WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Wundenlecken nach dem WM-Debakel

Nicht nur Fußball-Deutschland, die ganze Gesellschaft hat schwer zu schlucken am frühzeitigen Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft. Schon wieder! Dabei hätte ein kleines Erfolgserlebnis richtig gut getan.

FUSSBALL-WELTMEISTERSCHAFT

Ronald Toplak

7/1/20263 min read

1:28 Uhr. Elfmeterschießen. Jonathan Tah schießt seinen Elfmeter gefühlt aus dem Gillette Stadium in Foxborough. Die Pille fliegt wahrscheinlich immer noch über Massachusetts. Irgendwo zwischen Boston und dem Atlantik.

Dann ist Schluss. Der nächste Morgen. Oder derselbe. Ich wische mir den Schlaf aus den Augen. Ich hatte einen Albtraum. Deutschland war im 1/16-Finale im Elfmeterschießen an Paraguay gescheitert. Kaffee. Zigarette. Handy.

Ich schaue einmal. Zweimal. Dreimal. Und plötzlich realisiere ich: Aus. Aus. Aus. Das DFB-Team ist raus. Schon wieder. Ich starre wie paralysiert auf das Smartphone. Seit dem WM-Titel 2014 ist Deutschland bei jeder Weltmeisterschaft krachend gescheitert. Immer Vorrunde. Immer früh nach Hause. Nun wurde das Turnier erweitert, ein Sechzehntelfinale eingeführt. Deutschland hat es tatsächlich geschafft, endlich mal ein K.-O.-Spiel zu erreichen, nur um sofort wieder zu verlieren.

Der einzige Spieler im Kader, der überhaupt noch wusste, wie sich ein WM-K.-O.-Spiel anfühlt, war Manuel Neuer. Der letzte Weltmeister. Mit 41. Er ist praktisch sein eigener Museumswärter. Das allein erzählt die ganze Geschichte.

Ich bin Boomer. Für uns war ein Viertelfinal-Aus eine nationale Tragödie. Eine mittlere Staatskrise. Heute würde man dafür einen Autokorso organisieren. Es gibt Teenager, die kennen die Nationalmannschaft nur als Mannschaft des Scheiterns. Sie glauben, „K.-O.-Spiel“ sei eine nostalgische Erfindung aus der Vor-Streaming-Ära. Für sie ist die Nationalmannschaft kein Turnierprojekt. Eher ein fortlaufendes Experiment mit unklarem Ausgang.

Weltmeister? Halbfinale? Finale? Für sie sind das Geschichten aus einer fernen Zeit. Erzählungen alter Männer, die noch DFB-Trikots im Schrank hängen haben. Und genau so eines hole ich hervor. Vierzig Jahre alt. Die Nummer 4. Karlheinz Förster. Ich streiche über den Stoff und denke an die guten alten Zeiten.

Ja, auch damals spielte Deutschland nicht immer den schönsten Fußball. Es gab Rumpelfußballer. 1982. 1986. 2002. Aber irgendwas ging immer. Finale. Halbfinale. Zumindest eine gute Platzierung. Es gab etwas, das größer war als Taktiktafeln und Datenanalysen. Selbstverständnis. Das ist weg. Einfach weg.

Diese Mannschaft wirkt mutlos. Harmlos. Ideenlos. Vor allem aber: emotional unterlegen. Was für Worte. Emotional unterlegen.

Die deutsche DNA bestand nie darin, schöner zu spielen als Brasilien, Spanien oder Argentinien. Die deutsche DNA hieß Einsatz. Kampf. Mentalität. Die Fähigkeit, in der 88. Minute noch einen Weg zu finden. Zu leiden. Sich durchzubeißen. Irgendwie weiterzukommen. Turniermannschaft war ein Mythos, vor dem sich andere fürchteten. Dieser Mythos liegt heute in Trümmern. Nein, schlimmer. Er ist zu Staub zerfallen. Der Respekt ist weg, wird nur noch in Dokumentationen erwähnt, gesprochen von Menschen mit weicher Stimme zu Archivbildern in Sepia.

Die deutsche DNA bestand einmal aus etwas Unverschämtem.

Nicht schön, aber da. Nicht elegant, aber hartnäckig.

Heute besteht sie aus Ballbesitzphasen mit moralischem Anspruch und der leisen Hoffnung, dass der Gegner irgendwann freiwillig nachgibt. Es fehlt an Charakteren. An Typen, die vorangehen. Verantwortung übernehmen. Es fehlt an Spielern, die in schwierigen Momenten sagen: Folgt mir. Stattdessen wirkt vieles verkopft. Verkrampft. Nie gab es eine Spieler-Generation mit so viel Talent und so wenig Ertrag.

Joshua Kimmich und seine Mitstreiter werden nicht mit großen Triumphen in Erinnerung bleiben, sondern mit Traumata, Tragödien und Tristesse. Inzwischen ist sogar die letzte Kernkompetenz verloren gegangen. Elfmeterschießen. Ausgerechnet Elfmeterschießen.

Früher hätte man darauf gewettet, dass Deutschland selbst mit verbundenen Augen und einem Schuh weniger vom Punkt gewinnt. Jetzt nicht mehr. Übrigens sollen Scouts der New England Patriots Jonathan Tah bereits ein Angebot unterbreitet haben. Im American Football hätte er keinen Elfmeter verschossen, sondern souverän ein Field Goal verwandelt. Humor muss sein. Sonst hält man das alles nicht aus.

Denn als wäre nicht schon alles desaströs genug, gab es obendrauf noch ein Statement des DFB.

Ursachenforschung wird angekündigt. Eine tiefgehende Analyse der Fehler. Die Zukunft von Bundestrainer Julian Nagelsmann bleibt offen. Das Statement ist so unbefriedigend wie die Leistung auf dem Platz.

Keine Klarheit. Keine Konsequenz. Nur Vertagung.

Aber das passt sogar. Denn dieses Turnier hat endgültig gezeigt, was viele nicht wahrhaben wollten: Deutschland ist im Weltfußball keine Großmacht mehr. Sondern zweitklassig. Wenn überhaupt.

Eine einst große Fußball-Nation ist zu einem Zwerg geschrumpft. Auf Augenhöhe mit Usbekistan, Curaçao, Kap Verde.

Und das Bitterste daran? Ein neues Sommermärchen hätte diesem Land gutgetan.

Sehr sogar. Stattdessen bleibt nur dieser Gedanke:

Kein Licht am Ende des Tunnels. Sondern ein Tunnel am Ende des Tunnels.

Und ich? Warte auf dem Balkon. Auf den Ball von Jonathan Tah. Ich schaue in den Himmel. Wie früher. Ich lebe in der ehemaligen Einflugschneise in Berlin-Spandau.