WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune
"Quatsch mit Sosse" - Viele Ichs werden ein Wir!
Hockeyfieber bei den Special Olympics im Saarland. Gefühlte 42 Grad Celsius auf dem Platz. Mit dabei: Annika Reimann aus Berlin-Spandau.
GESELLSCHAFT
Ronald Toplak
6/24/20263 min read


Im Saarland war es so heiß, dass man zeitweise den Eindruck haben konnte, die Sonne wolle persönlich an den Special Olympics teilnehmen. 42 Grad auf dem Hockeyplatz.
Bei solchen Temperaturen wurde in dieser Region normalerweise Eisen gekocht. Nicht Hockey gespielt. Der Torwart wurde zwischendurch mit einem Eiskübel heruntergekühlt. Trinkpausen waren keine Bequemlichkeit, sondern medizinische Notwendigkeit. Selbst Kakteen hätten vermutlich über einen Platz im Schatten verhandelt.
Die Hockeysparte nicht. Sie spielten. Und mittendrin war Annika Reimann. Vierzehn Jahre alt. Fan der Band „Deine Freunde“. Besitzerin eines ansteckenden Lächelns. Und ein Mädchen mit einer Lernbehinderung, das in diesen Tagen dort war, wo es sein wollte. Mehr als 4.300 Athletinnen, Athleten und Unified Partner mit geistiger und mehrfacher Behinderung kamen ins Saarland. 27 Sportarten. Tausende Geschichten.
Die Geschichte von Annika beginnt eigentlich schon ein paar Tage früher. In der Zitadelle Spandau. Dort spielten „Deine Freunde“, die selbst ernannte coolste Kinderband der Welt. Hip-Hop, Pop und elektronische Beats, verpackt in kluge, witzige Texte. "Ich finde die selber gut", sagt Papa Dominik. Es klingt ein bisschen wie ein Geständnis. Vermutlich gibt es mehr Eltern, die diesen Satz unterschreiben würden, als sie es öffentlich zugeben möchten.
Annika liebt die Band sowieso. „Quatsch mit Soße.“ Vor allem "Bestimmer." Ein Lied über den Wunsch, selbst die Regeln aufzustellen. Eigentlich ein ziemlich passender Soundtrack für die Special Olympics.
Denn bei diesen Spielen geht es nicht darum, was Menschen nicht können. Sondern darum, was sie können.


"Sichtbarkeit", nennt Mama Simone das.
Es ist ihr wichtigstes Wort dieser Tage. Wichtiger als jede Platzierung. Denn Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung werden im Alltag oft übersehen. Bei den Special Olympics stehen sie im Mittelpunkt. Hier gehören ihnen die Tribünen, die Aufmerksamkeit und der Applaus.
Annika gehört dazu. Sie läuft. Sie kämpft. Sie trifft. Vor allem aber hat sie Spaß. Nur das zählt.
Die Familie Reimann lebt Hockey ohnehin mit bemerkenswerter Konsequenz. Mama Simone hat selbst gespielt. Papa Dominik ist Torwartrainer. Besser gesagt: Unterhaltungschef. Die große Schwester Amelie stand beim HC Falkensee im Kasten und ist Annikas größter Fan. Andere Familien sprechen beim Abendessen über Schule, Wetter oder die Nachbarn. Bei den Reimanns dürfte es häufiger um kurze Ecken, lange Bälle und die Frage gehen, warum der Schiedsrichter gepfiffen hat.
Im Saarland wurde aus vielen einzelnen Spielerinnen und Spielern schnell eine verschworene Mannschaft. Und irgendwann entstand ein Motto. Nicht in einer Werbeagentur. Nicht bei einem Motivationstrainer. Sondern direkt in der Mannschaft.
"Viele Ichs werden ein Wir."
Papa Dominik erzählt das mit hörbarem Stolz. Man versteht sofort, warum. Denn dieser Satz beschreibt nicht nur eine Hockeymannschaft. Er beschreibt die ganze Woche. Menschen aus unterschiedlichen Städten. Mit unterschiedlichen Geschichten. Mit unterschiedlichen Fähigkeiten.
Viele Ichs.
Und plötzlich ein Wir.
Kapitän Kevin fand dafür noch eine etwas direktere Formulierung. "So! Nochmal die Arschbacken zusammenbeissen."


Auch das kann Führung sein. Besonders bei Temperaturen, bei denen andere Menschen freiwillig in Kühlschränke ziehen würden. Für Fan-Kultur sorgte Volunteer Nicole aus Kaiserslauten in der Pfalz. Sie verfügte über eine Rassel. Und über die bemerkenswerte Fähigkeit, mit diesem ratternden Rhythmusgerät die Lautstärke eines startenden Jumbojets zu erzeugen. "Wie beim FCK auf dem Betzenberg. Eine echte Teufelin", erzählt die Familie liebevoll. Man hörte sie. Immer. Vermutlich noch im benachbarten Frankreich.
Am Ende sprang Platz vier heraus. Auf dem Papier ist das eine Zahl. Für Simone Reimann bedeutet diese Woche etwas anderes. "Platz 4 erreicht! Aber soviel Liebe und tolle Begegnungen erfahren! Jeder für jeden halt. Und das bei Affenhitze!" Vielleicht beschreibt das die Special Olympics besser als jedes Edelmetall.
Denn diese Spiele handeln natürlich vom Sport. Aber eben nicht nur. Sie handeln von Begegnungen. Von Gemeinschaft. Von Lebensfreude. Von Rampenlicht.
Und manchmal auch von einem Mädchen, das nach einem Tor die Lieder der Lieblingsband summt. Von einer Schwester, die stolz hinter ihr steht. Von Eltern, die jeden Schritt begleiten. Von einer Mannschaft, die bei 42 Grad gefühlt durch einen Glutofen läuft und dabei etwas entdeckt, das größer ist als jedes Ergebnis.
Viele Ichs werden ein Wir.