WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Salam Alaikum, Usbekistan!

Taschkent gestern und heute: Eine Entdeckungsreise zwischen kosmopolitischer Öffnung und den Legenden der Seidenstraße.

REISE

Ulrike Peter

6/16/20268 min read

Sicher und sauber wie Singapur, Preise wie aus einer anderen Zeit, weitläufige, von Parks umsäumte Flaniermeilen und Boulevards, eine zurückhaltende, gechillte Gastlichkeit und eine Architektur, die Märchen wahr werden lässt. Salam Alaikum, Usbekistan!

Bis vor kurzem war dieser Teil der Welt für mich ein weißer Fleck – Usbekistan, Kasachstan & Co. hätte ich kaum auseinanderhalten können. In meinem Kopf: muslimischpatriarchale Strukturen, grauer Sowjet-Schatten. In der Realität: Frauen unverschleiert, gebildet, selbstbewusst; ein streng säkularer Staat, eine junge, energiegeladene Gesellschaft. Die Vitalität und Euphorie der Jugend spüre ich an allen Ecken. Abends beim Flanieren spricht mich die Generation Z an, um ihr Englisch zu üben.

„Ist es wahr, dass man bei euch als Mann und Frau zusammenleben kann oder Kinder hat, ohne verheiratet zu sein? Wieso geht das?“ fragt mich ein Student schüchtern – und bringt damit das Lebensmodell einer Gesellschaft auf den Punkt. Hier gilt: Mit 25 sollte eine Frau idealerweise verheiratet sein, Familien werden vom Staat großzügig unterstützt, das schafft Sicherheit und eine klare Erwartungshaltung. Obwohl Usbekistan weniger als halb so viele Einwohner wie Deutschland zählt, werden hier jährlich deutlich mehr Kinder geboren. "Wir sind Weltmeister im Kinderzeugen", sagt mein Guide grinsend - und ich glaube es ihm sofort.

Für die Bewohner vieler Länder – wie auch für Deutschland – ist Usbekistan erst seit wenigen Jahren für Urlauber unkompliziert und visafrei erreichbar, gleichzeitig hält der Staat beim Thema Einwanderung die Türen deutlich geschlossen. „Die Breschnew-Zeit war gut, sagen die Großeltern“, wird bei einer Walking Tour erzählt. Die Euphorie der Jugend für Öffnung und Fortschritt, die Nostalgie der Älteren nach dem vertrauten Gestern – diese Diskussionen kenne ich. Hier aber treibt eine junge Gesellschaft das Land mit einer Energie voran, die man im Alten Europa nur noch selten spürt.

Taschkent: Ankommen in der Entschleunigung

Von Georgien kommend, spüre ich bei der Landung in Taschkent sofort eine friedliche Ruhe. Ich atme vorsichtig durch, es fühlt sich an, als hätte jemand die „Mute-Taste“ für Lärm und Hektik einfach auf stumm gestellt. Beim ersten Geldabheben fühle ich mich wie eine Millionärin: 7 Euro sind hier rund 100.000 Som. Mit einem dicken Bündel Scheine verlasse ich den Terminal. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel kostet – dank eines Promotionsangebots meiner MyTaxiApp – gerade einmal 35 Cent. Ein absurder Preis, mehr als 1 Euro wird es auch bei den nächsten Fahrten nicht.

Die Hauptstadt ist kein klassisches Märchen aus 1001 Nacht, sondern hat Brüche. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1966 wurde sie neu aufgebaut – das Vorbild moderne Planstädte wie Brasília und im Stil der sowjetischen Moderne: breite Boulevards und Plätze, monumentale Statuen, weitläufige Parks.

Das legendäre „Hotel Usbekistan“ thront als Kultbau an der Metrostation Amir Temur Xiyoboni. An manchen Ecken fühle ich mich in diesem Viertel wie auf der Berliner Karl-Marx-Allee. Die beindruckende Metro gleicht einem unterirdischen Museum zum Durchfahren: Zwischen Marmor, Mosaiken und Kronleuchtern wirken die Stationen wie Paläste ähnlich Moskau und St. Petersburg.

Läuft man vom Chorsu-Basar zum Neuen Zentrum für Islamische Zivilisation, fühlt man sich plötzlich schon wie mitten auf der Seidenstraße. Der Komplex ist ein Neubau im monumentalen, historisierenden Stil – eine bewusst geschaffene Kulisse, die im Inneren aber einen echten Schatz präsentiert: den Uthman-Koran aus dem 7. Jahrhundert, einen der ältesten der Welt.

Mein Abschied aus Taschkent ist dann alles andere als entschleunigt: Almira, meine Taxifahrerin, jagt mit quietschenden Reifen und aufgedrehter Pop Musik zum Flughafen, winkt mir lachend zu und entlässt mich in Richtung Wüste. Nächstes Ziel: Urganch, 700 Kilometer weiter westlich. Die Reise ins Herz der Seidenstraße beginnt.

