Japan: Zwischen Flüstern und Flimmern
Nächste Station: Japan. Von China aus reist unsere Kollegin Uli drei Wochen lang von Yakushima bis Tokio, eine Soloreise durch ein Land der Höflichkeit, der Kontraste und der Herzschläge.
Nach der brütenden Hitze Hongkongs empfängt mich Japan mit einer kühlen Brise. Endlich kann ich wieder durchatmen. Schon die erste Fahrt mit der U-Bahn ist eine Wohltat: Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ich schaue nach unten. An den dicht an dicht stehenden Anzugträgern sehe ich sehr elegante, hochwertige Lederschuhe. Das japanische Schuhmacherhandwerk werde ich noch zu schätzen lernen, denn selbst meine 15 Jahre alten Sport-Sandalen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, werden hier ohne Wimpernzucken und mit akribischer Sorgfalt repariert.

Japan hat rund 120 Millionen Einwohner auf einer Fläche etwa so groß wie Deutschland, aber zu rund 70 Prozent besteht das Land aus Gebirge. Die Menschen drängen sich also auf wenig bewohnbarem Raum, was die Stille in den Städten umso erstaunlicher macht.

Leise Metro und das Schwarz der Berliner Achtziger
Ich staune mich durch meine ersten Tage in Fukuoka, mit 1,5 Millionen Einwohnern die größte Metropole der Insel Kyūshū, einer von vier Hauptinseln Japans. Das Meer glitzert graublau, alles wirkt aufgeräumt und angenehm unaufgeregt. Keine überbordende Werbung, kein unnötiges Lärmen, keine schrillen Farben. Die Menschen tragen bequeme, körperbedeckende Kleidung in gedämpften Farben. Beim Joggen sehen manche aus wie von einem anderen Stern, komplett in Schwarz eingehüllt, mit Handschuhen, Kappen und Gesichtsmasken zum Schutz gegen die Sonne. Das gefällt mir. Auch ich habe im Berlin der 1980er-Jahre das Schwarztragen gelernt und geliebt. Zwischen all den zurückhaltenden Outfits entdecke ich aber auch junge Frauen, die aussehen, als wären sie gerade einer Manga-Zeichnung entsprungen: dramatische Frisuren, überzeichnetes Make-up, extravagant bis zur letzten Wimper. Japan kann eben beides – radikale Zurückhaltung und den ganz großen Auftritt.

Schlaraffenland: Kulinarik im Singleformat
Ich streife durch die Regale der kleinen Supermärkte wie 7-Eleven, FamilyMart oder Lawson, die es an jeder Ecke gibt und die rund um die Uhr geöffnet sind. Was für ein Schlaraffenland! Frische Leckereien, Snacks, Desserts und kleine Köstlichkeiten, liebevoll portioniert im Singleformat. An ATM-Geldautomaten lässt sich dazu jederzeit unkompliziert Bargeld abheben – bei 7-Eleven zu unschlagbar günstigen Gebühren. Geld wird in Japan möglichst nicht direkt in die Hand gegeben, sondern in kleine Kassenschalen gelegt oder selbst in Automaten gesteckt. Eine Geste, an die ich mich erst nach einigen Tagen gewöhnt habe. Abends gehe ich in ein unscheinbares Soba-Lokal, denn Buchweizennudeln sind eine Delikatesse in Fukuoka. Für ein paar Euro bekomme ich ein Essen, das in Berlin vermutlich unter Fine Dining laufen würde. Japan beginnt, mir kulinarisch den Kopf zu verdrehen.

Leben auf wenigen Quadratmetern: Mein Kapsel-Mikrokosmos
In meiner Unterkunft inspiziere ich die viel gerühmte Toilette mit beheiztem Sitz, verschiedenen Duschen und diversen Spülfunktionen und freue mich über die Waschmaschine auf dem Balkon: zehn Minuten Waschzeit, High-Speed-Sauberkeit. Die Wohnung ist blitzsauber, nur das Notwendigste ist da, jeder Quadratmeter wird maximal genutzt. In Japan kommt auch wieder mein kleines Reiseklappmesser zum Einsatz: Stäbchen und Löffel sind zu finden, ein echtes Messer habe ich in den drei Wochen in keiner Unterkunft entdeckt. Ich schlafe auf dem Boden, mit zwei übereinandergelegten Futons ist es erträglich. Das Badezimmer ist eine winzige Kapsel, die man mit einem weiten Schritt nach oben erreicht. Wie sich zwei Personen hier zurechtfinden sollen, bleibt mir ein Rätsel. Zum Glück bin ich alleine unterwegs und so schnappe ich mir kurzerhand den zweiten Futon und schlafe halbwegs bequem.

