David Bowie und die Berliner Mauer
13. August 1961: nur mit dem Bau einer Mauer konnte die DDR die gewaltige Fluchtbewegung Richtung Westen noch stoppen. Westberlin – der „Stachel im Fleisch des Sozialismus“ – blieb und entwickelte sich zum Magneten für die internationale Kunst und Kulturszene. Einer dieser Künstler war der legendäre britische Rockmusiker David Bowie. Drei seiner wichtigsten Platten hat er in der Mauerstadt aufgenommen.
Wir waren weder Ost noch West. Niemandsland im Meer des Kalten Krieges. Wir hatten sogar einen eigenen Pass, einen behelfsmäßigen Personalausweis. Wir waren die Beuteltiere der Geschichte, die sich nur auf einer Insel entwickeln konnten. Umgeben von einem Betonmonster. West-Berliner. Bestaunt wie Exoten, in beiden Teilen des Landes. Und trotzdem frei. Stolz auf unsere Subkultur, für die uns Metropolen wie London oder New York beneideten. Die größten Künstler zogen in den Siebzigern und Achtzigern an die Spree, wurden Teil dieses unkonventionellen Gesellschaftsgefüges.
13. August. 65 Jahre Mauerbau. Das menschenverachtende Ungetüm steht nicht mehr. Dennoch werde ich nicht müde, von dieser Zeit zu erzählen. Geschichten, die Geschichte machten. Heute: David Bowie. Weil es passt.
Ich fahre mit der U7 bis Kleistpark. Von da ist es nur ein Katzensprung zur Hauptstraße. Schöneberg. Geprägt von türkischen und arabischen Lebensmittelläden, Bäckereien, Spätis und Imbissen, gemischt mit bekannten Supermarktketten und Drogerien. Laut. Voll. Funktional. Viel Beton, wenig Bäume. Schön ist anders. Mittendrin in diesem Multi-Kulti-Kosmos ein schlichter Altbau, eine klassische Mietskaserne aus der Gründerzeit. Von außen wirkt das Gebäude unauffällig, grau, keines, das zum Verweilen einlädt. Dennoch ist die Hausnummer 155 ein touristischer Hotspot. Weil hier im August 1976, vor genau 50 Jahren, eine der größten Ikonen der Musikgeschichte einzog: David Bowie. Sieben Zimmer, erster Stock.

Ich ziehe ein paar Meter weiter, ins Café Neues Ufer. Damals hieß es noch Anderes Ufer und war eines der ersten offenen Schwulenlokale Deutschlands. Bowie trank
hier fast jeden Morgen seinen Kaffee. Heute ich. Ich setze mich, bestelle einen Latte Macchiato, klappe den Laptop auf. Und schreibe über den Thin White Duke, den schlanken weißen Herzog – diesen Namen gab er sich in seiner Berliner Zeit selbst. Ein Lebensentwurf, wie er nur in dieser Stadt möglich war. Der damaligen Welthauptstadt der Avantgarde. Dem toleranten Paradies ohne Sperrstunde.
Ich bedanke mich bei der freundlichen Kellnerin. Wer weiß, vielleicht sitze ich ja genau auf Bowies Platz. Ich frage nach. David? Wer? Die junge Frau schaut ratlos. Was will der alte, weiße Mann. Egal. Ich tauche ab.
Ich war elf, als ich zum ersten Mal auf ihn stieß. Elf und ein musikalisches Greenhorn, das im Plattenregal der Eltern wilderte. Heimlich. Dann diese Scheibe. Ziggy Stardust, dieses Gesicht, das nicht ins Bild passte zwischen Rock n‘ Roll, Jazz, Schlager und Beatles. David Bowie. Ich hatte keine Ahnung, wer das war. Ich wusste nur: Das ist anders. Das ist meins.
West-Berlin roch damals nach Kohleöfen und Currywurstfett, nach Zweitaktergestank von drüben, der über die Mauer wehte. Eine Stadt wie eine Käseglocke. Eingemauert, abgeschnitten, auf sich selbst zurückgeworfen – und genau deshalb frei. Kein Wehrdienst, keine Enge der Bundesrepublik, dafür Freaks, Aussteiger, Künstler, die alle hierher zogen, weil hier andere Regeln galten. Unser Milieu. Und mittendrin, ab August 1976: er.
