WAGNER Journal des Luxus und der schlechten Laune

Zwischen Pferdefleisch und Cocktailkunst

Almaty/Kasachstan: Die vorletzte Station von Ulis Cocktailreise. Zwischen Kamelmilch und French 42. Beinahe wäre unsere Autorin im Kyrill-Labyrinth verloren gegangen..

REISE

Ulrike Peter

6/24/20266 min read

Landung im Kyrill-Labyrinth

Kasachstan streife ich nur kurz in Almaty, die „Stadt der Äpfel“. Mit über zwei Millionen Einwohnern ist sie die größte Metropole, direkt an der kirgisischen Grenze. Der 90-minütige Flug von Taschkent führt über weite Steppen und Wüstenlandschaften. Kasachstan ist das größte Binnenland der Welt, ein riesiges Potenzial für Natur- und Abenteuertouristen. Im benachbarten Usbekistan hörte ich schon von anderen Reisenden: Das Land mausert sich gerade vom Transit zum echten Reise-Geheimtipp.

Am Flughafen Almaty bin ich plötzlich wieder Analphabetin. Während Usbekistan die Umstellung vom kyrillischen auf das lateinische Alphabet längst vollzogen hat, scheint sie in Kasachstan seit Jahrzehnten festzustecken. Zumindest sehe ich davon nichts. Schilder, Anzeigen, Karten – alles wirkt wie ein einziges Kyrill-Labyrinth. Zum ersten Mal seit meinem Start in Berlin lässt mich sogar Google Maps im Stich. Straßennamen sind nicht zu finden, Busverbindungen fehlen, mein digitaler Reisepartner versagt. Dazu spricht kaum jemand Englisch, ich kein Wort Russisch. Von einem Moment auf den anderen bin ich wieder auf das angewiesen, was Reisen vor dreißig Jahren ausmachte: Geduld, Improvisation, Reden mit Händen und Füßen.

Da trifft es sich gut, dass meine Unterkunft auf einer Abholung vom Flughafen bestanden hat. Vermutlich sind schon einige Gäste irgendwo zwischen Terminal und Innenstadt verloren gegangen. Kasachisch ist hier zwar die Amtssprache, doch Russisch bleibt auch 35 Jahre nach der Unabhängigkeit dominierend im Alltag. Auch mein Chauffeur spricht ausschließlich Russisch. Für eine Frage brauchen wir dann während unseres Gesprächs bei der Fahrt keine Übersetzungs-App. Er fragt mit ein paar Brocken Englisch nach den aktuellen Benzinpreisen in Deutschland. Als ich ihm die Zahlen nenne, verwandelt sich sein Lächeln kurz in echtes Staunen und er antwortet „Here Petrol 60 Cent. LPG 20 Cent.“

Wenn sich der Kreis schließt – Rückkehr und Nomaden-Mindset

Mein Guesthouse erweist sich als wunderbar gemütlicher Ankerpunkt. Beim Frühstück treffe ich gleich auf mehrere Reisende, die aus demselben Grund nach Kasachstan fanden: In den 1980er-Jahren wanderten sie aus der Sowjetunion nach Deutschland aus und sind nun, nach 40 Jahren, erstmals in die alte Heimat zurückgekehrt. Es brauchte offenbar vier Jahrzehnte, bis die Zeit für diesen Schritt reif war und den Mut zu fassen, sich dieser Vergangenheit zu stellen. Wenn wir beim Frühstück über unsere Reiseeindrücke sprechen, spiegeln sich Stolz, Neugier und Wehmut in den Gesichtern.

Eine andere Form von Heimkehr erlebe ich später bei meiner Walking-Tour mit meiner Guide Karakoz. Sie reiste einige Jahre als Digital Nomad durch Asien, bis sie das Heimweh schließlich wieder in ihre Heimat zog. Das klassische Nomadenleben in der Steppe mag zwar Geschichte sein, doch das Nomaden-Mindset ist geblieben: Die enge Verbindung zur Natur, der hohe Stellenwert der Pferdekultur und eine ausgeprägte Gastfreundschaft prägen die kasachische Identität bis heute. Karakoz erzählt mir außerdem, dass viele Kasachen ihre Wurzeln noch immer den drei historischen Stammesverbänden – den sogenannten Schüs – zuordnen. Im urbanen Alltag stehen heute jedoch Ausbildung, Beruf und der moderne Lebensstil im Vordergrund.

Almaty mit allen Sinnen: Ein Streifzug durch zwei Welten

Wir spazieren durch den weitläufigen, grünen Panfilow-Park. Vor uns ragt die Christi-Himmelfahrts-Kathedrale auf – ein hölzernes Wunderwerk von 1907, errichtet ohne einen einzigen Nagel. Direkt davor: ein quirliger Spielplatz. Nur wenige Schritte weiter eine monumentale Gedenkstätte mit der Ewigen Flamme, einem sowjetischen Symbol des Gedenkens an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs.