Yakushima: Wo die Natur das Sagen hat
Von Fukuoka zieht es mich in die Stadt Kagoshima am südlichen Ende von Kyūshū, mein Zubringer zu einem Paradies: der Insel Yakushima. Sie gilt als eine der regenreichsten Gegenden Japans, große Teile stehen unter Naturschutz, seit 1993 ist sie UNESCO-Naturerbe. Der Volksmund formuliert es etwas überspitzter: „20.000 Menschen, 20.000 Affen und 20.000 Hirsche“.

Digital war gestern: Bitte mit Münzen passend zahlen
Direkt von der Fähre kommend springe ich am Hafen von Anbo in einen Bus, den ich per Google Maps kontrolliere. Es sind nur zwei Kilometer bis zu meiner Bleibe, aber ich mache sofort Bekanntschaft mit einem hochkomplexen Bezahlsystem:
Ich muss hinten einsteigen, Zwei Touristen zeigen auf eine Box, in der ein Papierschnipsel darauf wartet gezogen zu werden. Auf dem Schnipsel steht eine Nummer. Eine Mitfahrerin aus Singapur weist mich in Englisch kurz ein: Für die sehr günstigen Fahrten musst du immer passende Münzen dabeihaben, denn es gibt kein Geld zurück, gezahlt wird nur die Strecke, die du tatsächlich fährst und erst beim Aussteigen, und den Schnipsel darfst du nicht verlieren. Als mich Google Maps zum Aussteigen auffordert, kämpfe ich mich nach vorne, den daumenspitzengroßen Zettel krampfhaft festgehalten. Schwitzend übergebe ich ihn dem Fahrer, der auf die elektronische Tafel über der Tür deutet: zehn Spalten, sechs Zeilen, jeweils nummeriert – also bis zu 60 Tarife! Wie das System im Detail funktioniert, durchschaue ich auf die Schnelle nicht. Ich suche einfach die Nummer meines Zettels auf der Anzeigetafel, lese den Preis ab und lasse umgerechnet weniger als 50 Cent in die Münzmaschine fallen. Es ist kompliziert und aufwändig – aber zutiefst gerecht.

Die Liebe zum Bargeld: Wenn Wechselgeld die Tasche füllt
Im Gegensatz zu China, wo mein Münzbeutel verwaiste, wird Bargeld in Japan wieder überlebenswichtig. In kürzester Zeit füllt sich mein Portemonnaie, das separat von den Scheinen immer griffbereit ist. Gut, dass ich mich vorab informiert habe: Auf der gesamten Insel gibt es sehr wenige Geldautomaten für ausländische Karten, und wo immer ich einkehre, steht auf einem Zettel „Cash please“.

Ein Beispiel: Zahlst du ein Getränk für 160 Yen, etwa 0,90 Euro, mit einem 1.000-Yen-Schein, dem kleinsten Schein im Umlauf, erhältst du 840 Yen zurück. Im Normalfall sind das eine 500-Yen-Münze, drei 100-Yen-Münzen und vier 10-Yen-Münzen: acht Münzen für nicht einmal fünf Euro. Bei uns wären es deutlich weniger, denn es gibt 2-Euro- und 20-Cent-Stücke, die Japan nicht kennt. Der Münzbeutel wird beim Einkaufen deshalb schnell voll. Hier ähneln wir uns – Japaner und Deutsche – überraschenderweise, denn beide Nationen hängen am Bargeld, und die Japaner treiben es noch auf die Spitze.

