WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Fussball-WM: Grüne Wiese? Curacao nur On The Rocks!
Schluss mit Rechenschiebern. Und Tabellen. Die Vorrunde der größten WM aller Zeiten ist zu Ende. 72 Spiele. Wahnsinn! Eines sticht heraus. Das 3:3 von Österreich gegen Algerien. Nachspielzeit: 2:3, 93. Minute, die Alpenrepublik ist raus. 3:3, 96. Minute, die Alpenrepublik ist drin. I werd narrisch! 1/16-Finale. K.O.-Runde. Last-Minute erfährt eine neue Definition. Dennoch haben mich vor allem die Exoten begeistert.
FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT
Ronald Toplak
6/29/20264 min read


Blue Curaçao. Zack. Ich bin wieder in den Achtzigern. Keine Party ohne das blaue Zeug. Keine Disko. Kein Vereinsfest. Blue Curaçao war damals ungefähr so allgegenwärtig wie Schulterpolster, Vokuhila und die Überzeugung, dass Trio musikalisch völlig unterschätzt wird.
Besonders beliebt: die „Grüne Wiese“. Blue Curaçao mit Orangensaft. Warum ein blaues Getränk plötzlich grün wurde, hat vermutlich bis heute niemand verstanden. Geschmeckt hat es trotzdem. Einmal deckten wir uns auf einer Busreise im Intershop damit ein. Transitstrecke. Damals. Als es noch Ost und West gab. Am Grenzübergang waren wir, formulieren wir es diplomatisch, bester Stimmung.
Die VoPo's dagegen bemühten sich um die gewohnte Strenge. Doch angesichts des ausgelassenen Teenie-Haufens wirkten sie ungefähr so erfolgreich wie Bademeister in der Sahara-Wüste. Nie habe ich verzweifeltere Gesichter bei einer Kontrolle erlebt. Warum ich das erzähle?
Weil Curaçao für mich jahrzehntelang genau das war: ein blauer Likör. Natürlich wusste ich, dass es irgendwo ein Land dieses Namens gab. Aber Hand aufs Herz: Wer hätte die kleine Karibikinsel damals auf der Landkarte gefunden? Ich - zugegeben - nicht. Dabei halte ich meine Allgemeinbildung eigentlich für ganz ordentlich. Heute weiß ich mehr. Curaçao ist eine 444 Quadratkilometer kleine Insel vor der Küste Venezuelas.
Zum Glück ist sie aufgrund der tektonischen Gegebenheiten vom verheerenden Erdbeben im nur 65 Kilometer entfernten Nachbarland verschont geblieben. Die historischen, familiären und wirtschaftlichen Bande zwischen den beiden Regionen sind eng. Momentan fungiert Curaçao als das zentrale logistische Drehkreuz (Humanitarian Hub) für die internationalen Rettungskräfte. Sie nutzen die Insel als Zwischenstation. Das Land agiert in seinem Verhältnis zu Venezuela stets in einem Spagat: Es ist eng mit dem Schicksal des großen Nachbarn auf dem Festland verflochten, bleibt jedoch rechtlich, politisch und militärisch fest im europäischen und westlichen System verankert.
Die Insel ist ein autonomer Staat innerhalb des Königreichs der Niederlande. Rund 158.000 Menschen leben dort. Allein in meinem Berliner Heimatbezirk Spandau wohnen fast 90.000 Menschen mehr. Anders gesagt: Würde Spandau bei einer Fußball-WM antreten, hätte die Mannschaft eine größere Einwohnerbasis als ein ganzer Staat.


Eben dieses Land spielte jetzt auf der größten Fußballbühne der Welt. Klar. Zum Auftakt setzte es ein 1:7 gegen Deutschland. Aber danach geschah etwas. 0:0 gegen Ecuador. Für die meisten Menschen ist das nur ein torloses Unentschieden. Für Fußball-Romantiker ist es ein Gedicht. Torwart Eloy Room hielt alles, was auf seinen Kasten flog. Fünfzehn Schüsse. Fünfzehnmal stand er im Weg. Fünfzehnmal stellte er sich den Ecuadorianern entgegen wie eine Wand. Ein Mann, der beschlossen hatte, an diesem Abend keine Niederlage zu akzeptieren. Hallo, DFB: So geht das!