Auch die Panzer an den Parkeingängen gehören hier selbstverständlich zum Stadtbild. Ich stolpere innerlich kurz über diesen Raum-Mix – ein bis heute lebendiges Erbe des sowjetischen Parkverständnisses. Wir flanieren weiter entlang der Boulevards und probieren kasachische Schokolade und Kurt – kleine Kugeln aus fermentiertem Käse. Salzig, säuerlich und so haltbar, dass sie vermutlich jede Nomadenkarawane überleben würden. Wirklich sprachlos macht mich jedoch ein Geldautomat. Karakoz legt ihre Hand auf einen Scanner. Sekunden später spuckt das Gerät Bargeld aus. Keine Karte. Keine PIN. Nur die Handfläche. Ich bin fast neidisch, wie schnell und spielerisch Geldabheben hier funktioniert.

Zwei Stunden Fußmarsch liegen hinter uns, doch der eigentliche Höhepunkt meiner Tour steht noch aus. In einem traditionellen Restaurant füllt sich der Tisch mit fermentierter Kamelmilch und Beschbarmak – gekochtem Pferdefleisch mit Teigfladen und Brühe. Der Name bedeutet wörtlich „fünf Finger“, traditionell wurde das Gericht mit den Händen gegessen. Plötzlich fühlt sich das Nomadenleben ganz nah an. Es steht direkt vor mir auf dem Tisch. Wir sitzen zusammen und tauschen uns über unsere unterschiedlichen Welten aus. Zum Abschied umarmen wir uns herzlich.

„Everybody comes to Rick’s“: Casablanca-Magie in Almaty

Mein Abendziel: das „French 42“, Almatys erste Gin-Bar und vermutlich die einzige in ganz Zentralasien. Der Name ist dabei eine doppelte Referenz: Einerseits eine Hommage an den Filmklassiker Casablanca, der 1942 Weltpremiere feierte. Schon beim Betreten fühle ich mich wie in Rick’s Café – jenem Zufluchtsort im marokkanischen Exil, an dem sich einst die Welt traf. Andererseits verneigt sich die Bar vor einem legendären Cocktail-Klassiker aus dem Film: dem French 75.

Eine Inspiration, die direkt auch in den French 42 mündet, dem namensgleichen Signature Drink der Bar. In einem eigenen Labor tüftelt das Bar-Team an raffinierten Cordials und komplexen Aromen, um diesen und eine Vielzahl anderer Eigenkreationen modern zu interpretieren.

Dass die Bar regelmäßig in internationalen Rankings auftaucht, beweist: Hier trifft Vision auf exzellentes Handwerk, das selbst Tausende Kilometer von Hollywood entfernt eine magnetische Wirkung entfaltet. Besonders freue ich mich über einen vertrauten Namen auf der Karte: Monkey 47.

Der weltberühmte Schwarzwälder Gin hat es bis nach Zentralasien geschafft. Im Ginkabinet der Bar wird die Partnerschaft mit der Brennerei stolz neben internationalen Preisen präsentiert – ein kleines Stück Heimat am anderen Ende der Welt.

„Play it again, Sam!“ – ich nehme den ersten Schluck aus meinem French 42. Die Illusion wäre perfekt, würde jetzt jemand am Klavier „As Time Goes By“ anstimmen.

Der Mix: Der Cocktail French 42 aus Almaty – Uli's Favorite

Der klassische French 75 – benannt nach der französischen 75-mm-Feldkanone des Ersten Weltkriegs – war mit Gin, Zucker, Zitrone und seinem Champagner-Finish ein Symbol für den Luxus, den die Flüchtlinge im Casablanca-Exil so schmerzlich vermissten. Das Team vom French 42 bricht mit dieser Nostalgie: Mit Birne, einem Hauch Orgeat und einer Spur Absinth verleihen sie dem Klassiker ein modernes Upgrade. Vielleicht ist dieser Cocktail die perfekte Metapher für Almaty selbst: Er bewahrt die Struktur seines berühmten Vorbilds, fügt ihr aber eine unerwartete, eigene Seele hinzu. Kein Museumsstück, sondern eine lebendige Geschichte im Glas. Die holen wir uns jetzt nach Hause.

Die Zutaten:

  • 4 cl Gin – ein klassischer London Dry Gin bildet die Basis, z. B. Beefeater oder Bombay Sapphire.

  • 2 cl Birnenlikör – er verleiht dem Drink fruchtige Süße, achte auf hochwertige Destillate, ich empfehle den Williams-Birne Frucht-Liqueur von Schladerer aus dem Schwarzwald.

  • 1 cl Orgeat (Mandel-Sirup) – bringt die nussige Tiefe, von Monin oder Giffard.

  • 2 cl frisch gepresster Bio-Zitronensaft – für die nötige Balance und Frische.

  • 1 Dash Absinth (halber Teelöffel) – der Troublemaker, ich empfehle Kübler Absinthe.

  • Aufguss: ca. 6 cl trockener Sekt Brut oder Crémant – gut gekühlt, um den Drink zu vollenden.

  • Eiswürfel

Die Zubereitung:

  • Vorbereitung: Eine Sektflöte vorkühlen – mit Eis oder im Gefrierfach.

  • Ab in den Shaker: Alle Zutaten – außer dem Sekt – in einen Shaker geben und kräftig auf viel Eis schütteln, bis der Shaker von außen beschlägt.

  • Double Strain: Den Cocktail durch einen Strainer und ein feines kleines Sieb in das Glas abseihen.

  • Finish: Mit kaltem Sekt auffüllen und kurz und sanft mit dem Barlöffel anheben, um die feine Perlage zu bewahren.

Densaulyk úshin!