WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
Ikkimel - Fußballmänner
Berliner Rapperin schockt mit einem Auftritt im Morgenmagazin. Ist die frech! Unser Autor hat die Kinnlade gar nicht wieder hochgekriegt.
MUSIK
Ronald Toplak
7/8/20262 min read


"Fußballmänner, alles Penner
Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker
Lattenkracher, Mertesacker
Tiki-Taka in 'nem Tanga"
https://www.youtube.com/watch?v=7rd-0WxYQyA
Drei Tage. Drei Tage habe ich gebraucht, um meine Kinnlade wieder hochzubekommen. Schuld war eine gewisse Ikkimel, Rapperin aus Berlin, die morgens um 8.55 Uhr auf der Bühne vom "Morgenmagazin" von ARD und ZDF stand und mit einer Zeile wie "Bierbauch, Bratwurst, leckerschmecker" die gesamte deutsche Fußballfan-Kultur durch den Kakao zog - meinen Herzensverein Hertha BSC eingeschlossen. Was erlauben Ikkimel?
Mein erster Gedanke: Wer ist diese Frau, und warum kenne ich sie nicht? Mein zweiter Gedanke, drei Tage später, war deutlich unangenehmer: Moment mal. Bin ich das jetzt? Der Typ im Schaukelstuhl, der die Faust ballt? Waldorf und Statler in Personalunion, nur mit Hertha-Schal?
Denn ich muss zugeben: Ich habe das alles schon einmal erlebt. Nur auf der anderen Seite der Bühne.
Der DJ von St. Markus
In den frühen 80ern stand ich selbst an den Reglern. Im Gemeindesaal von St. Markus. Ein Abend, zwei Welten. Für die Generation Ü50 gab's Walzer, Jive, Rumba, alles fein säuberlich nach Rezept von Max Greger. Zum Ausklang durfte auch mal die Polonäse Blankenese durch den Saal ziehen, gefolgt vom Ententanz, bei dem selbst die härtesten Kirchenvorstände die Ellbogen schwenkten.
Für mich ein Tanz auf der Rasierklinge, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn später am Abend, wenn die Ü50-Fraktion sich langsam Richtung Ausgang orientierte: dann kamen wir. Motörhead. Ozzy Osbourne. AC/DC. Lange Haare, zerrissene Jeans, Musik direkt aus der Hölle - zumindest für alle, die nicht unter dreißig waren. Wir wollten provozieren. Und, seien wir ehrlich: Wir haben es genossen. Die entsetzten Blicke, das ungläubige Kopfschütteln, die Fassungslosigkeit der Erwachsenen - das war der eigentliche Soundtrack unserer Jugend, nicht die Musik selbst.
Meine Oma übrigens brauchte für ihre Schockstarre nicht einmal Motörhead. Da reichte Thomas Gottschalk.
45 Jahre später, gleiche Kinnlade
Und jetzt sitze ich hier, 61 Jahre alt, sehe Ikkimel im Frühstücksfernsehen die männlich dominierte Fankultur des Fußballs sezieren - satirisch, roh, unbequem - und merke: Das Publikum im Studio hat exakt die Gesichter gemacht, die früher meine Eltern gemacht haben. Die Gesichter, die meine Kirchengemeinde gemacht hat, als Lemmy Kilmister aus den Boxen brüllte.
Der Culture Clash zwischen Jung und Alt ist eine Art Naturgesetz der Popkultur. Jede Generation braucht ihre eigene Musik aus der Hölle, um sich von der vorherigen abzugrenzen. Meine Eltern hatten die Rolling Stones und Beatles als Zumutung, ich hatte Rotzkotz (ja, die Platte besitze ich tatsächlich noch), die heutige Jugend hat Ikkimel. Die Sex Pistols von uns heißen heute eben Ikkimel.
Toleranz statt Schaukelstuhl
Die gute Nachricht: Ich muss die Musik nicht mögen, um zu verstehen, was sie tut. Ikkimel treibt patriarchale Strukturen und Klischees genüsslich auf die Spitze - das ist, historisch betrachtet, ziemlich genau das, was Punk und Metal in meiner Jugend auch getan haben, nur mit Fußball statt Kirche als Reibungsfläche.
Kaufen werde ich mir die Musik nicht. Aber auflegen? Wenn meine Patenkinder mich auf einer Party darum bitten, werde ich es tun. Vielleicht sogar mit einem kleinen, wohlwollenden Grinsen, so wie ich es mir früher von den Gemeindeältesten gewünscht hätte, als bei uns AC/DC aus den Boxen dröhnte.
Fazit nach drei Tagen Kinnladen-Reha: Ich finde Ikkimels Musik nach wie vor scheiße. Und das ist völlig in Ordnung - solange ich nicht vergesse, dass ich damit soeben ganz offiziell, mit Handschlag und Übergabeprotokoll, den Staffelstab der ewig Empörten übernommen habe. Willkommen im Club, Waldorf. Rutsch mal rüber, Statler.
Ein bisschen Toleranz, liebe Ü60-Fraktion. Dann ist alles gut. Auch wenn's wehtut. Und an der Kinnlade zieht.