Urganch – Gartenstadt im Wüstensand

Im noch vom Tourismus unentdecktem Urganch begegnet mir etwas, das sich für mich wie purer Luxus anfühlt: das sowjetische Erbe der grünen Stadtplanung. Ich flaniere im Zentrum wie durch einen Garten. Breite, liebevoll bepflanzte Gehwege, gesäumt von blühenden Beeten, alles so sauber, als wäre eben gefegt worden.

Geschützt im Schatten der Bäume laufe ich entlang der Boulevards, und staune über die Weite. So viel Grün und Platz im Zentrum einer Stadt – und das mitten in der Wüste. Für das saftige Grün sorgt Wasser welches durch unterirdische Kanäle direkt aus dem fernen Pamir-Gebirge kommt.

Hier legt die Gesellschaft Wert auf gemeinsame Zeit im öffentlichen Raum, der nicht dem Diktat des Kommerzes unterworfen wird: Abends, wenn die Temperatur fällt und eine Brise für Erfrischung sorgt, füllen sich die Plätze und Gehwege. Man trifft sich unter dem Schatten der Bäume, sitzt auf den Bänken entlang der Straßen und schlendert durch die wunderschön angelegten Promenaden direkt vor der Haustür im Zentrum der Stadt. Ein grünes Paradies, das ich mir so gerne nach Berlin wünsche.

Die Perlen der Seidenstraße: Chiwa, Buchara, Samarkand

Die 30 Kilometer von Urganch nach Chiwa lege ich entspannt für 20 Cent mit dem elektrischen Trolleybus zurück. Knapp einer Stunde später taucht sie vor meinen Augen zum ersten Mal auf: die Pracht der Seidenstraße. Rund um die alte Oase hat sich die moderne Stadt ausgebreitet. Das historische Ensemble darin erinnert mich tatsächlich an Dubrovnik – nur eben mit türkisglänzenden Kacheln statt heller Ziegeldächer.

Das alte Chiwa ist heute eine Museumsstadt mit ein paar Hotels, Restaurants und Bazare. Ein großes Plus: Es gibt noch wenige Touristen. Durch die Gassen schlendern, sich an die kühlen Stein- und Lehmmauern lehnen und ungestört Motive für Instagram inszenieren, während man hinter den dicken Mauern der Museen der flirrenden Hitze entflieht. Abends, eingehüllt in eine schöne Beleuchtung, wirkt es fast wie ausgestorben, da nur noch wenige Einheimische hier wohnen.

Das genaue Gegenteil erlebe ich nach einer siebenstündigen Zugfahrt weiter nördlich in Buchara. Das Ticket kostet 15 Euro, in jedem Waggon kümmert sich ein Mitarbeiter um die Gäste – und um die blitzblanken Toiletten und Gänge. Zum Sonnenuntergang öffnet sich vor mir ein wahrgewordener Traum aus 1001 Nacht. Die Altstadt ist voller Familien und Reisender, die durch die Gassen spazieren, begleitet von den Klängen der Straßenmusiker und dem Stimmengewirr der Basare. Für mich ist Buchara das Märchen der Seidenstraße. Wer in einem der historischen Hotels oder Guesthouses übernachtet, taucht komplett in eine andere Zeit ab – bis der Weg zurück zum Bahnhof wieder in die moderne Stadt hineinführt und die Seidenstraßenblase platzen lässt.

Zwei Stunden Zugfahrt später: Samarkand. Hier ist es schon fast ein Overload an alten, gewaltigen Monumenten – ein krönender Abschluss. Sagenhaft, was aus Ruinen wieder aufgebaut wurde. Bereits in den 1950er Jahren, zu Sowjetzeiten, begannen die Restaurierungsarbeiten entlang der Seidenstraße mit viel internationaler Unterstützung; der UNESCO Welterbestatus kam später dazu. Ich staune schon die ganze Reise über die wiederkehrenden Kulissen: Medresen – einst islamische Koranschulen, von denen heute viele als Museen, Kunsthandwerkszentren oder Architekturdenkmäler genutzt werden. Moscheen – Gotteshäuser für das tägliche Gebet. Minarette – schlanke Türme, von denen der Gebetsruf erschallt. Doch wo sind eigentlich die Paläste und Burgen geblieben?

Unser Guide erklärt: Ab dem 11. Jahrhundert, besonders unter Amir Temur, wurden religiöse Bauten zum Instrument der Macht. Was für Barockkönige Schlösser und Gärten waren, waren für die Herrscher der Seidenstraße Medresen, Moscheen und Minarette. Und je höher der Turm, desto weiter trug das Echo des Gebetsrufes – und damit der Ruhm des Herrschers, der damals ohne Mikrofone seine Autorität über die Handelsrouten sendete.