Minimalismus bis zur Schmerzgrenze
In meinem Guesthouse habe ich in Vorfreude auf Japan – und fest entschlossen, mich voll und ganz auf das Land einzulassen – noch zu Hause ein Zimmer im japanischen Stil gebucht. Als ich eintrete, finde ich auf winziger Fläche nur einen ordentlich zusammengelegten dünnen Futon, dazu eine Anleitung, wie man diesen ausrollt und zusammenfaltet. Sonst nichts. Nach meiner Erfahrung in Fukuoka ist mir dieser karge Stil dann doch eine Spur zu klösterlich – und ich verhandle unnachgiebig ein Zimmer im westlichen Stil mit Bett, Tisch und Stuhl.“

Im Zauberwald von Prinzessin Mononoke
Yakushima entpuppt sich als wahres Paradies. Es sind nur wenige westliche Touristen zu sehen; hauptsächlich urlauben und wandern hier die Japaner selbst. Ich durchquere den moosbewachsenen Zedernwald des Yakusugi Land mit seinen tausendjährigen, riesigen Bäumen. Hier hat Regisseur Hayao Miyazaki die Inspiration für den Geist von Prinzessin Mononoke gefunden. Ein gigantisches Naturwunder – genau wie die unberührte Strandlandschaft der Insel. Morgens wartet ein Frühstück auf mich, eingewickelt in ein Palmenblatt, abends esse ich Sushi, Fliegenden Fisch und Hirschfleisch im benachbarten Restaurant. Nachdem ich den Noren zur Seite geschoben habe, den traditionellen Stoffvorhang vor dem Eingang, der signalisiert: Wir haben geöffnet, werde ich mit einem lautstarken, herzlichen „Irasshaimase“ vom gesamten Personal begrüßt.

Dem Massentourismus davon gereist
Warum bin ich hier, wo Yakushima doch abseits der üblichen Japanroute liegt, und die Japaner staunen, wenn ich erzähle, dass ich dort war? Ich wollte den Touristenströmen ausweichen. Anfang Oktober beginnt in China die Goldene Woche, eine wichtige Urlaubszeit, in der normalerweise viele chinesische Reisegruppen über Japans bekannteste Sehenswürdigkeiten herfallen. Ich hatte mich auf volle Busse, lange Schlangen und steigende Preise eingestellt. Doch in diesem Jahr spielte mir die politische Eiszeit zwischen China und Japan in die Karten, der Ansturm bleibt aus. Im Nachhinein bin ich unglaublich froh: Yakushima ist kein Lückenfüller auf meiner Route, sondern eines der schönsten Erlebnisse meiner gesamten Asienreise.

Mit Vollgas auf Schienen und Luxus-Privatsphäre auf Rädern
Von Kagoshima geht es mit dem Shinkansen weiter nach Hiroshima. Die Hochgeschwindigkeitszüge sind fantastisch, nur sieht man von der Landschaft wenig, weil sie ständig durch Tunnel rasen. Ich sitze auf edlen Polstern, die mich an eine traditionelle englische Whiskybar erinnern. Speisewagen sind abgeschafft – Essen und Getränke werden selbst mitgebracht und leise am eigenen Platz verzehrt. Um mehr zu sehen, nutze ich auch Fernbusse, die mein Budget schonen und natürlich länger brauchen. Selbst die Busse sind ein Traum an Privatsphäre: Einzelsitze in drei Reihen, mit eigenen Vorhängen um jeden Platz, das macht die Fahrt zur gemütlichen Komfortzone.

Hiroshima: Zwischen Friedenspark und wohnen wie im Design-Museum
In Hiroshima besuche ich den Friedenspark. Als Pilgerort für Touristen aus der ganzen Welt wie für einheimische Schulklassen ist er Mahnmal für die Opfer des Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 und ein weltweites Symbol für den Frieden und die Abschaffung von Atomwaffen. Mit meinem Airbnb habe ich es besonders gut getroffen: Ich wohne bei einem Architektenpaar in einem beeindruckenden, mehrstöckigen Townhouse aus Beton, Glas, Holz und Stahl – modern, zurückhaltend, beinahe wie eine private Architekturausstellung. Die beiden Senioren haben die Kinderzimmer ihrer drei erwachsenen Söhne kurzerhand in Gästezimmer verwandelt und ein kleines Guesthouse eingerichtet. Es gibt einen Abholservice vom Bahnhof und jeden Morgen ein frisches japanisches Frühstück, das die überaus freundliche Hausherrin selbst zubereitet.

