die interessantesten Lügen die sind, die sich selbst glauben. Nance wusste, wie eine Maschine sich anhört, wenn sie stirbt. Ich wollte beides. Und noch etwas Drittes, das ich lieber nicht benenne.

WAGNER-JOURNAL: Ohne Spoiler zu verlangen — was dürfen die Leser inhaltlich erwarten, ohne dass ich Ihnen etwas verrate, das Sie mir übelnehmen?

SAM THORNE: Ein Airbus A320, der in den Alpen zerschellte, vollständig geborgen, und deren Absturz bis heute falsch erzählt wird. Eine zweite, eine Boeing 777, die über einer der am dichtesten überwachten Regionen der Erde spurlos verschwindet, Satelliten inklusive, und bis heute nicht gefunden wurde. Menschen in Genf, in Paris, in Washington und im Golf von Thailand, jeder mit einem Teil derselben Wahrheit, keiner mit dem ganzen Bild. Eine Frau, die näher an die Antwort kommt, als es für ihre Gesundheit ratsam ist. Und jemand, der beweisen muss, dass Loyalität keine Einbahnstraße ist. Mehr sage ich nicht. Sonst brauchen Sie das Buch nicht mehr, und ich brauche einen Anwalt.

WAGNER-JOURNAL: Ihr Pseudonym bleibt also weiterhin ein Rätsel.

SAM THORNE: Rätsel verkaufen sich besser als Antworten. Fragen Sie mich noch einmal, wenn Band drei da ist. Bis dahin bleibe ich die Person, die schwarzen Kaffee trinkt und nichts erklärt.

WAGNER-JOURNAL: Letzte Frage: Was passiert, wenn Leser das Buch zuschlagen, am Ende?

SAM THORNE: Ich hoffe, sie stellen sich eine unbequeme Frage. Wie oft haben Journalisten in den letzten Jahren einfach übernommen, was ihnen vorgesagt wurde, statt selbst nachzurecherchieren? Wie oft wurde eine bequeme Erklärung zur endgültigen, weil niemand mehr genau hinsehen wollte? Wenn danach jemand eine Nachrichtensendung oder einen Zeitungsartikel eine Spur skeptischer verfolgt, habe ich mehr erreicht als mit jedem Bestseller-Ranking.