Vor ihm kämpften elf Mitspieler, als würden sie ihren eigenen Vorgarten verteidigen. In den Schlussminuten warfen sie sich in jeden Schuss. In jede Flanke. In jeden Zweikampf.
Nicht elegant. Nicht glamourös. Aber episch. Da feierte sogar König Willem-Alexander in der Kabine mit.
Auch ich habe gejubelt. Mitgefiebert. Gehofft. Leider umsonst. Letztlich sind die Insel-Helden trotz aller Leidenschaft in der Vorrunde ausgeschieden. 0:2 gegen die Elfenbeinküste. Aber erhobenen Hauptes. Raus mit Applaus.
Solche Geschichten sind der Grund, warum ich Weltmeisterschaften liebe. Der moderne Fußball erzählt oft von Investoren, Sponsoren, Markenrechten und Fernsehgeldern. Curaçao erzählt von etwas anderem. Von Teamgeist. Von Stolz. Von Zusammenhalt. Von Spielern, die keine Weltstars sind, aber spielen, als ginge es um ihr Leben. Von einem 78-jährigen Trainer, der plötzlich Freudentränen in den Augen hat. Dick Advocaat hat in seinem Leben nahezu alles erlebt, was man im Fußball erleben kann. Dennoch bezeichnete er dieses Abenteuer als die emotionalste Mission seiner Karriere. Allein das sagt schon alles.
Die meisten Spieler sind in den Niederlanden aufgewachsen. Viele spielen in Europa. Trotzdem spürte man bei jedem Ballkontakt die Verbindung zu diesem kleinen Eiland. Vor den Spielen versammelte sich die Mannschaft zum gemeinsamen Gebet. Millionen Menschen haben die Bilder gesehen. Millionen verstanden sofort, worum es ging. Nicht um Geld. Nicht um Ruhm. Nicht um Reichweite. Sondern um Zugehörigkeit. Um Heimat. Um etwas, das größer ist als man selbst.
Hach. Ist das schön.
Natürlich könnte ich jetzt von den Badebuchten schwärmen. Von den weißen Stränden. Von den bunten Häusern in Willemstad. Aber ehrlich? Das interessiert mich gerade überhaupt nicht. Was mich begeistert, ist etwas anderes. Eine blaue Welle. Nicht aus dem Schnapsglas. Sondern aus dem Herzen. Sie schwappte durch dieses Turnier und erinnerte uns daran, warum wir diesen Sport einmal lieben gelernt haben.
Fußball kann manchmal noch Wunder. Curaçao ist eines davon. Ich hätte der Truppe das Weiterkommen gegönnt. Wer nicht?
Auf Curaçao trinken übrigens zumeist Touristen den blauen Likör. Die Einheimischen ziehen Mabi vor. Ein Getränk, das aus der Rinde des Mabi-Baumes hergestellt wird. Dem nach Malzbier schmeckenden Tropfen werden besondere Kräfte nachgesagt. Gesundheit. Wohlbefinden. Fitness. In jedem Fall ein Allheilmittel, das nicht auf der Dopingliste steht. Das Geheimnis ihres Erfolges?
Na und?! Selbst meine Oma hatte so einen Energy-Drink. Bei ihr hieß das universelle Wundermittel Klosterfrau Melissengeist.
Ach so. Ab jetzt bin ich, der Zwergen-Flüsterer, für Kap Verde. Noch so ein Märchen. Noch so ein Fußball-Liliput. 600.000 Einwohner. Ein bisschen größer als Curaçao. Der Inselstaat hat es sensationell in die K.O.-Runde geschafft, tritt dort gegen Weltmeister Argentinien an.
Was trinkt man eigentlich auf dem Archipel im Atlantik?