WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Hilfe! Ich bin tätowiert.

Tattoos sind nicht en vogue. Sie sind nicht einmal mehr Trend. Sie sind die Verallgemeinerung des Besonderen. Und oft sind sie einfach nur häßlich und nerven.

LIFESTYLE

Matthias Bonjer

7/20/20263 min read

Ich habe keine Tattoos. Der Zeitpunkt, mir – ehrlicherweise Ende der 80er – eines stechen zu lassen, scheiterte am Motiv. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, welches Bild ich ein Leben lang mit mir herumtragen wollte.

Zudem ist mein Körper übersät mit Muttermalen und ähnlichem. Meine Hautärztin empfahl mir ohnehin, das lieber bleiben zu lassen. In meinem Fall könnten Tattoos problematische Veränderungen der Haut überdecken. Frage für einen Freund: Weisen Tattoo-Studios eigentlich auf diese Gefahr hin?

Anderes Kapitel: An den schlechten Stichereien meiner gleichaltrigen Freunde – Micky Mäuse, „Mama“ mit Herz oder noch Schlimmeres, vorzugsweise auf Oberarm oder Brust – könnte man heute die Generation Wagner erkennen. Die hatten, anders als ich, entweder eine Motividee oder 3,0 Promille im Blut, als sie sich stechen ließen. Aber selbst das reicht als Erklärung nicht. An einem schlecht gestochenen „Mr. Feelgood“ erkennt man heute niemanden mehr. Denn Tattoos werden überarbeitet.

Vor allem seit dem Aufkommen chinesischer Schriftzeichen auf der Haut. Von denen behaupten Kenner, darin versteckten sich geheime Botschaften des Tätowierers. So etwas wie: „Kri Hihn lebt länger als du.“ Oder: „Ich bin sicher kein kluger Mensch.“ Oder Ähnliches. In den asiatischen Schriftzeichen auf Unterarm, Nacken oder Beckenboden verstecken sich angeblich manch ungewollte Aussagen – ob original oder überarbeitet.

Die Begegnung mit Menschen, deren Ober- oder Unterarme vollständig durchgetintet sind, hat mich ernüchtert. Abgesehen von Stumpen (Knorkator) hörte ich von konvertierten Ex-Nazis, die Embleme ihrer frühen Jahre nicht mehr als Ausdruck ihrer heutigen Haltung verstanden wissen wollten. Oder zumindest Ärger damit bekamen und etwas unternehmen mussten. Ich ahne, was im Tattoo-Studio gesagt wurde: „Kannst du aus meinem Reichsadler was Nettes machen?“ Oder: „Mach doch aus dem Hakenkreuz ein Sonnenzeichen.“ Am Ende wurde die Stelle einfach grün-schwarz.

Heute paaren sich zu halsbekritzelten Pornostarletts auch jede Menge Wimmelbücher auf Armen, Beinen und Oberkörpern. Vermehrt erkenne ich völlig unsinnige Striche, Streifen, Muster oder bewusst unfertige Skizzen von was auch immer.

Natürlich hat auch das Tribal noch seine Präsenz. Vor allem bei jenen, die ideenlos ins Studio taperten und sich vom jeweiligen Stichmeister etwas aufschwatzen ließen. Zickzack um den Oberarm geht schließlich immer.

Es wäre einfach, sich darüber auszulassen. Gerade weil die dies lesende Gemeinde am zunehmenden Vergrünen der eigenen Jugendsünden im Nicht-Tattoo-Studio durchaus identifizierbar sein dürfte.

Doch es gibt neue Erkenntnisse: Obwohl 80 Prozent der aktuellen Nationalmannschaft unter 30 und deutlich tätowiert sind – ich bin übrigens ein Fan von Raum –, wollen junge Menschen ihren Vorbildern offenbar gar nicht mehr nacheifern. Ihr Tattoo ist kein Signal der Zugehörigkeit und auch kein Statement für Anderssein mehr.

Es ist viel schlimmer.

Es ist das neue Normal.

Es transportiert nur noch eine einzige Botschaft:

„Ich bin nicht so öde, wie ich aussehe.“

Der Wandel in der Bedeutung ist heute allgegenwärtig. Die Tätowierung sagt nicht mehr: „Ich bin anders!“, sondern: „Ich gehöre dazu.“

Der Schmetterling am Knöchel ist längst ersetzt durch aufwendige Ornamente, Statements und Kunststichereien an der Unterseite des Oberarms oder knapp oberhalb des Ellenbogens. Die Oberschenkel werden mit Fraktur und Kupferstich zur Litfaßsäule des Normalen.

Als bekennender Leberfleckenträger möchte ich allerdings mit einem meiner Vorurteile aufräumen: Ich sehe zunehmend ältere Menschen, bei denen die Unterarm-Winkesegel durch eine undefinierte grünliche Bemalung sogar etwas kaschiert werden. Das sieht gar nicht sooo scheiße aus.

Fazit: Ich bleibe bei meiner Fleckendisposition. Und wenn schon, dann lasse ich mir „LOVE“ auf die Innenseite der Unterlippe stechen.

Vielleicht hilft's.