Inselhopping, kulinarisches Glück und japanische Gartenkunst
Ich reise weiter zu den Seto-Inseln – ausgehend von Okayama auf Honshū und Takamatsu auf Shikoku, zwei Städten, die sich über die Seto-Inlandssee gegenüberliegen. Sie sind über die spektakuläre Seto-Ōhashi-Brücke, eine riesige Doppelstockbrücke für Züge und Autos, verbunden. Die Zugfahrt dauert keine Stunde. Ich pendele zwischen den beiden, nehme Fähren, erkunde Inseln und entdecke täglich neue Leckerbissen.

Matcha, Mochi, Sushi: Ich könnte mich pausenlos durch die japanische Küche essen, wenn der Tag nur mehr Stunden hätte.

In Takamatsu besuche ich den Ritsurin-Park, einen der schönsten japanischen Gärten: als Wandelgarten angelegt, ein Kunstwerk aus Grün, Wasser, Wegen und Blickachsen. Jeder Schritt eröffnet eine neue Perspektive, und ich ertappe mich dabei, wie ich vor Begeisterung immer langsamer laufe.

Von Müllinseln zu Pilgerorten
Die benachbarten Inseln Naoshima und Teshima waren lange alles andere als Sehnsuchtsziele. Wie mir mein Gastgeber in Hiroshima erzählte, führten illegale Industrieabfälle einst zu schweren Umweltproblemen. Über viele Jahre ist es gelungen, sie durch Architektur, Natur- und Kunstprojekte völlig neu zu erfinden.

Heute pilgern kunstinteressierte Menschen weltweit nach Naoshima und Teshima. Kunst wird hier nicht ins Museum gestellt – sie wird Teil der Landschaft.
Naoshima: Gelbe Kürbisse im Meer und Beton-Magie
Auf Naoshima begegne ich dem berühmten gelben Kürbis der japanischen Ausnahmekünstlerin Yayoi Kusama. Er steht schwarz gepunktet am Meer und ist unverkennbar, ein Kunstwerk, das fast jeder wiedererkennt und das in dieser Umgebung trotzdem eine ganz eigene Wirkung entfaltet.
Daneben beeindrucken mich die Bauten von Tadao Ando. Das Benesse House vereint ein Museum für zeitgenössische Kunst mit einem Luxushotel: Brutalismus, aber in einer stilvollen, japanisch-minimalistischen Interpretation – mit dem weltberühmten Sichtbeton, den ich schon in Hiroshima bei meinen Gastgebern kennengelernt habe. Das Chichu Art Museum, wörtlich „Museum in der Erde“, gilt als Meisterwerk und spiritueller Höhepunkt der Insel. Es ist fast vollständig unterirdisch gebaut, seine Räume sind exakt auf die Werke von Claude Monet, James Turrell und Walter De Maria abgestimmt. Leider hatte ich versäumt, mir online ein Ticket zu sichern. Also spaziere ich zurück zur Fähre, stoppe an verschiedenen Kunstorten und reserviere gleich online für das Teshima Art Museum, das ich am nächsten Tag von Takamatsu aus besuche.