Nicht als Gerücht, nicht als Randnotiz im Musikexpress. Er bleibt. Erstmal bei Edgar Froese, dem Tangerine-Dream-Mann, Schwäbische Straße, Bayerisches Viertel, weil die Wohnung in der Hauptstraße noch nicht fertig war. Iggy Pop zieht mit ein in die Sieben-Zimmer-Wohnung über dem Ersatzteilladen, flieht aber bald in die Bude nebenan. Streit ums Essen im Kühlschrank. Stellt euch das mal vor: zwei der größten Rock-Chaoten ihrer Zeit, und der Zoff geht um Käse und Wurst. Er fährt mit dem Rad zu den Hansa-Studios. Mit dem Rad! Durch Kreuzberg, an der Mauer entlang, zum Aufnehmen von Platten, die die Welt verändern werden. Er geht in den Dschungel tanzen. Er sitzt in der Szene, nicht über ihr. Kein Tross, keine Distanz. Man hätte ihn treffen können. Beim Bäcker, in der U-Bahn, wer weiß. Das ist der Kern, der mich bis heute fasziniert: Er war nicht das Idol auf Distanz. Er war einer von uns. Mitten im eingemauerten Soziotop, ganz normal, ganz greifbar – und trotzdem der größte Popstar der Welt.

Warum er kam? Offiziell, weil er clean werden musste. LA hatte ihn zerlegt, Kokain, Paranoia, Magie-Wahn, die Häutung eines Mannes, der sich selbst verloren hatte. Aber Berlin war keine Entzugsklinik. Berlin war kein Krankenhaus für einen Süchtigen. Berlin war der Magnet, der ihn anzog, weil hier eine Subkultur pulsierte, die ihresgleichen suchte – Edgar Froese, die Krautrock-Szene, Kraftwerk, Punk. Neu!, alles, was Bowie in LA nie gefunden hätte. Er kam nicht zu Trümmern. Er kam zu Gleichgesinnten. Und in dieser Freiheit, in dieser Anonymität einer Stadt, die sich einen Dreck um Weltstars scherte, fand er sich selbst wieder. Die Berlin-Trilogie ist das Ergebnis.“ „Low“, „Heroes“, „Lodger“ – Platten, die aus dieser Energie entstanden sind, nicht aus einer Rekonvaleszenz.
In den Achtzigern dann die zweite Wendung. Aus der heimlich geklauten Scheibe wurde ein Orden. Man legte Bowie auf, nicht um zu hören, sondern um zu zeigen, wer man war. Die Platte im Regal war ein Ausweis. Und irgendwo im Hinterkopf immer dieses Wissen: Der Typ auf dem Cover hat mal bei uns gewohnt. In Schöneberg. Über einem Ersatzteilladen. Das war unser Ritterschlag, auch wenn wir ihn uns nie verdient hatten – wir hatten ihn einfach geschenkt bekommen, durch Geburt in dieser Stadt. Mein Kumpel hat später sein ganzes Geld in Vintage-Anzüge gesteckt. Die gleichen wie Bowie. Ich hab ihn nie gefragt, ob er das wusste, das mit Froese, dem Kühlschrank-Streit, dem Fahrrad zu den Hansa-Studios. Aber ich glaube, das war auch egal. Ich warf mich ebenfalls in Schale, weil man ein Stück von dem tragen wollte, was diese Stadt einmal beherbergt hatte.
Fünfzig Jahre ist das jetzt her. Ich sitze noch im Neuen Ufer, der Latte Macchiato ist kalt geworden. Der Geruch von Kohleöfen ist weg, die Mauer ist weg, der Dschungel ist weg. Bowie lebt nicht mehr. Leider! Die Kellnerin weiß nicht, wer David war. Macht nichts. Ich bin 61, und wenn ich „Starman“ höre, bin ich wieder elf, stehe vor dem Plattenregal meiner Eltern, und die Stadt, in der ich groß geworden bin, hat für einen kurzen Moment wieder diesen ganz eigenen, unvergleichlichen Klang.
Meine Ärztin, ähnlich alt wie ich, fragte heute: „Ich komme ja aus dem Osten. Wie war es damals in West-Berlin?“ Lesen Sie das, Frau Doktor.

