Tatort Gartenlaube
13 Einbrüche innerhalb weniger Jahre. Je schöner die Gartenlaube, desto attraktiver ist sie auch als Ziel für Einbrecher. Meist ist die Beute minimal, dafür ist der Schaden oft um so größer.
Den Einbruch habe ich nur zufällig entdeckt: Ich war im Garten meiner Ex, um Brombeeren zu pflücken. Weil ich einen Beutel brauchte, ging ich ins Haus und sah, dass alle Schränke aufgerissen und durchwühlt worden waren. Das Fenster in der Küche hatte jemand ausgehebelt.
Aber, kein Grund zur Aufregung, es war bereits der dreizehnte Einbruch innerhalb weniger Jahre. Alle Schrebergärten am äußeren Rand der Kolonie waren wieder einmal geplündert worden, Dutzende. Der Wert der Beute – wie immer – minimal, der Sachschaden dafür umso größer. Vom mentalen Schaden bei den Leuten, die sich hier erholen wollen, gar nicht zu reden.

Aber wer hier, am Rand der Schönholzer Heide in Berlin-Pankow, seinen Garten hat, kennt das schon: mindestens zweimal im Jahr kommen die Einbrecher – Sylvester und in den Sommerferien. Viele der Kleingärtner haben die Nase voll und würden am liebsten aufgeben, aber ganz ohne Garten will auch keiner sein, erst recht nicht, wenn dieser mitten in der Stadt liegt und schnell zu erreichen ist.

Bei den Einbrechern gibt es verschiedene Kategorien: die größte und aktivste Gruppe sind die Profis. Banden, die häufig aus Polen, Rumänien oder Serbien kommen und alles klauen, was sich irgendwie verkaufen läßt. Wenn ich auf dem Flohmarkt Tische und Kisten mit Werkzeug sehe, dann ist mir völlig klar, wo das Zeug herkommt. Das gleiche gilt für Rasenmäher oder Bohrmaschinen, die für kleines Geld bei eBay angeboten werden.
Jahrelang habe ich nachts gearbeitet und immer wieder sind mir leicht angerostete, weiße Transporter mit polnischem Kennzeichen begegnet. Zu gern hätte ich mal reingeschaut in einen. Klar war aber auch so, dass damit keine Brötchen ausgefahren wurden.
Die zweite Tätergruppe sind Jugendliche, die sich ausprobieren und schon mal üben für eine spätere große Karriere als Hühnerdieb. Der erste Schuss Heroin wird oft in einer Laube gesetzt. Sicher kein Zufall, dass sich der islamistische Attentäter vom Christopher Street Day auf dem Gelände einer Laubenkolonie verstecken wollte. Normalerweise riesige, unübersichtliche Areale, wo man nicht gefundenen wird. Außer die Polizei macht ernst und setzt Hubschrauber und Hunde ein. Dann wird auch ein Attentäter schnell entdeckt und erschossen.

Meist machen sich die Beamten aber nicht soviel Mühe. Nach einem der Einbrüche bei meiner Ex wurden allerdings einmal sogar Fingerabdrücke genommen. Wochen später konnte ein Verdächtiger festgenommen werden, wegen schwerer Körperverletzung. Schadenersatz gab es keinen. Der Beschuldigte war mittellos und einem nackten Mann kann man bekanntlich nicht in die Tasche fassen.
Auch die Versicherungen werden offenbar kaum noch mit Laubeneinbrüchen behelligt. Bringt sowieso nichts. In Berlin gibt es laut Tagesspiegel pro Jahr zweitausend Einbrüche in Gartenlauben, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.
Außer den professionellen Einbrechern und kriminellen Jugendlichen gibt es noch eine dritte Tätergruppe, die mit Abstand am gefährlichsten ist: Obdachlose, Verzweifelte und Verwirrte. Viele Laubenpieper schließen inzwischen nicht mehr ab und legen zehn Euro auf den Tisch, dazu Zigaretten und eine Flasche Bier. So sollen die Eindringlinge besänftigt werden. Niemand will, dass seine geliebte Laube verwüstet, mit Exkrementen beschmiert oder in Brand gesteckt wird.

Die Eindringlinge sind oft völlig desorientiert und indolent. In einem Fall habe ich einen Mann erlebt, offensichtlich aus Osteuropa, der anderthalb Tage bei einem achtzigjährigen Nachbarn auf dem Sofa saß und nicht weggehen wollte.
Die Folgen der mangelhaften Sicherheitslage sind massiv: gerade Frauen mit kleinen Kindern können kaum noch sorglos in ihrem Gartenhaus übernachten. Bei vielen Laubenpiepern macht sich kalte Wut breit. Warum gelingt es dem Staat nicht, ihren kleinen privaten Bereich genau so effektiv zu schützen wie die Stadtteile mit Eigenheimen? Bürgerwehren und nächtliche Patrouillen sind keine Alternative.
Die Stimmung kippt. Immer mehr Laubenpieper, Arbeiter, Rentner und zum Beispiel auch Polizisten wenden sich den Rechtsradikalen zu, die ihnen versprechen, künftig hart durchzugreifen und für Sicherheit zu sorgen. Eine Sicherheit, die es übrigens nie gegeben hat. Bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trieben sogenannte wilde Jugendcliquen in den Laubenkolonien ihr Unwesen. Zehntausende Arbeitslose wohnten in den Lauben, teils unter schlimmen Verhältnissen.


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