Teshima: Tanz mit den Wassertropfen
Teshima gefällt mir noch besser. Das Museum wurde 2010 eröffnet und vom Architekten Ryue Nishizawa gemeinsam mit der Künstlerin Rei Naito geschaffen. Es löst die Grenzen zwischen Natur, Architektur und Kunst auf: Große ovale Öffnungen geben den Blick zum Himmel frei; Licht, Luft und Geräusche der Umgebung gehören zum Erlebnis.
Wassertropfen treten aus dem Boden hervor und wandern langsam durch den Raum. Sie sind Teil des Kunstwerks und dürfen nicht berührt werden – also tänzeln die Besucher um sie herum und beobachten sie sitzend oder liegend. Als ich einmal mein Smartphone zücke, deuten die Wächter mit zum X gekreuzten Armen streng auf das Foto- und Filmverbot hin, drinnen wie draußen. Ich kann aber verraten: Ich bin aus diesem Kunst- und Naturerlebnis nicht mehr so herausgegangen, wie ich hineingegangen bin. Es ist zutiefst berührend und wachrüttelnd.
Herztöne am Strand
Zuvor habe ich das Archiv der Herzschläge besucht, eine Holzhütte, fußläufig vom Museum, abgeschieden an einem schönen Strand, ein Kunstwerk des französischen Konzeptkünstlers Christian Boltanski. Ich überlege kurz, ob ich meine Herzschläge für die Aufnahme hinterlasse. Es ist verlockend: dass wenn ich vielleicht nicht mehr da bin, hier noch Herzschläge gefunden werden können. Ich suche im Archiv nach mir bekannten Namen aus Deutschland und höre mir Herztöne von Menschen an, die ich nie gekannt habe. Meine Besuche auf den Inseln sind inspirierend und außergewöhnlich, Japan hat mich an dieser Stelle endgültig erwischt.

Oktoberfest in Japan: Wir haben ein Imageproblem
In Okayama finde ich einen Friseur, der bereit ist, mir den Pony zu schneiden, vieles in Japan versteckt sich über dem Erdgeschoss und ich bin vermutlich an einigem Interessanten vorbeigelaufen. Erstens kostet es Überwindung die schmalen Treppen hochzugehen, zweitens wird keine auffällige Werbung gemacht. Als ich mich als Deutsche vorstelle, fällt meinem Haarschneider zuerst Bier und Würste ein. Von da an sage ich, dass ich aus Berlin komme. Das wird, wie ich bemerke, differenzierter betrachtet und zaubert oftmals ein bewunderndes Lächeln in die Gesichter. Auch sonst begegnen mir in Japan immer wieder Oktoberfeste mit Bratwurst und bayerischer Schunkelmusik, was offensichtlich das Image von Deutschland in Japan hauptsächlich prägt.
Von der höflichen Verbeugung zum lauten „Kanpai!“
Doch die eigentliche Seele liegt in den Izakayas. Ein Izakaya ist das japanische Gegenstück zum Pub oder Wirtshaus, übersetzt ein „Alkoholladen zum Verweilen“. Izakayas entdecke ich so richtig in Osaka und Tokio, wohin ich in der letzten Woche weiterreise. Großartig, dass es überall einen Tresen gibt – allerdings werden dort keine Cocktails geshakt, sondern Bier und kleine Gerichte gereicht. Es ist der beliebte Platz für alle, auch für diejenigen, die abends allein unterwegs sind. Ich habe noch nirgendwo sonst so viele Menschen solo in Bars und Restaurants gesehen; oft gibt es mehr Plätze am Tresen oder an Gemeinschaftstischen als an Einzeltischen.

Auch ich habe mir mittlerweile angewöhnt, mich ständig zu verbeugen, ganz im japanischen Stil, mit steifem Oberkörper. als respektvoller Ersatz für das Händeschütteln. Ich finde es herrlich, so viel Rücksichtnahme zu erleben. Keine lauten Geräusche, keine Streitkultur. Wie mir mein Guide bei einer Walking-Tour in Tokio erzählt, gibt es in Japan eigentlich auch keine klassische Ausgehkultur. An Silvester zum Beispiel sei man zu Hause bei den Eltern. Wenn er Alkohol trinke, dann um betrunken zu sein und nicht, um groß auszugehen, meint er verschmitzt.

Japan ist auch in seinen Städten ein Wunder an Wasser und Grün: Die Metropolen sind durchflochten von Flüssen und Brücken, und doch gibt es in Osaka und Tokio diese eine Kreuzung – so schrill und flimmernd wie der Times Square in New York. Dort enthemmt sich die Zurückhaltung, alles dreht sich um Shopping, Essen, Sake und Karaoke, und es ist unglaublich laut und voll. Während das „Kanpai“ genauso laut und herzlich durch den Raum schallt wie bei uns das „Prost!“, berühren sich die Gläser nur ganz behutsam, höflich versetzt.