Kurz fremdgehen: Die „7 Seen“ in Tadschikistan

Für einen Tag löse ich mich aus dieser Pracht und fahre nur knapp eine Stunde weiter an die Grenze nach Tadschikistan. Die gerühmte Tour zu den „7 Seen“ ist ein kleines Abenteuer: Wir schlängeln uns im Kleinbus über staubige Steinpisten von See zu See.

Hier klingt die Sprache anders. Tadschikistan hat sich – im Gegensatz zu den vier turksprachigen Nachbarstaaten Zentralasiens – seine persische Identität bewahrt. Wir passieren entlegene Dörfer, in denen viele Männer in russischen Goldminen arbeiten, während uns Kinder lachend entgegenlaufen und selbst gebastelte Perlenarmbänder verkaufen.

Die Seen schimmern türkis und tiefblau, eingerahmt von schroffen Felswänden und grünen Hängen. Solche Landschaften kenne ich schon von meiner Busfahrt von Albanien nach Mazedonien oder durch das türkische Ostanatolien Richtung georgische Küste. Aber die Mischung aus zwölf Nationalitäten im Kleinbus, der Stempel im Reisepass und die Gespräche unterwegs machen diesen Ausflug zu einem eigenen Erlebnis.

Auf der Suche nach dem perfekten Drink

Eine eigenständige usbekische Cocktailkultur gibt es (noch) nicht. Die Karten sind, wenn überhaupt vorhanden, meist eine Aufzählung einiger globaler Klassiker. In Buchara, im größten internationalen Hotel am Platz, studiere ich die übersichtliche Karte und wähle den „The Clover Club“. Die Reaktion der Barkeeperin ist pures Entsetzen, als hätte sie von dem Drink noch nie gehört. „What?“ fragt sie mich über die Bar hinweg mit erschrockenem Blick, bis der Restaurantchef als ein Retter herbeieilt und am Ende ein solide gemixter Drink vor mir steht. Den nächsten Versuch starte ich in Samarkand. Ich habe mir die „Aroma Lounge Bar“ ausgesucht – eine Rooftop-Bar im obersten Geschoss des Sardobek Hotels, direkt an der Fußgängerzone hinter dem Registan-Platz. Als ich abends die Treppe nach oben steige, liegen die beiden Barkeeper schlafend auf den Bänken – bis mein lautes „Salam Aleikum“ sie aus dem Powernap hochschrecken lässt. Ich blättere mich durch die üblichen zehn Klassiker. Mein Blick bleibt beim Cosmopolitan hängen. Erstens: Ich mag ihn. Zweitens: Er passt zu meinem Gefühl für dieses Land. Der Cosmopolitan ist in seiner heutigen Form ein Drink der 80er – pink leuchtend, süß-fruchtig und massentauglich; die Neuinterpretation eines Cocktails, der schon in den 30ern Erwähnung fand, damals jedoch deutlich trockener und mit anderen Zutaten gemixt. So sitze ich an meinem letzten Abend in Usbekistan nippend an meinem Cocktailglas und schaue über eines der berühmtesten Panoramen der Seidenstraße: die wunderschön beleuchteten Minarette und Medresen des Registan Platzes.

Die Mixtur: Der Cosmopolitan – Ulis Favorite

Seinen unsterblichen Kultstatus verdankt der Lady-Drink der Popkultur: Durch die Serie Sex and the City avancierte der Cosmopolitan zum Symbol weiblicher Emanzipation an der Bar – und ist der Gegenentwurf zum trockenen Dry Martini, dem Lieblingsdrink von James Bond.

Die Zutaten:

  • 4 cl Wodka – gerne ein hochwertiger, klarer Wodka wie Belvedere oder Grey Goose für eine besonders saubere Basis.

  • 2 cl hochwertiger Orangenlikör – ich empfehle Cointreau als der Standard für diesen Drink.

  • 2 cl frischer Limettensaft – immer frisch gepresst, da der Unterschied zu Flaschenkonzentrat eine eigene Welt ist.

  • 2–3 cl Cranberrysaft – achte auf einen hohen Fruchtgehalt und keinen überzuckerten Nektar, damit die Balance stimmt.

  • Eiswürfel Die Zubereitung:

  • Vorbereitung: Ein klassisches Cocktailglas vorkühlen – mit Eis oder im Gefrierfach.

  • Ab in den Shaker: Alle Zutaten in einen Shaker geben und kräftig auf viel Eis schütteln – bis der Shaker von außen beschlägt.

  • Double Strain: Den Cocktail durch einen Strainer und ein feines kleines Sieb in das Cocktailglas abseihen.

Sog‘lik uchun!