Überhaupt ist hier einiges andersherum: In Japan herrscht Linksverkehr – und das, obwohl das Land nie eine britische Kolonie war. Dem Volksmund nach liegt das an den Samurai: Sie trugen ihr Schwert auf der linken Hüfte und wichen links aus, damit die Klingen beim Vorbeigehen nicht ungewollt aneinanderstießen und ein Duell auslösten.
Japan macht vor, wie Alltag funktioniert
In Tokio fallen mir Westtouristen mit vollgepackten Körben bei Muji und Uniqlo auf. Nicht nur Kleidung ist für uns derzeit sehr günstig – auch Essen, Trinken, Museen und der öffentliche Nahverkehr bewegen sich weit unter dem Preisniveau in Europa. Dazu kommt: kein Dreck, kein Müll, kein Ärger. Dabei sucht man Mülleimer meist vergeblich; jeder nimmt seinen Abfall mit nach Hause oder huscht in einen Supermarkt, wo versteckt in den Ecken manchmal Behälter stehen.

So finde auch ich mich schnell damit ab, den ganzen Tag mit einer Mülltüte in der Tasche herum zu laufen. Nach einer Kyoto-Tour in Osaka bittet man uns am Ende sogar ausdrücklich, unsere leeren Verpackungen mitzunehmen – weil sie sonst der Busfahrer mit nach Hause nehmen müsste.
Kyoto und Nara: Hirschalarm statt Zen-Moment
Kyoto, einst Kaiserstadt und heute der Touristenmagnet für Japan-Erstbesucher: Ich hätte besser darauf verzichtet. Die Hauptsehenswürdigkeiten wie der Tempel Kiyomizu-dera und der Fushimi-Inari-Schrein sind völlig überlaufen, ebenso der Nara-Park. Dort stürzen sich Hunderte von heiliggesprochenen Sika-Hirschen auf die busseweise vorgefahrenen Touristen, um an Futter zu kommen, während diese dem perfekten Urlaubsfoto hinterherjagen. Ich flüchte zu Starbucks. Auf dem Rückweg zum Bus höre ich plötzlich Schreie: Einige Hirsche haben sich in Kleidung festgebissen und lassen sich nicht mehr abschütteln. In diesem Moment bin ich besonders froh, dass ich die meiste Zeit meiner Reise auf den zauberhaften, weniger touristischen Inseln verbracht habe.



Finales Bar-Highlight in Tokio
In Tokio gelingt mir zum Abschluss im lebendigen Ausgehviertel Shinjuku ein echtes Bar-Highlight: die Bar B&F – Schwesternbar der berühmten Bar Benfiddich, die im selben Gebäude liegt und monatelang ausgebucht ist. Ich nehme Platz am Tresen.

Barchef Takashi, Besitzer des vermutlich schönsten Schnurrbartes Tokios, fragt nach meinen Vorlieben, denn ein Menü gibt es hier nicht: Jeder Drink wird individuell kreiert. Ich wünsche mir einen japanisch inspirierten Cocktail – und bekomme einen fast meditativ gemixten, meisterhaft geshakten Matcha-Ananas-Sour auf Whisky-Basis.

Das Rezept dazu für die Home-Bar findest du im Instagram-Feed unter dem Japan-Beitrag.
Eine Verbeugung: Mein Abschied von Japan
Als ich nach drei Wochen am Flughafen von Tokio auf meinen Flug nach Taiwan warte, verneige ich mich innerlich. Japan hat mich nach der kräftezehrenden China-Reise tief geerdet. Ordnung entsteht hier durch Rücksicht: Müll wandert in die eigene Tasche, Stimmen bleiben leise, Verbeugungen regieren den Alltag. Ich überlege: wo Rücksichtnahme zur omnipräsenten Disziplin wird und Harmonie über allem steht, kann aus der erlernten Stille auch schnell Einsamkeit werden. Wer dauerhaft schweigt, verlernt das Miteinanderreden.
Und dennoch – mein persönliches Fazit fällt voller Bewunderung aus: Wenn China die Zukunftsfabrik ist, dann hat mir Japan als lebendige Demokratie ein Meisterwerk aus Höflichkeit, naturverbundener Ästhetik und funktionierender High-Tech gezeigt. Ganz ohne ständige Kontrolle.
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